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Tabubruch mit Wurm

27.11.2008 | 19:08 | ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Gratulieren Sie den 1000 vom ORF eingesparten Mitarbeitern, jetzt den ganzen Tag lang fernsehen zu können.

“ Nein, das ist keiner der „44 Vorschläge“, die der österreichische Bildhauer Erwin Wurm gestern im deutschen Wochenmagazin „Die Zeit“ veröffentlicht hat. Dafür stehen dort auf neun niedlich zuckerlrosa hinterlegten Seiten boshafte Aufforderungen wie „Sagen Sie einer Feministin, mit dem Arsch habe sie diese Einstellung gar nicht nötig“. Oder „Sagen Sie einem Amerikaner, wie froh Sie seien, dass er so einen feschen Neger zum Präsidenten bekommen habe“. Oder: „In der Schlange an der Supermarktkasse vordrängeln und rufen: ,Lassen Sie mich durch, meine Familie war in Auschwitz!‘“

Was Deutschen schnell einmal das Blut in den Adern gefrieren lässt, wird in Österreich teils noch immer als Altherrenwitz belächelt. Christoph Siemes, stv. Feuilleton-Chef der „Zeit“, erwähnt demgemäß auch die „interkulturelle Feldforschung“, die das Kunstprojekt begleitete, während die Redaktion mit Wurm gemeinsam ursprünglich sogar 365 „Gemeinheiten“ suchte.

44sind es letztendlich nur geworden, manche mehr, die meisten weniger diffizil. Gemeinsam bilden sie eine „Soziale Skulptur“, wie Wurm sich wünscht. Ein direkter Verweis auf Joseph Beuys' „Soziale Plastik“, die meinte, dass Kunst Menschen zum Handeln bringen und so tatsächlich die Gesellschaft verändern könnte. Wurms fiese „Anweisungen“ verkehren diesen idealistischen Ansatz sarkastisch ins Gegenteil, nicht anders denkbar in der Postmoderne.

Doch wie schon der Künstler unfassbar bleibt hinter seiner ungebrochenen Bösartigkeit, die alle nur erdenklichen Empfindlichkeiten trifft, so können auch wir uns locker distanzieren. Denn wir befinden uns in markierten Wildwässern der Kunst, haben eingecheckt am Schiff der Erkenntnis, sind eingelullt vom Schaukeln des Zynismus und trudeln amüsiert von einem Programmschock zum nächsten. So gesehen sind Wurms Wummersätze in ihrer plakativen Unkorrektheit wieder wasserdicht politisch korrekt. Das ist das eigentlich Zynische daran.


almuth.spiegler@diepresse.com


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