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Kunstberichte

Im Kaleidoskop der Abstraktionen

Zwischen Attersee, Paris und Kreta: Werke von Carl Unger in der Österreichischen Galerie Belvedere
Werke wie der Steinbruch bei Sanary II (1957) sind noch bis 5. Juni im Belvedere zu sehen.  Foto: belvedere/privat

Werke wie der Steinbruch bei Sanary II (1957) sind noch bis 5. Juni im Belvedere zu sehen. Foto: belvedere/privat

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Carl Unger (1915–1995) war eines der Gründungsmitglieder des Art Clubs in Wien – als langjähriger Professor an der „Angewandten“ vermittelte er dessen Aufbruchsstimmung nach 1945 auch an seine Studenten. Der typische Altösterreicher stammte er aus Tschechien, kam 1925 nach Wien und studierte an Kunstgewerbeschule und Akademie. Sein Lehrer und späterer Schwiegervater Herbert Boeckl lenkte seinen malerischen Blick auf Paris und Cézanne. Einflüsse sind außerdem vom Nötscher Kreis und in frühen Stadtlandschaften von einem der interessantesten Zwischenkriegsmaler, Franz Lerch, spürbar.

Besonders spannend ist die Wandlung von einer kurzen geometrisch strengen Phase in eine farbintensive, gestische Abstraktion, die als typisch österreichische Variante dieser im 20. Jahrhundert wesentlichen Richtung bezeichnet werden kann. Durch diese Konzentrationen gibt es bis in die heutige Kunstgeschichte die fälschliche Auffassung, dass die körperbetonte Abstraktion und nicht eine geometrisch-konstruktive Richtung hier beheimatet ist. Doch auch Unger bediente beide Seiten.

Kurator Franz Smola konzentriert seine Analysen dieser "Variationen" auf frühe Seitenblicke des Künstlers in Richtung Frankreich (Léger war für den Art Club vielleicht wichtiger als Picasso) und Kandinsky. Eine Ausstellung des Russen in Paris 1949 zeigt ihre Folgen in "Baumlandschaften", die auch als Plakatsujet und Katalogcover gut gewählt wurden.

Abstraktes Netz

Ungers persönlicher Stil etablierte sich nach Abbruch einer geometrischen Phase und einigen Experimenten mit Sand in der Malpaste – schon durchwegs eigenwillige Werke – in die damals zeitgeistige Richtung des Informellen. Seine gestisch bewegte, meist in pastosen breiten Pinselstrichen aufgetragene Malerei setzt nach einer letzten entfernten Berührung mit Ideen von Matisse Anfang der Sechzigerjahre ein. Damals war durch die Biennalen in Venedig und Sao Paulo, auch die erste Documenta-Schau, der Deutsche Ernst Wilhelm Nay groß in Mode. Unger wurde mehrmals Kommissar für Sao Paulo, reiste viel und regte Austauschausstellungen an. Er hatte sich auch durch große Glasfenster oder Keramikwände in Kirchen, Sparkassen und anderen öffentlichen Gebäuden einen Namen gemacht. Er legte in Zyklen abstrakte Landschaften und Menschengruppen unter ein rhythmisch abstraktes Netz, egal ob es sich um Hochzeiten, Vögel oder Flugzeuge, Steinbrüche oder Häfen handelt. Seine Auffassung kommt der Neigung der Betrachter entgegen, immer Gegenständliches unter reiner Form und Farbe suchen. In späten Jahren löst sich seine Malerei über viel weißer Fläche wie ein Streumuster heller Farbstreifen auf.

Franz Smola (Kurator)

Oberes Belvedere

Bis 5. Juni

Retrospektiv.

Donnerstag, 23. Februar 2006


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