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Walter Koschatzkys Liebe galt dem 19. Jahrhundert; und wie diesem Säkulum entstiegen, präsentiert er sich in seinen unter dem Titel "Faszination Kunst" erschienenen Erinnerungen - als ein von sich überzeugter Mann.
Von Kristian Sotriffer
Walter Koschatzky wurde 1962 Direktor der Albertina. Berufen im Alter von 40 Jahren mittels des Satzes des damaligen Unterrichtsministers Heinrich Drimmel: "Ich finde mich bestimmt." Auch Otto Benesch, Vorgänger des Ernannten, fühlte sich bestimmt, denn seinem (unerwarteten) Vorschlag war - um das Amtsösterreichische zu bemühen - entsprochen worden. Ganz besonders ausersehen aber fühlte sich das relativ unbeschriebene Blatt K. aus Graz, die Ausstellungen unter seiner Leitung als "immer von mir bestimmt und betreut" angebend. Er tut das in einer Selbstdarstellung, gemixt aus Autobiographischem, Episoden-Schilderungen, Ergebenheitsadressen, Vorträgen, Textauszügen und Erinnerungs-Photoblöcken (in oft schauerlicher Wiedergabe). Abgedeckt wird dadurch das Spektrum eines von sich überzeugten Mannes von stattlicher Figur, der als Jazzmusiker, Photograph, Amateur-Philosoph, Jäger (ei- ne "beglückende Leidenschaft"), Landmann, Rotarier - und natürlich als Kunsthistoriker gern mit der Seitenblicke-Gesellschaft liebäugelte. Als er sein Amt antrat, vermerkte ein renommierter ungarischer Graphik-Kenner, K. sei der erste Direktor der Albertina, der das Haus vor seinem Amtsantritt nie von innen gesehen habe. Vorschußlorbeeren genoß er jedenfalls keine - also legte er sich ins Zeug, zunächst nur gewappnet mit seinen Grazer Erfahrungen, ein Kenner und Verehrer des Erzherzogs Johann und dessen gräflich-meranischen Umkreises, auch was die Hofmaler angeht. Des Einflusses von Otto Benesch wußte er sich rasch zu entledigen, was allseits für Verblüffung sorgte. Koschatzky lernte rasch und sorgte gleich im ersten Jahrzehnt seines Wirkens mittels einer ausgreifenden Palette von Veranstaltungen, die er "meine Ausstellungen" nennt, für Bewegung. Seine Mitarbeiter versorgte er mit entsprechenden Aufgaben, die sich in beachtenswerten, bis dahin nicht denkbaren Katalogen niederschlugen. Klimt (1962), Parmigianino und sein Kreis (1963), Claude Lorrain (1964), die Serie "Kunst der Graphik" (von 1963 bis 1970), Rembrandt (1969), Meisterzeichnungen im Zeitalter Dürers (1970) waren wunderbar und nicht nur für damalige Begriffe unvergleichlich. Koschatzky öffnete das Haus auch gegenüber Zeitgenossen von Boeckl, Gütersloh und Wotruba bis Fuchs, Rainer, Pichler, Eisler, Lassnig, Mikl und anderen, obwohl er sich mit ihnen oft schwertat. Seine eigentliche Liebe galt dem 19. Jahrhundert - und wie ihm entstiegen, präsentiert er sich auf dem Frontispiz seiner "Erinnerungen" in einer Aufnahme aus dem Jahr 1976, die aus der Pionierzeit der Photographie stammen könnte. Schließlich arbeitete er - eine seiner Hauptleistungen - die Geschichte "seines" Hauses heraus: "Meine wahre Liebe gehörte unserem Herzog Albert von Sachsen Teschen." 1969 fand die Ausstellung "200 Jahre Albertina" statt, 1988 jene, die dem Gründer galt. Da war K. (seit 1986) bereits im Ruhestand - aber Ruhe gab er keine, bis heute nicht. Er ist jetzt 80 Jahre alt und davon überzeugt, "gar nicht so gering auf den Gang der Weltkunst (!) Einfluß" genommen zu haben. Koschatzkys Tätigkeit wurde vom Autor dieser Anmerkungen - seit 1962 als Kunstkritiker der "Presse" - aufmerksam in ihrem Für und Wider verfolgt. Gelegentlich arbeitete er mit ihm auch zusammen (was K. jetzt verschweigt). Er lernte ihn als angenehmen, korrekten, begeisterungsfähigen Partner kennen, findet ihn in diesem Buch jedoch nur in Teilen wieder. Offenbar war es ihm vor allem um eine gesellschaftliche Rolle zu tun, die er in Wien nicht in einem von ihm erwarteten Ausmaß ausfüllen konnte. Oft auch auf der Seite der "falschen" Künstler (mit Hundertwasser eng befreundet, Dina Larot seinerzeit Kurt Moldovan vorziehend) und am aktuellen Kunstgeschehen kaum interessiert. In Graz war das noch anders gewesen - und dem steirischen Anteil an seiner Geschichte widmet er entsprechend viel Platz. Andererseits: Verglichen mit seinem lauen Nachfolger war Koschatzky ein seine Mitarbeiter motivierender, äußerst aktiver, im übrigen - Frauen wissen das - charmanter Herr und ein geborener Hofrat, was sich auch in seiner Diktion äußert. Ihn aber nicht daran hindert, einem ihm stets mißgünstig gewesenen, vor allem für Hindernisse sorgenden Ministerialbeamten jetzt ordentlich und verdient eins auszuwischen. Man wird sich so oder so noch lange an ihn erinnern. Auch wenn er mit dieser Hommage an sich selbst mitunter Fährten legt, die sich alter, ihm entgegengebrachter Sympathie entgegenstellen könnten.
Walter Koschatzky Faszination Kunst Erinnerungen eines Kunsthistorikers, 304 S., zahlr. Abb., Subskriptionspreis bis Ende des Jahres S 398, Euro 28,92, danach S 495, Euro 35,97 (Böhlau Verlag, Wien)
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