| Identität, Religion, Geschlecht | |
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Mit 16 wurde Shirin Neshat als Tochter
einer mohammedanischen, iranischen Familie zum Kunststudium in die USA
geschickt. Sie absolvierte die renommierte Kunstschule in Berkley, wusste
aber nach dem Studium nicht wirklich, was sie mit Wissen und Fähigkeiten
tun sollte. Lange Jahre führte sie mit ihrem Mann gemeinsam in New York
eine Architekturgalerie und vergaß ganz auf ihre eigene künstlerische
Arbeit. Bis sie zum ersten Mal nach der Revolution von Ayatollah Khomeini
in ihr altes Heimatland zurückkehren konnte und das Bedürfnis verspürte,
so die Künstlerin, ihre Erfahrungen und Eindrücke künstlerisch zu
verarbeiten und "dieses neue Gesicht" ihrer Heimat nach der Revolution zu
vermitteln. Klein, aber fein Deshalb kreist das Werk der heute in New York lebenden Künstlerin immer
wieder um Fragen der kulturellen Identität, Religion und Geschlecht. Das
Oeuvre von Shirin Neshat, die zuletzt auf der Biennale ausgezeichnet
wurde, ist im absoluten Gegensatz zu ihrem Bekanntheitsgrad auch relativ
klein: fünf Videoinstallationen und vor allem die Fotoserie "Women of
Allah", die seit 1993 entstanden sind. Allahs Frauen sind verhüllte Schönheiten auf plakatgroßen
Schwarz-Weiß-Fotografien, die vor dem Umgang mit der Waffe keine Scheu
zeigen: da ist das Gesicht und der gewohnte Schleier, aber dazwischen,
dort wo man sonst kunstvolle Ohrgehänge vermutet, der Lauf eines Gewehres,
der direkt auf den Betrachter zeigt.
Die Frau als Kämpferin In der iranischen Revolution hat die Frau wieder einmal eine Rolle
übernommen, die sie seit Aischa, der Tochter des Propheten, schon mehrmals
innehatte: die der Kämpferin. Und als Kriegerinnen Allahs haben iranische
Frauen bei allen Beschränkungen auch an Stärke gewonnen: Heute hat der
Iran mehr gebildete Frauen, mehr Studentinnen als jemals zuvor. Die
Uniform dieser Kriegerinnen ist der Tschador, übersetzt etwa soviel wie
"Zelt". Sexy im Tschador Shirin Neshat maßt sich kein Urteil über den Tschador an. Sie steht dem
traditionellen, schwarzen Kleidungsstück vielmehr neutral gegenüber. "Es
stimmt doch, dass diese Frauen unter ihrem Tschador unglaublich
verführerisch aussehen. Für mich sind sie einfach sexy", sagt Neshat, die
in ihren Arbeiten den Tschador nur verwendet, weil das die normale
Kleidung dieser Frauen ist.
Poesie vor Politik Immer sind Shirin Neshats Arbeiten von verführerischer Schönheit: mehr
poetisch als politisch. "Schönheit ist ein wichtiger Begriff in der
islamischen Spiritualität. Schönheit ist das Band, das den Menschen mit
dem Göttlichen verbindet. Islamische Kunst und Architektur, die sich ja
alle auf Spiritualität beziehen, konzentrieren sich auf die Idee der
Schönheit", erklärt Neshat. Minimalistische Schönheit Plakative Werbeschönheit unterläuft Shirin Neshat mit formalem
Minimalismus und einem ganzen Schatz an Bedeutungsebenen: sozialen,
feministischen, orientalistischen, religiösen oder ästhetischen. Als
Künstlerin will sie wichtige Themen des sozialen Alltags in eine packende
Form bringen. "Wenn ich meine Themen entsprechend hart und spröde
darstellen würde, kann ich die Leute nicht zum Hinschauen verführen. Wenn
ich aber anspruchsvolle Themen auf eine Art und Weise präsentiere, die das
Auge erfreut, dann wirkt das auf den Betrachter auf einer sehr viel
tieferen Ebene", meint Neshat. Die Macht der bewegten Bilder Die Fotografie als eigenständige Kunst hat Shirin Neshat mittlerweile
aufgegeben - nur Filmstills sind davon übriggeblieben. Neshat zieht jetzt
die bewegten Bilder des Videos den kunstvoll überarbeiteten statischen
Fotos vor. Dabei bleibt sie beim minimalistischen Schwarz-Weiß, erzählt
stumm einfachste Geschichten voll starker Bilder und überträgt die
sprechende Funktion der Gedichte auf den Fotos durch die Musik der
ebenfalls aus dem Iran stammenden Sussan Deyhim. Musik statt Schrift In den Videos hat jetzt die Musik die Schrift ersetzt - "sie hat den
Vorteil, dass ich nicht an irgendwelche Übersetzungen denken muss und
Musik einfach allgemein, weltweit verständlich ist". Auch wenn diese Musik
stark auf islamischen Melodien beruht, ist sie sehr universell. "Ich war
schon ein bisschen frustriert von dieser Übersetzungsfrage, damit entkomme
ich dem", so Neshat erleichtert. Shirin Neshats jüngste Arbeit wird gerade im Schneideraum bearbeitet,
um für die Biennale im Whitney Museum im März und dann für die Wiener
Ausstellungseröffnung am 31. März fertig zu sein. Es ist der letzte Teil
der Video-Trilogie, die mit "Turbulent" und "Rapture" begonnen hat. Eine
Liebesgeschichte diesmal, Blicke, die über die starren, gesellschaftlichen
Grenzen hinweg gewechselt werden, und alles bedeuten: minimalistisch,
schwarz-weiß, schön wie immer - schließlich will sich ja auch die
Künstlerin am eigenen Werk freuen können.
Porträt von Shirin Neshat in "Diagonal - Radio für Zeitgenossen" am
Samstag, dem 4. März um 17.05 Uhr. Eine der seltenen Gelegenheiten die fotoscheue Künstlerin auch zu
sehen, bietet sich am Montag, dem 13. März im Treffpunkt Kultur, der Shirin
Neshat in ihrem New Yorker Atelier zeigt. | ||||||||