Große Zusammenhänge
Wiener Zeitung: Sie haben Ihre Lupe immer griffbereit an einer Kette um
den Hals gehängt bzw. in der Brusttasche verstaut - wie ich vorher während
einer der raren, von Ihnen selbst vorgenommenen Führung sehen
konnte. Ernst Fuchs: Ich muss immer öfter schauen, ob a Signatur
echt ist oder nicht. Ich habe noch nicht den Überblick verloren über mein
Werk, nein, aber neuerdings probieren verschiedene meiner ehemaligen
Drucker oder deren Nachfolger, irgendwas aus meinem Radierungs-Bereich
raus zu schmuggeln. Und da bin ich jetzt etwas misstrauisch geworden. Aber
es sind mir bis dato noch keine Fälschungen untergekommen, nur Nachdrucke
- aber das passiert ja auch. Und wenn es nicht signiert ist . . .? Echt
sind die Drucke schon, eine Radierung kann man eigentlich nicht
fälschen.
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Es sind verschiedene limitierte
Auflagen erschienen, die sind von mir nummeriert und signiert. Und
wenn plötzlich ein Blatt aus dieser Serie ohne Nummer erscheint,
ohne Signatur, dann bin ich sicher: jemand hat das als Nachdruck
hergestellt - also Vorsicht ist
geboten. |
Es sind verschiedene limitierte Auflagen erschienen, die sind von mir
nummeriert und signiert. Und wenn plötzlich ein Blatt aus dieser Serie
ohne Nummer erscheint, ohne Signatur, dann bin ich sicher: jemand hat das
als Nachdruck hergestellt - also Vorsicht ist geboten. W. Z.: Ihr Kult
mit dem Kapperl: Entwerfen Sie die selber? Fuchs: Meine Kapperl
entwerfe ich selbst, die sind aus Stoffen nach meinem Entwurf. Meistens
Stofftapeten, die bei mir in der Villa auch Anwendung fanden. Aus Resterln
hat meine Mutter, als sie noch lebte, mir noch Kapperln genäht. Jetzt näht
diese meine Tochter Marie. Ich habe gar nicht so viele Kapperln, wie man
glauben könnte, nur etwa 10 Stück. W. Z.: Vor einiger Zeit haben Sie
sogar zugunsten des Tiergartens Schönbrunn einen Jaguar (ein Auto, nicht
eine Raubkatze) bemalt, wie kam es dazu? Fuchs: So, wie es bei diesen
Dingen immer zugeht: Wohltätigkeits-Veranstaltung, Versteigerung: Was
versteigert man? Was haben die Leute am liebsten, was gewinnen s' gern . .
. W. Z.: Wovon haben Sie mehr bzw. schneller genug: Rolls-Royces oder
Kinder? Denn man sagt Ihnen ja nach, dass Sie nicht mehr ganz genau
wissen, wovon Sie wie viele haben . . . Fuchs: Doch doch, das weiß ich
ganz genau: Zwei, die sind inzwischen einmalige Oldtimer, mit denen ich
nie fahre. Aber Kinder (laut Biografie 15 an der Zahl, Anmerkung ) sind
etwas ganz Lebendiges, die entwickeln sich - was man von einem Auto nicht
sagen kann. Und ein gutes Auto erspart einem sehr viel Geld, weil in der
Zeit, in der ich einen Rolls-Royce fahre, müsste ich eine andere Automarke
zehnmal wechseln . . . W. Z.: Aber wenn Sie damit eh nicht fahren?
Fuchs: Nein, aber eine andere Automarke ist nach zehn Jahren nix mehr.
Aber ein Jaguar, ein Old-Daimler, ein Rolls-Royce . . . W. Z.: Apropos
Kinder: Sie sind schon mit 15 Jahren auf der Akademie aufgenommen worden.
Heute würde man Ihnen den zweifelhaften Ehrentitel "Shootingstar"
verleihen. Fuchs: Naja, das ist gar nicht eine so einmalige Sache. Der
Arik Brauer war vielleicht nicht ganz ein Jahr älter als ich. Wir sind
gleicherzeit ins erste Semester nach dem Krieg gegangen. Detto war da der
Wolfgang Hutter auch nicht wesentlich älter.
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Ich war zwar der Jüngste mit 15,
aber das war gar keine Seltenheit damals. Da brauchte man keine
Geburtsurkunden und Zeugnisse, man musste nur die Aufnahmsprüfung
bestehen - nach anderen Dingen hat man nicht gefragt. W. Z.: Für
die Surrealisten wie für Ihren Kollegen Arik Brauer scheint Musik
wichtig zu sein. |
Ich war zwar der Jüngste mit 15, aber das war gar keine Seltenheit
damals. Da brauchte man keine Geburtsurkunden und Zeugnisse, man musste
nur die Aufnahmsprüfung bestehen - nach anderen Dingen hat man nicht
gefragt. W. Z.: Für die Surrealisten wie für Ihren Kollegen Arik
Brauer scheint Musik wichtig zu sein. Von Ihnen gibt es ja auch mystische
Gesänge und Schallplattenaufnahmen "Von Jahwe" und "Via Dolorosa".
Fuchs: Es gibt von mir 350 verschiedene Tonträger, Balladen, alles
Mögliche. Nur, ich habe mich bisher noch nicht mit der Veröffentlichung
dieser Produktion von mir befasst. Da ist vor allem der Zeitmangel schuld
daran. Ich komme ja außer zum Schreiben und Notieren dieser Dinge
überhaupt nicht dazu - wie man so schön sagt: es zu vermarkten. Außerdem:
mystische Gesänge haben keinen Markt, das weiß ich! W. Z.: Aber der
Markt ist dem Namen hörig. Fuchs: Ja, aber da glaube ich nicht, dass
es ausreichend ist. In einem anderen Feld vielleicht. Ich weiß das z. B.
von meinen Bildhauereien, meinen Plastiken. Da hat es eine Weile gedauert,
bis sich die Leute daran gewöhnt haben, dass ich als Bildhauer und als
Architekt arbeite. Die Leute sind doch im Großen und Ganzen angewiesen auf
eine Art Schul- und Schubfachdenken. Kategorien: Wer ein Grafiker ist, ist
ein Grafiker, ein Bildhauer ist ein Bildhauer, und ein Maler ist ein
Maler. Und wenn ein Maler auch schreibt - das hat schon mein Lehrer
Gütersloh, der ein großer Dichter und Maler war, erkennen müssen - ist
dies etwas, das die Gesellschaft nur sehr schwer annimmt. Der Impetus
zum Schreiben und zum Tonaufnehmen war immer da und hat mich genauso
bewegt wie der Wunsch zu malen oder bühnenzubilden. Bei mir sind Wort und
Ton ein und dasselbe. Ich bin nicht ein Dichter, der Lyrik schreibt,
sondern ein Hymniker, ein Psalmist, würde ich sagen. Ich kann ohne "Mélos"
auch gar nicht dichten oder sprechen. Es ist mir ein Bedürfnis, dass diese
beiden Dinge bei mir in Einheit in Erscheinung treten. Was ich schreibe,
ist auch zugleich für einen ganz bestimmten Mélos geschrieben, und im
Studio halte ich das fest. Ich schätze, es sind etwa 350 Produktionen da.
Von denen sind einige erscheinen und die hatten auch ihre Liebhaber
gefunden. Aber das sind doch eher Menschen von seltener Natur, die
sich für mystische und biblische Texte interessieren. W. Z.:
Heutzutage ist Remixen modern, also wird es möglicherweise in zehn Jahren
"Ernst-Fuchs- Remixed" geben? Fuchs: Möglich! Da es mich dann
wahrscheinlich hier nicht mehr gibt, kann mir das ziemlich egal sein.
Jedenfalls die Aufnahmen, die ich gemacht habe, wären dann sowieso
richtungsweisend - was auch immer man damit anfangen will. Jedenfalls, an
das Wort sind sie gebunden! W. Z.: Über Picasso haben Sie angeblich
gesagt, Sie würden ihn erst ernst nehmen, wenn er eine Frau heiratet, die
so aussieht, wie er sie malt? Fuchs: Der Ausspruch stammt ganz
bestimmt nicht von mir. Das ist eine Anekdote, die mir in den Mund gelegt
wird. Der Picasso ist in meinen Augen einer der wenigen, der unter den
L'art-pour-l'art-Künstlern Schönes gemacht hat: Epoque bleu, rose . . .
und auch die späten Bilder! Ich finde die Bilder von Picasso überhaupt
nicht hässlich. Ganz im Gegenteil: Sie haben etwas Klassisches, und jedes
seiner Bilder ist ein Zeichen großer Begabung. Neben Salavdor Dalí und Max
Ernst der große Künstler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. W.
Z.: Themenwechsel: Haben Sie über unsere "Surrealisten" in der Politik
etwas zu sagen? Fuchs: Nein! Das sind keine Surrealisten! Das sind
doch Realisten. Ich finde schon allein, dass wir dem Nulldefizit nahe
kommen, ist eine sehr realistische Leistung. W. Z.: Und die
"Meisterklasse Haider": Ist es da besser, dass man die Hälfte des Jahres
in Monte Carlo lebt und dort arbeiten kann? Fuchs: Ja, aber das tue
ich doch schon seit Jahrzehnten. Das hat mit der jetzigen Regierung wenig
zu tun. Ich finde, dass ich - im Vergleich zu anderen Künstlern - mich mit
Politik nie beschäftigt habe. Sehr wohl mit Religion. Und die
Alltagspolitik ist ja meistens eine Verschleierung der größeren
Zusammenhänge, die sowieso in der Nationalpolitik kaum Niederschlag finden
in einer Weise, die die Menschen durchschauen. Das sind große
Zusammenhänge über Jahrhunderte hinweg. Wenige sind imstande, den
Zusammenhang des Ersten, des Zweiten Weltkriegs zu sehen, die Hintergründe
dieser großen Konflikte - und die Hintergründe für den nächsten großen
Konflikt! Das sieht man schon allein in der völligen Fehleinschätzung des
Islam und der Fehleinschätzung der Religionen. Die Menschen sind alle
besessen von einem völlig materialistischen Weltbild und sind deshalb
schon total in der Irre, auch dann, wenn's um Realpolitik geht. W. Z.:
Sie treten für Toleranz ein, Sie sind getauft worden mit 12 Jahren.
Fuchs: Das war für mich damals noch nicht so wichtig wie dann mit 26
Jahren. Da ist mir eigentlich erst durch verschiedene Erlebnisse der Sinn
meiner damaligen Taufe klar geworden: als ein Geschenk der Gnade. Ich bin
meinem Credo nach ein römischer Katholik. Aber ich kenne natürlich sehr
wohl den Koran und auch die theologischen Schriften der Schia und die
verschiedensten Bekenntnisse der Orthodoxie im Christlichen und im
Mosaischen Bekenntnis, bin ein ganz guter Kenner auch der evangelischen
Theologie, und ich beschäftige mich mit diesen Dingen vorwiegend -
ausschließlich, könnte man fast sagen. Ich lese nie Belletristik,
immer nur Philosophisches, Theologisches. Mit ganz besonderer Vorliebe
lese ich die Vor-Sokratiker Parmenides und Empedokles. Das sind
unglaubliche Denker, die alles das, was wir da herumreden und -grübeln, in
den Schatten stellen. Und das schon 500 vor unserer Zeitrechnung.
(Nach Parmenides ist die Welt der äußeren Erfahrung nur Schein. Die
Wirklichkeit, das wahre Seiende, kann durch die Sinne nicht erkannt
werden, sondern bloß durch reines Denken; Anm.) W. Z.: Sie arbeiten
viel für die Kirche: "Apokalypse-Zyklus" in der Stadtpfarrkirche
Klagenfurt, St. Jakobuskirche in Thal bei Graz. Stört es Ihre Auftraggeber
nicht, dass Sie eher im Alten Testament daheim sind, kaum im Neuen? In
Ihrer Ausstellung fand ich kaum Jesus-Darstellungen, dafür aber beinahe
alle Heroen wie Esther, Moses und Christophorus aus dem Alten Testament.
Fuchs: Nein, nein, wir befinden uns hier in einem Raum: alles Neues
Testament. Unter den Evangelien ist in erster Linie das
Johannes-Evangelium faszinierend. Das lese ich immer wieder. Auch die
"Offenbarung Jesu Christ", die dem Johannes also gegeben wurde. Wie es
heißt: Dass sie ihm gegeben wurde, anzuzeigen, was in Kürze geschehen soll
- und es geschieht und es geschah. Und die Menschen merken es nicht.
Erschienen am: 08.02.2002 |
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