Betonpatscherln für die Architekten
Von Claudia Aigner
Ein riesiges Loch, wo doch eigentlich unsere Staatsoper
stehen sollte? Das muss eine Zeitreise sein. Zum Glück für die Oper eine
in die Vergangenheit. Konkret: in das Jahr 1863, als die "K. K. Hofoper"
(heute Staatsoper) nichts weiter als eine Baugrube war. Und wer die ganze
Geschichte kennt, weiß: Man schaufelt hier quasi auch schon das Grab für
die beiden zuständigen Architekten Eduard van der Nüll und August Siccard
von Siccardsburg. Denn die Oper hat sie schlichtweg umgebracht.
"Blickfänge einer Reise nach Wien": Das Historische Museum lädt noch
bis 29. Oktober zu einer Tour quer durch das historische Wien der Jahre
1860 bis 1910. Dafür hat man die Reisehandbücher der Zeit konsultiert und
mit Fotos aus den eigenen Beständen ein Programm für zehn Tage
zusammengestellt. (Die Aufnahmen haben ja tatsächlich etwas von -
ansichtskartentauglichen - Erinnerungsfotos.) Ein gescheiter Kunstgriff,
um die Ausstellung praxisnah und lebensecht zu strukturieren. Man plant
sogar jeweils eine Mittagspause ein. Jeder Sehenswürdigkeit wird kurz
hallo gesagt: Schloss Schönbrunn, Schloss Belvedere, dem Stadtpark, der
Karlskirche oder gar entscheidenden Ingenieursleistungen wie der
Wienflussüberwölbung oder der Donauregulierung. Man ist dabei, wenn Wien
völlig umgekrempelt wird. Und da sich der Kaiser nun einmal die Ringstraße
in den Kopf gesetzt hat (spätestens 1858) und der Stadtwall, die Basteien
und der Stadtgraben schnell aus dem Weg geräumt waren, und weil die
Gründerzeit überhaupt sehr bauwütig war, muss man nicht lange suchen, um
über eine "Filiale" der Großbaustelle Wien zu stolpern. Die
Votivkirche: Sie sticht den Steffel insofern aus, als sie zwei ganze Türme
hat (und nicht nur eineindrittel). Die Oper: Die sieht ja wirklich so aus,
als hätte jemand einmal mit der Faust oben draufgehauen. Und jetzt steht
sie sozusagen mit den Zehen in der Ringstraße. Ein Vergleich mit den
Betonpatscherln in Mafiakreisen mag ja geschmacklos sein, aber auf ihre
Weise haben auch diese "Patscherln" ihren Zweck erfüllt und endeten
schlussendlich tödlich (für die Architekten). Der Rohbau stand schon, da
fiel plötzlich jemandem ein, dass man die Straße um einen Meter erhöhen
muss. Van der Nüll erhängte sich aus Gram über die höhnische öffentliche
Meinung ("versunkene Kiste", "Königgrätz der Baukunst"), Siccardsburg
starb dann nachgesagterweise an gebrochenem Herzen. Wenn jemand eine
Reise tut, so muss er auch irgendwo ein- und irgendwo anders wieder
aussteigen. Zum Beispiel am Nordbahnhof, einem wahrhaft melodramatischen
Gebäude, dem man es gar nicht ansieht, dass hier einfach nur Züge
abfahren. (Mit diesem "Schloss Neuschwanstein unter den Bahnhöfen", das
Weltkrieg Nr. 2 nicht überlebt hat, hat man wirklich etwas verloren.)
Auch für das leibliche Wohl ist in der Schau gesorgt. Freilich kann
man sich nicht selbst seinen kleinen Braunen bestellen, aber immerhin
zusehen, wie andere den ihren (vielleicht auch eine Melange) trinken (im
Café Griensteidl oder im Café Central, dem "Hauptwohnsitz" von Peter
Altenberg). Und indirekt hat man auch darauf nicht vergessen, wo
letztendlich aller Kaffee hingeht: Das Berühmteste an der Rudolfskaserne
sind ja ausgerechnet die Toiletten. Man kann aber nicht behaupten, dass
sie eine Sehenswürdigkeit wären. Sehen kann man sie nämlich nur, wenn man
vor lauter Harndrang schon halluziniert. (Bei der Planung des Gebäudes hat
man einfach nicht daran gedacht, dass der Mensch ja dann und wann auch
"austreten" muss. Es ist anzunehmen, dass man das mittlerweile wieder
gutgemacht hat.) Alles in allem fehlt keine Zutat für zehn gelungene
Tage Bildungs- und Vergnügungsurlaub in der Reichshauptstadt. Die
Weltausstellung von 1873 im Prater läuft "außer Konkurrenz". (Oder man
hängt einfach selbst noch 40 Tage dran, denn so lange hätte man nach
vorsichtigen Schätzungen gebraucht, um auch wirklich alles zu sehen.)
Darüber hinaus bekommt man hier einen guten Einblick in die
fotografischen Techniken des 19. Jahrhunderts: Daguerreotypie, Ferrotypie,
und wie sie alle heißen. Da und dort wird koloriert (eine Opernsängerin
etwa wie ein blassrosa Marzipanschweinchen) oder das Riesenrad mit einem
Stift nachgezeichnet. Und egal ob Purpurbraun oder Olivschwarz: Damals war
der Bildton eindeutig schöner und reicher als bei späteren
Schwarz-Weiß-Fotos.
Erschienen am: 05.09.2000 |
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