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Kunstberichte

Strukturen einer Liebschaft

Generali Foundation: Das "Exil des Imaginären" untersucht Positionen der Konzeptkunst
Illustration
- Kerry Tribe bezieht sich in ihrer Video-Installation „Here & Elsewhere“ (2002) auf den Filmregisseur Jean-Luc Godard.  Foto: Generali Foundation/Kaligofsky

Kerry Tribe bezieht sich in ihrer Video-Installation „Here & Elsewhere“ (2002) auf den Filmregisseur Jean-Luc Godard. Foto: Generali Foundation/Kaligofsky

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Die Untersuchungen zur gewandelten Konzeptkunst setzen sich in der neuen Schau der Generali Foundation fort, für die Gastkuratorin Juli Carson wieder nach Wien gekommen ist, nachdem sie 1998 die Archivsektion von "Mary Kelly. Post-Partum Dokument" betreut hat.

Als Galeristin, Lektorin an einer Universität, Kuratorin wie Theoretikerin geht es ihr neben der Ausgangssituation von Roland Barthes Buch "Fragmente einer Sprache der Liebe" um junge Positionen und ihre Lieblingsstrategien, die, neben der konzeptuellen Kunst, der strukturalistische Film oder die Dokumentarfotografie sind.

Für den Besucher bedeutet das einen Weg durch mehrere dunkle Filmräume, aber auch vorbei an Installationen, die zum einen auf öffentliche Plätze verweisen, zum anderen institutionskritisch Ausstellungsräume hinterfragen oder sie zu Orten des Anderen verwandeln.

Ausflug ins Irrationale

Der kleine Ausflug ins Irrationale steht für das Abschweifen von der an sich kritischen Analyse ins Lyrische, Subjektive, wo auch die Liebe zu finden ist. Carson sieht hier die Aufhebung der dialektischen Trennung von Politischem und Lyrischem in der post-konzeptuellen Kunst, die heute vor allem die kritische Vermittlung sozialer Umbrüche als ihre Aufgabe betrachtet.

So gerät man zu Beginn in die Platzsituation von Sharon Hayes Technik-Turm und vier Plakatwänden, auf denen die Mehrkanal-Videoinstallation "After Before" von 2005 nur in Bewegung zu verfolgen ist. Das Danach und Davor bezieht sich vordergründig auf Interviews mit Menschen in den Straßen New Yorks zur Präsidentschaftswahl 2004, dahinter steht aber die klassisch aristotelische Auseinandersetzung mit Zeitpunkt und folglich Krise des Dokumentarischen.

Adrià Julià aus Barcelona übermittelt mit filmischen Sequenzen und Fotografien die unglaubliche Geschichte des Nordvietnamesen Khoai Phan, der gegen sein eigenes Volk kämpfen musste, vom amerikanischen Exil aber 2006 in seine Heimat zurückkehrt, um ein Haus im neokolonialen Stil Südkaliforniens zu bauen.

Nur scheinbar spielerisch nähern sich Stephanie Taylor oder Dolores Zinny/ Juan Maidagan mit ihren Eckinstallationen; Bruce Yonemoto verbindet Geschichte Hollywoods mit Postkolonialismus, Andrea Geyer nützt die Lektüre von Bert Brechts Exilgesprächen als Diskurs des Absurden.

Fälle von Lynchjustiz

Postkarten sind Ausgangsmaterial für Ken Gonzales Day, der in "The Wonder Gaze" (2006) hunderte Fälle von Lynchjustiz an meist lateinamerikanischen Opfern in Südkalifornien von 1850 bis 1935 gesammelt hat. Um Spektakel zu vermeiden, hat er aus den Fotos die Opfer wegretuschiert, dazu die historischen Orte besucht und Bäume als einzige Überreste der schrecklichen Ereignisse fotografisch dokumentiert. Die Grausamkeit ist in seiner Präsentation abwesend, seine in Plakatgröße aufgeblasene, rätselhafte Fotoüberarbeitung mit Beteiligten eines solchen Ereignisses ist auch Motiv für Plakat, Folder und Buchcover der Schau.

Kerry Tribe bezieht sich in ihrer Doppelkanal-Videoinstallation "Here & Elsewhere" von 2002 auf Filmemacher Jean-Luc Godard. Der Filmtheoretiker Peter Wollen interviewt in dem Remake seine zehnjährige Tochter Audrey über historische Gleichzeitigkeiten. Auf die Frage: "Ist Nacht Raum oder Zeit?" antwortet sie: "Beides" – und mehrfach gefächert ist das auch die post-konzeptuelle Praxis aller Beteiligten hier.

Exil des Imaginären –

Politik/ Ästhetik/ Liebe

Kuratorin: Juli Carson

Generali Foundation

Zu sehen bis 29. April

Flecken im Konzept.

Donnerstag, 18. Jänner 2007


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