BERNHARD FLIEHER SALZBURG (SN). "Nigger", sagt der Teenager und rempelt sich vorbei. Wie? Was? Aber ehe man Luft holen kann, ehe man - ohnehin nicht fähig zu einer Reaktion - zumindest sicher sein kann, dass er es gesagt hat, ist er wieder verschwunden. Der Gehsteig ist leer. Die Stadt, sonst so vertraut, erhebt sich bedrohlich. Erkennt mich jemand? Erkennt jemand, dass ich nicht der bin, der ich vorgebe zu sein?
Die Verführung der Theatermacher Claudia Heu und Jeremy Xido funktioniert. Die Stadt, durch die sie ihre Gäste in der Inszenierung "Cafe Bon Bon" allein wandern lassen, verliert ihre Beschaulichkeit. Salzburg wird zum Raum für eine Entdeckungsreise. Unterhaltsam, hintergründig und herausfordernd das Spiel von Heu und Xido.
Das Mittel zur Verführung ist ein CD-Player. Im Kopfhörer erzählt einer seine Geschichte und gibt dem Teilnehmer der Aktion Anweisungen, was zu tun ist.
Vier Charaktere stehen zur Auswahl. Alle sind sie Geschundene, ausgestoßen von der Gesellschaft. Der Nigerianer Umar ist einer davon. Er lebt in einem Flüchtlingsheim. Nach Drücken des Play-Knopfs beginnt Umar zu erzählen.
Eingeschaltet wird das Gerät in der eigenen Wohnung. Die Kopfhörer schotten einen von der Welt ab. Nicht aber Fakten und kunstgeschichtliche Details wie bei einem Audioguide im Museum sind zu hören. Die Geschichte aus dem Kopfhörer beginnt sich zu verselbstständigen. Details über Umars Leben erzeugen intensive Stimmungen. Das eigene Bad wird eine schäbige Massendusche im Asylantenheim, das Schlafzimmer ein stickiges Lager.
Immer mehr Umar kommt zum Vorschein - vor allem als es auf die Straße rausgeht. Langsam gehen. Nahe an den Häusern, so als sucht man Schutz. Alle Menschen wirken feindselig. Aus der japanischen Touristengruppe wird eine Polizeimannschaft. Die Wahrnehmung des Alltäglichen bekommt eine neue Dimension.
Am Ende des Abends landen alle Teilnehmer in einem Nachtklub. Hier geht - eingebettet in den normalen Klubbetrieb - das Spiel weiter. Es läuft gerade eine Varieteeshow. Bauchtänzerin, Handpuppen, Gesangseinlagen. Was gehört zur Inszenierung? Wer sind die Leute, die mich ansprechen? Ist das eindeutige Angebot der Schönen Theater oder echt? Und: Was ist überhaupt echt?
Aufgelöst ist jeder Unterschied zwischen professionell Handelnden und interessiert Zuschauenden. Will man weiterspielen oder klinkt man sich aus? Wird man klassischer Theaterzuschauer, der nur sitzt und schaut - oder will man mitmischen? Heu und Xido verlangen in ihrem unterhaltsamen Spiel mit Wahrnehmung und (Un-)Wirklichkeit im Rahmen des Festivals "City of Dance" Fantasie und Mut von ihrem Publikum. Sie üben aber niemals Zwang aus. Das müssen sie auch nicht, weil sie die Aufgaben für die Mitspieler per Kopfhörer-Erzählung geschickt behutsam steigern. Die Identifikation mit den fremden Charakteren wächst langsam. Zunächst ist man allein daheim. Hier fällt das Mittun nicht schwer, weil es keinem auffällt. In einem Internetcafé muss man dann mit Fremden reden. Im Klub schließlich gerät man vollends in den Zwiespalt, was man sich noch zumuten möchte.
Die Grenzen zwischen Realität und Spiel lösen sich auf. Es ist egal, dass das "Nigger" des Teenagers nur von der CD zu hören war. Es wird gesagt. Beim Versuch, die Stadt mit den Augen des Nigerianers Umar zu sehen, fährt einem dieses "Nigger" tatsächlich ins Herz. Was, wenn ich nicht der wäre, der ich bin? Was, wenn ich nicht zur Masse gehörte, die es sich bequem und gemütlich machen kann allein wegen ihrer Herkunft, wegen ihrer Ausbildung? Durch den Kopfhörer hört man die Glocken der Stadt läuten. Äußere Zeichen einer Welt, die sich für ewig hält, sind sie. Zeitungsverkäufer kommen die Straße herauf. Die Schlagzeile dreht sich um das Asylgesetz. Zufall?






