Ingried Brugger: Wir haben in den letzten Jahren im dichten
Umfeld konkurrierender Häuser klar Position bezogen. Wir bedienen zum
einen konsequent das Interesse unseres Publikums an der klassischen
Moderne, zum anderen gibt es Personalen von Künstlern, die nach 1945
geboren sind, aber auch große Themenausstellungen wie jetzt die
"Superstars", mit denen wir uns auf die Gegenwart zu bewegen. Und für eine
junge internationale Kunst gibt es jetzt den "Tresor".
Die Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Wien kam für viele
überraschend, sind weitere Kooperationen mit internationalen Museen
geplant?
Die Kooperation ist ja eine von vielen. Wir haben zuletzt "Tamara de
Lempicka" mit der Royal Academy, London, realisiert, "Magritte" war eine
Kooperation mit der Sammlung Beyeler in Basel, Willem de Kooning haben wir
nach Rotterdam weitergegeben. Unsere Ausstellungen sind fast immer
Eigenproduktionen, für die wir jedes Bild einzeln erkämpfen müssen, weil
wir keine eigene Sammlung, dafür aber gute Ideen und internationales
Renommee anzubieten haben. Das macht die Arbeit nicht einfach, aber
spannend.
Welche Projekte bringt das Jahr 2006?
Ab Anfang März mit "Verrückte Liebe" eine Surrealismusschau von Dali
bis Bacon. Die wenig bekannte Privatsammlung Pietzsch bringt Klassiker wie
Max Ernst, Hans Arp, die surrealen Phasen im Werk von Miró und Picasso,
Giacometti. Auch die Wurzeln eines Jackson Pollock im europäischen
Surrealismus sind ein spannender Teil.
Im Herbst folgt die Personale von Markus Lüpertz. Das Highlight ab 16.
November ist eine besondere Schau von Marc Chagall.
Wie unterscheidet sich diese von vorhergehenden Wiener
Chagall-Ausstellungen?
Wir zeigen Chagall nur bis 1922, seinen genuinen Beitrag zur
klassischen Moderne mit über 100 Arbeiten, die aus namhaften russischen
Museen kommen. Aber auch noch nie Gezeigtes aus Privatbesitz, um Leihgaben
aus westlichen Museen, etwa dem Guggenheim, erweitert. Die Wandteile des
Jüdischen Theaters in Moskau werden dabei sein. Und Chagall soll auch als
Mensch vorgestellt werden, mit den Möbeln seines Salons oder einem
Teeservice, das er für seine erste Liebe bemalt hat.
Sie haben sich für die Direktion der Österreichische Galerie
beworben, welche Vorstellungen verbinden Sie mit dieser Aufgabe?
Es wäre mir ein Anlie gen, das Kompetenzzentrum österreichischer Kunst
durch internationalen Kontext zu schärfen. Dadurch kann man die Kunst
Österreichs so präsentieren, dass es das Land stolz macht.
Wie denken Sie über das 20er Haus?
Es muss unbedingt versucht werden, ein Vollmuseum daraus zu machen. Im
Sinne seines Gründers Werner Hofmann sollte höchster wissenschaftlicher
Anspruch mit Sammeln und Ausstellungsqualität verbunden werden. Dann wäre
es wieder d a s Zentrum für Forschung und Kunst Österreichs.
Ingried Brugger leitet das BA-CA Kunstforum seit 1. Juli 2000,
folgte damit Klaus Albrecht Schröder nach, ihrem heutigen Ex-Mann. 1998
trat sie als Kuratorin in das Kunstforum ein. Sie studierte Germanistik,
Kunstgeschichte, Architektur.
Freitag, 24. Februar
2006