Alle fünf Jahre bittet die Kunsthalle Wien ausländische Kuratoren, die Wiener Kunstszene zu durchforsten. Am 5. März ist es wieder soweit, „Lebt und arbeitet in Wien", Teil 3, eröffnet. Die „Presse" bekam vorab die Künstlerliste zu sehen, ein wilder Mix aus 32 Künstlern, von Maria Bussmann, Tillman Kaiser, Constantin Luser, Mahony, Katrin Plavcak, Lukas Pusch bis zu Arrivierteren wie Lisa Ruyter, Rudolf Polanszky, Mara Mattuschka. Die Moskauerin Olga Sviblova, die zweimal den Russischen Pavillon bei der Biennale Venedig kuratierte und im Juni ein Multimedia-Museum eröffnet, war eine von vier Kuratorinnen, sah über 100 Portfolios und Dutzende Ateliers.
Welche Überraschungen erlebten Sie dabei?
Olga Sviblova: Ich war überwältigt von der plastischen Freiheit, den vielen Materialien, die verwendet werden. Und vom vibrierenden künstlerischen Leben hier. Vielleicht ist es das Ergebnis der einzigartigen Konzentration von Kunstmuseen und Kunstakademien in Wien. Besonders interessant für mich war auch der Schwerpunkt auf die Zeichnung als intimer, persönlicher Ausdruck.
Politische Kunst dagegen ist selten.
Generell konzentriert man sich in Wien auf existenzielle und plastische Kunst. Wenn soziale Fragen behandelt werden, dann eher globale, selten bezieht man sich auf die Situation im Land.
Was sind die Unterschiede zur Berliner und Moskauer Kunstszene?
Kunst aus Moskau oder Berlin scheint mir aggressiver, die Kunst in Wien weniger radikal zu sein. Die Wiener Szene ist allerdings sehr umfangreich. Allein die Zahl der Künstler, die wir besucht haben ist größer als die gesamte Moskauer Szene! Außerdem ist für die Moskauer Szene der russische Konzeptualismus von primärer Bedeutung. Vieles bezieht sich auf die jüngere Geschichte. Das hat damit zu tun, dass wir immer noch nach einer neuen Identität suchen. Im Vergleich dazu war ich überrascht, dass der Wiener Aktionismus die Wiener Künstler heute nicht mehr interessiert.