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| 22.03.2004 - Kultur&Medien / Ausstellung | ||
| Fotografie: Als sich die Knipser in die Kunst wagten | ||
| Seit ihrer Eröffnung hat die Wiener Albertina eine Fotografie-Datenbank. Timm Starls Werk. | ||
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Penibel durchforstet Timm Starl seit achteinhalb Jahren
sämtliche Fotozeitschriften, Archive, Postkartensammlungen, Kataloge.
Materialien für eine Fotografie-Datenbank, die auf der Homepage der
Albertina abrufbar ist. Sie umfasst den Zeitraum von den Anfängen der
Fotografie in den 1830er Jahren bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Alle
Fotografen, die auf dem Gebiet des heutigen Österreich wirkten, werden in
die sogenannte Biobibliografie aufgenommen: "Darunter sind auch viele
Frauen, die sich schon seit dem 19. Jahrhundert mit Fotografie
beschäftigten. Sie verbargen ihre Vornamen aber oft hinter Fantasienamen,
um Kunden nicht abzuschrecken", erzählt Starl. Einige brachten es zu
großen Ruhm, so die jüdische Fotografin Madame D'Ora. Als Dora Kallmus
1881 in Wien geboren, fotografierte sie nach dem Ersten Weltkrieg unter
anderem Alma Mahler-Werfel. Ihr internationaler Durchbruch gelang ihr in
Paris, wo sie seit 1924 ein Fotoatelier betrieb. Zelebritäten wie Coco
Chanel, der Filmstar Josephine Baker oder die Tänzerin Anna Pawlowa ließen
sich von ihr ablichten. Ein anderes jüdisches Atelier hatte einige Jahrzehnte
davor das Privileg genossen, Kaiser Franz Joseph knipsen zu dürfen: "Das
war das Atelier Adèle. Der Vorname der Fotografin Adèle stand
stellvertretend für ein dreiköpfiges Team", erzählt Starl. Auch die
Jüdinnen Trude Geiringer und Dora Horowitz betrieben in Wien ein Atelier:
"Über das Schicksal Geiringers wissen wir Bescheid: Sie löste sich 1931
vom gemeinsamen Atelier, emigrierte 1938 nach New York und verstarb in
Larchemont 1981 hochbetagt." Einen tragischen Lauf nahm das Leben ihrer
früheren Kollegin: Die jüdische Galizierin Horowitz floh 1939 nach Belgien
und kam 1940 nach Frankreich. Ab 1948 war sie in Paris staatenlos
gemeldet, reichte in Österreich und Deutschland Wiedergutmachung ein, was
die Behörden abwiesen. Seit 1959 galt sie als verschollen. Auch Trude Fleischmann, unter den Genannten die Berühmteste, emigrierte 1939 über London nach New York und leitete dort bis 1969 ein Atelier für Mode- und Porträtfotografie. - Warum so viele Frauen in diesem Beruf tätig waren? "Fotografieren konnten Frauen zu Hause. Nebenbei kümmerten sie sich um ihre Familien", sagt Starl. Auffällig ist neben dem hohen Frauenanteil auch die Vielzahl jüdischer Ateliers bis zum Anschluss. "Was dann mit ihnen geschah, wurde bisher nicht untersucht. Teilweise wurden sie arisiert. Restitution war bis jetzt aber kein Thema." Atelierbetreiber zählten zur Riege der Berufsfotografen,
die eigene Zeitschriften hatten. Knipser hatten darin nichts verloren.
Wenn, dann fanden sie nur negativ Erwähnung. Die Photographen-Zeitung (für
Profis) beklagt schon 1909 den "Niedergang der Kunst in der Fotografie
durch das Aufkommen der Knipser". Im Gegensatz dazu klingt die Überschrift
"Sommerfreude wird festgehalten" in der Amateur-Zeitschrift "Photo-Sport"
1931 naturgemäß positiv. "Fotografie wurde schon seit den 1880er Jahren von
vermögenden Laien betrieben", erzählt Starl: "Mit den Boxkameras, die in
den 1930ern erfunden wurden, wurde das Fotografieren viel billiger und
daher auch einer breiteren Masse zugänglich. Dass Kodak diese neuen
Kameras erfunden hätte, ist eine Geschichtslüge." In seinem Buch "Knipser, die Bildgeschichte der privaten
Fotografie in Deutschland und Österreich von 1880 bis 1980" (1995)
beschreibt Starl die Entwicklung hin zum Massenprodukt. Nach
Fertigstellung der Datenbank will Starl erneut über Fotografie
publizieren. Die Datenbank dient ihm - wie anderen - als Fundus. Die
Artikel und Fotografien können jedoch nicht direkt im Netz angesehen
werden - für eine vertiefende Beschäftigung müssten sie in Bibliotheken
oder Archiven entlehnt werden. |
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