| Kultur/Medien | 04.10.01 | www.DiePresse.at |
Naiv? Kitschig? Maler heiliger Herzen
Das "Kunsthaus Wien" zeigt Werke autodidaktischer Künstler.
Drall und fleischig hockt das nackte Mädchen mit den
blonden Löckchen auf dem samtroten Tuch. Das herzförmige Mündchen genau so rosig
wie die Flecken auf den Wangen, die Brüste kugelig, Hände und Füße winzig. Naiv?
Und wie. Kitschig? Zumindest im Fall der üppigen Frauengestalten des ehemaligen
Ringkämpfers Camille Bombois (1883 bis 1970) wohl nicht. Seine ungewöhnlichen
Bildausschnitte und die bewußt falschen Proportionen heben ihn aus dem
Dunstkreis biederer "Eis-Salon-Malerei", in dem sich so manches Werk der
sogenannten "Naiven Kunst" verliert.
Unter dem Titel "Die Naive. Aufbruch ins
verlorene Paradies" präsentiert das "Kunsthaus Wien" ab heute, Donnerstag,
zweihundert Werke aus der schwäbischen Sammlung Charlotte Zander. Sie ist ein
paar Zentimeter zu tief gehängt und mit ausführlichen, aber unkommod plazierten
Info-Texten versehen. Herzstück der Schau sind die Urväter der "Naiven", sprich
Autodidakten: Henri Rousseau, Camille Bombois, Séraphine Louis, André Bauchant,
Louis Vivin. Als sie 1927 erstmals gemeinsam in Paris ausstellten, würdigte sie
ein Kunsthistoriker als "Maler der heiligen Herzen". Das bezog sich auf ihre von
der Mode unbeeinflußte Kreativität und die Vorliebe für das Motiv der Kirche
Sacre Coeur. Heute sind von Geschenkartikeln eher die von samtpfötigen
Raubtieren bevölkerten Urwaldphantasien Rousseaus bekannt.
Neben den
herausragenden Franzosen sind auch "Naive" aus Südosteuropa, Deutschland, USA zu
sehen. Die unheimlichen, grünstichigen Szenen des Slowenen Joze Tisnikar (1928
bis 1998) oder die verzerrten, comicartigen Bilder Josef Wittlichs zeugen, wie
unterschiedlich die Positionen sind, die sich unter dem unglücklich gewählten
Namen "Naive" sammeln müssen. Denn nichts außer dem autodidaktischen Zugang zur
Malerei verbindet die Künstler.
Bis 3. Februar, tägl. 10 bis 19 Uhr.