Dass sich die Fotografie zur Wirklichkeit so verhalte wie der Fingerabdruck zum Finger, ist nicht erst seit Erfindung digitaler Bilderwelten obsolet. Viele Fotokünstler agieren im Wissen um die Unmöglichkeit einer objektiven Wiedergabe der Realität. Wenn es aber darum geht, das Regelwerk des Mediums offenzulegen, seine technischen Bedingungen, Gebrauchs- und Funktionsweisen zu hinterfragen, dabei Ironisches und ästhetisch Eingängiges zu schaffen, dann braucht es Künstler wie Michael Schuster.
Während die Neue Galerie des Landesmuseums Joanneum dem Grazer (*1956) noch bis 18.Mai eine Retrospektive widmet, eröffnete das „Artelier Contemporary“ (vormals Galerie Edition Artelier) mit Arbeiten Schusters einen neuen Showroom in unmittelbarer Nähe zum Kunsthaus Graz.
Color Control Patch immer dabei
Mit den Rohstoffen der Fotografie arbeitet Schuster schon lange: Farbkeile, Fotopapier, Filmschachteln und die Kamera selbst avancieren bei ihm immer wieder zum Ausstellungsobjekt. Der Kodak Color Control Patch zum Beispiel. Üblicherweise wird er im Fotolabor zur Überprüfung der Farbechtheit einer Aufnahme verwendet. In Schusters „K.C.C.P. in USA“ (1993) wird er zum Bildakteur vor Sehenswürdigkeiten in sämtlichen US-Bundesstaaten. So, als wollte er die Farbechtheit der dortigen Attraktionen prüfen oder darauf hinweisen, dass es sich bei einem Foto immer um ein Produkt der Inszenierung handelt.
Ausgewählt wurden die „Blickpunkte“ durch die Tourismusbüros der Bundesstaaten, die ersucht worden waren, die „prominentesten“ Motive ihres Landes zu nennen. Die blaue Hinweistafel zur Markierung der besten Aussichtsplätze hat Schuster als Edition gleich mitproduzieren lassen (4000€). In Anlehnung an diese frühe Arbeit präsentiert die Galerie eine aktuelle ortsbezogene Version mit Grazer Uhrturm.
Wie sich 360-Grad-Raumwahrnehmung in die Fläche bannen lässt, verdeutlichen zwei Leuchtkasten-Arbeiten. Die Aufnahmen entstanden mit einer Round-Shot-Kamera, die sich speziell für Panoramaaufnahmen eignet. Die Wahrnehmungsbedingungen des Rundumblicks unterwandert Schuster in diesen Arbeiten gefinkelt (8000€).
Auch Schusters Werke mit ganz anderen Bezugsquellen begeistern in dieser Ausstellung. Etwa die verchromte Satellitenantenne, die dem Besucher das eigene verzerrte Antlitz entgegenwirft und den trotz der Überfülle an Nachrichten einseitigen Informationstransport medialer Institutionen thematisiert. Oder die farbwechselnden LED-Displays mit bekannten Floskeln aus dem Briefverkehr: „Mit der Bitte um Kenntnisnahme“ oder „To whom it may concern“.
„Nimm 3 zahl 2!“
Der Appell an den Betrachter ist hier ebenso unübersehbar wie in den scheibenförmigen Leuchtobjekten mit der Aufschrift „Nimm 3 zahl 2!“ (7000€). Gerade im Umfeld exklusiver und hochpreisiger Kunstproduktion amüsiert diese Aufforderung besonders.
Dann stiehlt uns Michael Schuster noch Zeit, wenn er neun zum Tableaux arrangierte Quarzuhren jeweils eine Minute unterschlägt. Für die Unregelmäßigkeit menschlicher Konstruktion und Technik lässt sich wohl kaum ein poetischeres Kürzel finden. (Bis 24.5., Griesgasse 3, 8020 Graz)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2008)
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