Objekte – Skulptur in Österreich nach 45

 

 

 

 

Susanne Neuburger

 

 

Atelier Augarten
Wien
16.5.2001 - 16.9.2001

 

Mit einer Neukonzeption des architektonisches Bestandes hat Susanne Zottl die ehemaligen Räumlichkeiten des Wiener Ambrosi-Museums zu einem attraktiven Ort für zeitgenössische Kunst gemacht, der der Österreichischen Galerie die Möglichkeit bietet, die ehemaligen Atelierräume für Ausstellungen sowie weitere Räume für Seminare beziehungsweise als Artist-in-Residence-Wohnung zu nutzen. Eröffnet wurde mit einer Ausstellung über Skulptur in Österreich nach 1945, die an die ehemalige Nutzung der Räumlichkeiten anknüpft und dabei zeigt, dass die zur Verfügung stehenden, nicht sehr großen vier Räume durchaus geeignet sind, darin ein größeres Thema anzugehen. Denn was hier in vier Themengruppen – Kalter Krieg, König Ödipus, Buchstaben und Röhre – gezeigt wird, ist durchaus in der Lage, mittels Skulpturen, Objekten, Modellen, grafischen Arbeiten und Videos einen bestimmten Zeitraum und eine bestimmte Problematik zu erfassen, und kann in der Beschränkung auf wenige Arbeiten gerade im Modell- beziehungsweise Zitathaften Verbindungen und Zusammenhänge anbieten. Wesentlicher Anteil kommt dabei auch den Präsentationsformen beziehungsweise der Aufstellung zu, die Marko Lulic, Florian Pumhösl, Marcus Geiger und Peter Kogler für jeweils einen Bereich durchführten.
Anders hingegen der Katalog, der dem Anspruch des Titels gerecht zu werden versucht und allein formal nicht der leichte, weniger gewichtige Reader ist, der in Bezug auf das lebendige Szenarium der Ausstellung passend gewesen wäre. Und was in der Ausstellung oft in wechselseitigen Beziehungen anklingt, fehlt im Katalog infolge der monografischen Erfassung der KünstlerInnen beziehungsweise der vorgegebenen Themengruppen. Besonders was die ersten zwanzig Jahre des abgedeckten Zeitraums betrifft, wären Objekt- beziehungsweise Skulpturdefinitionen im übernationalen Diskurs als Bezugsrahmen wichtig gewesen. Wenn etwa die Frage des Materials eine Prämisse sein soll, dann stimmt die eingangs erwähnte Polarität von Skulptur und Plastik, von Stein und Bronze nicht, da dem Eisen (in der Nachfolge von Julio Gonzalez) eine wichtige Bedeutung zukommt. Soll es hingegen um Raum gehen, so stellt sich in Zusammenhang von Freiraumskulptur, Monument und Denkmal die Frage nach dem Status des Öffentlichen. Hier spielt auch das eine Rolle, was vielfach mit Erfahrung beziehungsweise Erfahrungsarmut beschrieben wird. Alfred Hrdlicka zum Beispiel, der im Bereich »Kalter Krieg« mit Werken von Kiki Kogelnik, Michael Schuster und Marko Lulic, der auch den Raum gestaltet hat, die Bronze »Torso eines stehenden Jünglings« von 1957 zeigt, wird im Katalog in der direkten Nachfolge von Michelangelo unter dem Prätext »Realität« als politischer Künstler erfasst. Dass seine Instrumentalisierung christlicher Ikonografie, wenn auch im Zeichen von Schrecken und Hässlichkeit, dennoch affirmativ und ausgrenzend ist, kann 1957 nicht mehr als Protest gegen die geschönten Jünglinge der Nazizeit durchgehen. Im (internationalen) Vergleich mit dem ohnehin nicht innovativen Skulpturenpotenzial der Documenta 2 zeigen sich allenfalls Parallelen zu einigen »klassizierenden« Italienern. »Gespenstische und spukhafte Möglichkeiten« schrieb Werner Hofmann der Eisenplastik zu, etwa dem »Denkmal für den unbekannten politischen Gefangenen« (1953) des Engländers Reg Butler, einer käfigartigen Richtstätte, die allerdings nicht ausgeführt wurde.1 Dennoch: Was im Katalog problematisch erscheint, wird in der Ausstellung in der Gegenüberstellung Hrdlickas mit Lulics »Tito-Brücke« und Kogelniks »Bombs in Love« in einen Maßstab gebracht. Es relativiert sich hier aber auch die betont männliche Dominanz, die im Katalog manchmal recht ungebrochen tradiert wird.
Geht man von der Fragestellung der Skulptur nach 1945 aus, scheint mir in Bezug auf die Bildhauerei, nicht jedoch auf industrielle Objek-
te, die Zeit der ersten zwanzig Jahre auch spannender in Hinblick auf die zeitgenössischen Werke in der Ausstellung. Mit der d2 und Hofmanns Einrichtung des Skulpturengartens um das 20er Haus in den sechziger Jahren, der in vielem den Bode'schen Intentionen folgt, war ein Entwicklungsabschnitt abgeschlossen. (»Steine« von Ernst Schmidt jr. von 1964/65 hat da mehr zu bieten.) Fritz Wotrubas »König Ödipus« von 1965 etwa hat die Situation der Auftragspolitik nach 1945 längst hinter sich, wobei sein nachsichtiges Statement zu Hanak nach dem Krieg oder seine Entwürfe für den Eisernen Vorhang der Wiener Oper und seine Ablehnung zugunsten Rudolf Eisenmengers hier mehr zum Thema der Skulptur in Österreich hätten beitragen können als der formale Streit zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, der etwas konstruiert wirkt und gerade in Bezug auf Wotruba außerhalb Österreichs nicht so vordergründig gesehen wurde. Michel Seuphor etwa betont 1959 Wotrubas architektonische Ausrichtung, seine freie Formbildung sowie seine Klarheit und hebt seinen Einfluss auch außerhalb von Österreich hervor.2 Gerade in dieser Sektion, die Florian Pumhösl mit vernetzenden Raumgittern zur Aufstellung der Arbeiten versehen hat, wird – für die Arbeiten von VALIE EXPORT und Dorit Margreiter etwa – ein diskursives Bezugssystem gegen die »österreichische Sehnsucht nach einem geschichtslosen und statutenlosen Raum« (Florian Pumhösl) gesetzt, in dem auf rein formaler Ebene und allenfalls im Bereich des Theaters gesprochen wird.

 

   

 

1 Werner Hofmann: Die Plastik des 20. Jahrhunderts. Frankfurt a. M. 1958, S. 159f.
2 Michel Seuphor: Die Plastik unseres Jahrhunderts, Wörterbuch der modernen Plastik. Köln 1959, S.347f.

 

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