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MAK Ausstellungshalle: Atelier Van Lieshout

Utopien mit Fabriks-Charakter

Arbeiten an der Schnittstelle von Architektur und Design: im Vordergrund

Arbeiten an der Schnittstelle von Architektur und Design: im Vordergrund "Pile of Burghers", 2005, im Hintergrund "The Alcoholator", 2004. Wolfgang Woessner/MAK

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Zwei neue Werkblöcke des niederländischen Ateliers Van Lieshout, das durch rohe, kunstlose Industriegestaltung auch "normale" Leute außerhalb des Kunstbetriebs ansprechen will, werden unter dem Titel "Der Disziplinator" in der MAK Ausstellungshalle bis zum 18. September präsentiert.

Um an einer Schnittstelle von Architektur und Design, aber auch von Kunst und Leben zu arbeiten, gründete Joep van Lieshout im Jahr 1995 sein Atelier namens "AVL" in Rotterdam. Entworfen haben er und seine 15 Mitarbeiter seitdem Möbel, Wohnmobile, Bars und Häuser mit organischen Formen. Zuweilen arbeitet er auch mit namhaften Architekten wie Rem Koolhaas zusammen.

Die Ausrichtung auf Skulptur oder Design war ihm zu handwerklich, weshalb er seine Rolle als Künstler und Unternehmer völlig neu erprobte: 2001 gründete er im Hafen von Rotterdam den Freistaat "AVL Ville", der jedoch von der Stadt schon nach einem halben Jahr geschlossen wurde. Und das, obwohl "AVL Ville", im Unterschied zu den Kommunen der 60erund 70er-Jahre, durch den Verkauf von Mobile Homes und Funktionsobjekten und dank einer funktionierenden Energieerzeugung und einem eigenen Krankenhaus tatsächlich unabhängig waren. Teuer ließen sich die eigenen Ideen verkaufen. Denn wiewohl es sich eigentlich um hässliche Möbel handelte, die Rohheit und Heimwerkermentalität verströmen, liegen die Objekte voll im Trend. Die Abkehr von der "künstlerischen" Ästhetik macht sie allgemein verständlich. Das Atelier Van Lieshout war im letzten Jahrzehnt in allen wesentlichen Museen und Kunstinstitutionen der Industrienationen eingeladen.

Ironische Disziplinierung

Dabei ist die ironische Haltung gegenüber der Informationsgesellschaft, die das Individuum mehr und mehr überwacht, sicher ein Grund für die Begeisterung. Der zweite mag der bleibende Hang zum Gesamtkunstwerk und zur avantgardistischen Haltung des Künstlers sein. So hört sich Joep van Lieshouts Aussage über den Künstler und das Museum selbst etwas disziplinierend an: "Ich glaube, dass die Künstler die Avantgarde sind, die Entdecker neuer Entwicklungen. Die Künstler haben sich seit langer Zeit professionalisiert und jetzt müssen die Museen professionell werden." Dementsprechend beginnt auch die neue Reihe von geplanten Ausstellungen des MAK unter dem Motto "Factory Presentation" mit den beiden aktuellen Werkblöcken "Der Technokrat" und "Der Disziplinator".

Letzterer ist ein großer Käfig in der Mittelhalle, der als Arbeitslager 72 Insassen mit Arbeits-, Essund Schlafplatz sowie Nassräumen versorgt: die Erinnerung an Guantanamo ist wohl kaum zufällig, außer dass hier durch Bearbeitung von Baumstämmen Sägemehl hergestellt werden kann. Vom modernen Arbeitslager ist Joep van Lieshout nun zum Entwurf eines "Call Centers" für 200.000 Teilnehmer übergegangen, das mit Telemarketing und eigener Infrastruktur 3,5 Milliarden Euro erwirtschaften soll. Das Ziel ist, geopolitisch mitzumischen wie Microsoft. Da er es auch "Konzentrationslager mit heutigen Technologien" nennt, wird es wohl ähnlich viel Staub aufwirbeln wie der verbotene AVL Ville-"Sonnenstaat".

"Der Technokrat", den Kuratorin Bettina M. Busse mit dem Künstler für die Umgangsräume der MAK Ausstellungshalle mit einer Versuchsanlage zur Biogaserzeugung als System zur sinnvollen Verwertung von Fäkalien aufstellen ließ, beinhaltet zur funktionierenden Autonomie dieser fiktiven Recyclingtruppe einen "Alkoholator", der die "Bürger" bei Laune halten soll in ihrer Erzeugung von Rohmaterial. Künstlerscheiße wie bei Piero Manzoni in der Dose ist das nicht mehr, jedoch fühlt man sich bei den "Arschbars" und Gebärmutterhäusern auch an Niki de St. Phalles frühes Projekt einer riesigen Kathedrale in Form einer Frau erinnert, die durch die Vagina betreten wurde und in deren Brust eine Milchbar situiert war. Joep van Lieshout könnte sie theoretisch 1966 als Dreijähriger im Stockholmer modernen Museum betreten haben, es würde seine skurrile Erweiterung der analen Phase zum künstlerischen "Anarchokapitalisten" von heute ein wenig erklären.

Donnerstag, 23. Juni 2005

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