Identität, Religion, Geschlecht


Mit 16 wurde Shirin Neshat als Tochter einer mohammedanischen, iranischen Familie zum Kunststudium in die USA geschickt. Sie absolvierte die renommierte Kunstschule in Berkley, wusste aber nach dem Studium nicht wirklich, was sie mit Wissen und Fähigkeiten tun sollte. Lange Jahre führte sie mit ihrem Mann gemeinsam in New York eine Architekturgalerie und vergaß ganz auf ihre eigene künstlerische Arbeit. Bis sie zum ersten Mal nach der Revolution von Ayatollah Khomeini in ihr altes Heimatland zurückkehren konnte und das Bedürfnis verspürte, so die Künstlerin, ihre Erfahrungen und Eindrücke künstlerisch zu verarbeiten und "dieses neue Gesicht" ihrer Heimat nach der Revolution zu vermitteln.

Klein, aber fein

Deshalb kreist das Werk der heute in New York lebenden Künstlerin immer wieder um Fragen der kulturellen Identität, Religion und Geschlecht. Das Oeuvre von Shirin Neshat, die zuletzt auf der Biennale ausgezeichnet wurde, ist im absoluten Gegensatz zu ihrem Bekanntheitsgrad auch relativ klein: fünf Videoinstallationen und vor allem die Fotoserie "Women of Allah", die seit 1993 entstanden sind.

Allahs Frauen sind verhüllte Schönheiten auf plakatgroßen Schwarz-Weiß-Fotografien, die vor dem Umgang mit der Waffe keine Scheu zeigen: da ist das Gesicht und der gewohnte Schleier, aber dazwischen, dort wo man sonst kunstvolle Ohrgehänge vermutet, der Lauf eines Gewehres, der direkt auf den Betrachter zeigt.

Allegiance with Wakefulness, 1994
Allegiance with Wakefulness, 1994
Auf einem anderen Foto schaut der Gewehrlauf zwischen zwei kunstvoll kalligrafierten Fußsohlen hervor, dann wieder sieht man nur eine weibliche Hand, die, orientalisch dekoriert, eine Pistole hält.

Die Frau als Kämpferin

In der iranischen Revolution hat die Frau wieder einmal eine Rolle übernommen, die sie seit Aischa, der Tochter des Propheten, schon mehrmals innehatte: die der Kämpferin. Und als Kriegerinnen Allahs haben iranische Frauen bei allen Beschränkungen auch an Stärke gewonnen: Heute hat der Iran mehr gebildete Frauen, mehr Studentinnen als jemals zuvor. Die Uniform dieser Kriegerinnen ist der Tschador, übersetzt etwa soviel wie "Zelt".

Sexy im Tschador

Shirin Neshat maßt sich kein Urteil über den Tschador an. Sie steht dem traditionellen, schwarzen Kleidungsstück vielmehr neutral gegenüber. "Es stimmt doch, dass diese Frauen unter ihrem Tschador unglaublich verführerisch aussehen. Für mich sind sie einfach sexy", sagt Neshat, die in ihren Arbeiten den Tschador nur verwendet, weil das die normale Kleidung dieser Frauen ist.

Untitled, 1996
Untitled, 1996
Für ihre Fotos trägt Shirin Neshat selbst den Tschador, Motiv ihrer fotografischen Arbeiten ist immer sie selbst: Auf einem sieht man sie komplett verhüllt, nicht einmal Augenschlitze bleiben frei, mit ihrem kleinen Sohn an der Hand, der komplett nackt ist. Seine Nacktheit verhüllt Neshat lediglich mit den für sie so typischen im Nachhinein aufgetragenen Tusche-Verzierungen, die manchmal rein ornamental sind. Oft aber sind es kalligrafisch geschriebene Gedichte bekannter iranischer Schriftstellerinnen aus diesem Jahrhundert, die auf Händen, Gesichtern oder Fußsohlen dem Farsikundigen noch eine weitere Geschichte erzählen.

Poesie vor Politik

Immer sind Shirin Neshats Arbeiten von verführerischer Schönheit: mehr poetisch als politisch. "Schönheit ist ein wichtiger Begriff in der islamischen Spiritualität. Schönheit ist das Band, das den Menschen mit dem Göttlichen verbindet. Islamische Kunst und Architektur, die sich ja alle auf Spiritualität beziehen, konzentrieren sich auf die Idee der Schönheit", erklärt Neshat.

Minimalistische Schönheit

Plakative Werbeschönheit unterläuft Shirin Neshat mit formalem Minimalismus und einem ganzen Schatz an Bedeutungsebenen: sozialen, feministischen, orientalistischen, religiösen oder ästhetischen. Als Künstlerin will sie wichtige Themen des sozialen Alltags in eine packende Form bringen. "Wenn ich meine Themen entsprechend hart und spröde darstellen würde, kann ich die Leute nicht zum Hinschauen verführen. Wenn ich aber anspruchsvolle Themen auf eine Art und Weise präsentiere, die das Auge erfreut, dann wirkt das auf den Betrachter auf einer sehr viel tieferen Ebene", meint Neshat.

Die Macht der bewegten Bilder

Die Fotografie als eigenständige Kunst hat Shirin Neshat mittlerweile aufgegeben - nur Filmstills sind davon übriggeblieben. Neshat zieht jetzt die bewegten Bilder des Videos den kunstvoll überarbeiteten statischen Fotos vor. Dabei bleibt sie beim minimalistischen Schwarz-Weiß, erzählt stumm einfachste Geschichten voll starker Bilder und überträgt die sprechende Funktion der Gedichte auf den Fotos durch die Musik der ebenfalls aus dem Iran stammenden Sussan Deyhim.

Musik statt Schrift

In den Videos hat jetzt die Musik die Schrift ersetzt - "sie hat den Vorteil, dass ich nicht an irgendwelche Übersetzungen denken muss und Musik einfach allgemein, weltweit verständlich ist". Auch wenn diese Musik stark auf islamischen Melodien beruht, ist sie sehr universell. "Ich war schon ein bisschen frustriert von dieser Übersetzungsfrage, damit entkomme ich dem", so Neshat erleichtert.

Shirin Neshats jüngste Arbeit wird gerade im Schneideraum bearbeitet, um für die Biennale im Whitney Museum im März und dann für die Wiener Ausstellungseröffnung am 31. März fertig zu sein. Es ist der letzte Teil der Video-Trilogie, die mit "Turbulent" und "Rapture" begonnen hat. Eine Liebesgeschichte diesmal, Blicke, die über die starren, gesellschaftlichen Grenzen hinweg gewechselt werden, und alles bedeuten: minimalistisch, schwarz-weiß, schön wie immer - schließlich will sich ja auch die Künstlerin am eigenen Werk freuen können.

Ö1-Tipp:

Porträt von Shirin Neshat in "Diagonal - Radio für Zeitgenossen" am Samstag, dem 4. März um 17.05 Uhr.

Eine der seltenen Gelegenheiten die fotoscheue Künstlerin auch zu sehen, bietet sich am Montag, dem 13. März im Treffpunkt Kultur, der Shirin Neshat in ihrem New Yorker Atelier zeigt.

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