Quer durch Galerien
Bäume mit der Nagelschere stutzen
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Harald Gfaders Juno in der Milchstraße. Galerie Lang
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So sehen die Stoffe aus, aus denen die Kimonos von Kyoko Adaniya-Baier
sind, mit denen buddhistische Göttinnen herumfliegen. Wie ein
Altweibersommer zum Anziehen. Galerie Marschalek
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Von Claudia Aigner
Im Weltall draußen herrscht Helmpflicht wie hienieden auf dem
Motorrad. Besonders für die Fußgänger, also für die, die im All vor die
Tür gehen. Doch wahrscheinlich tragen die Astronauten nicht deshalb
einen Helm, weil ihre empfindliche Schädeldecke dort oben einem
Asteroiden, der immer Vorrang hat, oder einem Satelliten begegnen
könnte (oder dem Weltraumschrott, der Luft-, pardon:
Vakuumverschmutzung).
Sonst müssten die irdischen Fußballer sich ja ebenfalls behelmen
(wegen der potenziellen Kopfbälle, von denen sie kontaktiert werden
könnten und deretwegen sie sich ja jetzt keine Hornhaut auf dem Kopf
antrainieren können, eine gegen äußere Einflüsse, wie zum Beispiel
Fußbälle, besonders unempfindliche Kopfhaut). Und große Leute dürften
ihren Helm gleich gar nicht mehr abnehmen, lange Lulatsche, die das
Problem haben, dass der Mensch aufrecht geht und die Türstöcke in
Einheitsgröße hergestellt werden.
Astronauten tragen also einen. Die Jungfrau Maria hatte bei
ihrer Himmelfahrt freilich keinen auf. Richtig: Das heutige Thema ist
die Himmelfahrt. Und was man dabei anzieht.
Galerie Marschalek: Astronautinnen bei Buddha
Himmelfahrt: Das ist, wenn Personen plötzlich senkrecht in den Äther
gesaugt werden wie mit einem Strohhalm. Am oberen Ende zöge dann
sozusagen die Transzendenz.
Neill Armstrong musste von seiner Himmelfahrt (zugegeben: ein von
Raketen und nicht von Engeln unterstütztes Auffahren gen Himmel)
Mondgestein mitbringen. Für die Ungläubigen, die Zweifler auf dem
Erdboden, die am 21. Juli 1969 wohl nicht ferngesehen haben, wie
dereinst der ungläubige Thomas quasi zu spät eingeschaltet hat, als
gerade das Programm "Mariä Himmelfahrt" lief. Diesem unpünktlichsten
aller Apostel, der immer das Beste versäumt und dann den Augenzeugen
misstraut hat, warf die Muttergottes zum Beweis zwar kein Mondgestein
herunter, aber immerhin einen Gürtel.
Seltsam. Das muss ja dann der Gürtel gewesen sein, der ihre Aura in
der Taille zusammengehalten hat, ihren groß geschnittenen, geräumigen
Ganzkörperheiligenschein, damit er ihr nicht über die Hüften
runterrutscht. Denn die Gebenedeite unter den Nichtmaskulinen soll
damals schließlich nichts als gleißendes Licht angehabt haben.
Die hauchzarten Himmelfahrtsgewänder, die Kyoko Adaniya-Baier
speziell für buddhistische Astronautinnen angefertigt hat (für
Göttinnen, deren Reiseziel einer der vielen Himmel der Buddhisten ist),
sind übrigens gürtellos. Und robuste Helme würden am allerwenigsten
damit harmonieren. Weil jeder dieser Hagoromos (Federkleider) aussieht
wie ein Altweibersommer zum Reinschlüpfen, entworfen von Kenzo. Im
Ethnolook. Wie ein Kimono aus Spinnweben, in denen sich Blütenblätter
verfangen haben statt der Insekten. Das Netz einer vegetarischen
Spinne.
Die himmlischen Damen in japanischen Mythen und Märchen setzen
nämlich auf den Individualflugverkehr. Die reisen mit dem Privatkimono
an, nicht mit einer Boeing. Und wenn die Ausländerinnen, die ihren
Hauptwohnsitz im Blau des Himmels haben, auf einer der japanischen
Inseln einen Badeausflug machen, dann lassen sie ihre wundersamen
Fluggewänder einfach unbewacht am Strand liegen, weil es dort keine
Schließfächer für die Wertsachen gibt. Piloten ziehen ihr Flugzeug in
der Regel ja auch aus, bevor sie schwimmen gehen. Um es nicht unnötig
nass zu machen.
So, als ob man unsereinem das Flugticket wegnähme . . .
Menschenmännchen auf Partnersuche tun dann so, als wären sie von der
Altkleidersammlung, ergreifen die Gelegenheit und den Hagoromo (das ist
ungefähr so, als ob man unsereinem das Flugticket wegnimmt, nein,
schlimmer noch, denn in den Himmel kann man nicht zur Not auch mit dem
Zug fahren) und behalten den Kimono und die Frau und zwingen Letztere
in die Schwerkraft hinein. Kurz: Sie heiraten und schwängern sie. Mit unseren
Fliegerjacken kann einem das nicht passieren. Die funktionieren nicht.
Die sind nicht einmal mit Kerosin, dem Energydrink für Flugzeuge,
imprägniert (gegen die Erdanziehungskraft).
Eine Motorradjacke würden ja auch nur Optimisten mit dem Vorsatz
anlegen, das Ding würde sie dann binnen Sekunden, kaum dass der
Reißverschluss zu wäre, von 0 auf 120 beschleunigen. Ohne Zuhilfenahme
eines zusätzlichen Accessoires, etwa eines Motorrades.
Und weil die Kyoko (bis 10. Juni in der Galerie Marschalek,
Amerlingstraße 17) die geheime Zutat der Flugkimonos nicht kennt, den
Treibstoff, fliegen auch ihre Kleider nicht, die in sichtlich
mühsamer Handarbeit aus Hanf, Sisal und Blättern gewoben sind, wie um
das Vorurteil zu illustrieren, Japaner seien jene Personen, die ihre
Bäume mit der Nagelschere schneiden und nicht mit der Kettensäge.
Dass die Sachen dekorativ sind und nicht schüchtern, die angewandte
Kunst herzhaft zu umarmen (die Paravents tun das beispielsweise), macht
sie nicht gleich zu "Mängelexemplaren". Besonders nicht jenes imposant
subtile Landschaftsbild, das aus einem einzigen Gold- und Blütenschauer
besteht, weil es im westlichen Paradies Sukhawati (das klingt ja wie
"Zuckerwatte", als wäre es für die Zungenspitze geschaffen, die das
Süße bekanntlich am meisten zu schätzen weiß) dreimal am Tag und
dreimal in der Nacht eine Blumenwiese regnet. Ansonsten besteht das
Wetter in Sukhawati aus Musik, am ehesten Meditationsmusik, eventuell
Walgesänge, unterlegt mit entspannenden Instrumentalklängen, weiche
Wassermelodien voll ozeanischer Spiritualität (oder so).
Klaus Joachim Keller hat es da schwer, daneben zu bestehen mit
seinen Bildern. Ich glaub’, er muss noch ein bissl an seiner
Schlampigkeit arbeiten. Damit sein Strich noch öfter energisch
nachlässig ist und nicht zwischendurch so sorglos lasch wird.
Galerie Lang: Die Ewigkeit der Muttermilch
Heute gibt es in den Milchprodukten so spezielle Bakterienkulturen,
die die Verdauung regulieren und das Immunsystem stärken sollen. Die
Muttermilch der Juno war früher mindestens so begehrt. Die muss so
etwas wie den Lactobacillus Aeternus enthalten haben. Die war eine
regelrechte Unsterblichkeitsmilch. Sie verhieß das ewige Leben.
Einmal soll Jupiter seinen außerehelichen kleinen Herkules der
schlafenden Juno einfach angelegt haben. Und dann entstand die
Milchstraße. Nicht wegen dem Urknall, sondern weil die erzürnte Juno
den unbefugten Milchtrinker resolut abgestillt und dabei das Universum
angekleckert hat. Harald Gfader (bis 14. Juni beim Lang, Seilerstätte
16) hat nun keine wilde, dynamische Szene gemalt (und sich dazu von
Tintorettos Gemälde anregen lassen), sondern wieder und wieder Studien
von Frauenakten angefertigt, wo nüchtern semiotische Pfeile die
Spritzrichtung der Milchtropfen anzeigen. Gfader ist ein sicherer
Zeichner, der dem derben, ungeschminkten Umgang mit der Kohle, der
Farbe und angeblich auch mit Rost eine fast liebliche Anmut und
eigentümliche Harmonie entlocken kann.
Freitag, 03. Juni 2005