Vor zwölf Jahren stellte sie im Oberösterreichischen Landesmuseum in Linz aus, in Wien wurde sie zu ihren Lebzeiten nie gezeigt, selbst mit Ankäufen hielten sich die Museen zurück. Dabei ist das Werk von Birgit Jürgenssen schon seit ihren verrückten Schuh-Skulpturen in den 1970er-Jahren ein internationaler Geheimtipp: Ob der „Zungenleckschuh“, der „Pelz-“ oder „Muskelschuh“, die „Kopfsandale“ oder die „Fliegengewichtschuhe“ – kein Material, aus dem die 1949 in Wien geborene Künstlerin nicht eine Fußbekleidung schuf.
230 Werke aus dem Nachlass
Bald allerdings beendete sie diese Serie, um ein allzu einschränkendes Markenzeichen zu vermeiden. Es folgten ihre unheimlichen Körperprojektionen und konzeptuellen Fotografien, die ihr 1984 eine Einladung zur renommierten Sydney Biennale und eine Einzelpräsentation in New York brachten. In Wien dagegen blieb sie weiterhin nahezu unsichtbar, einzig ihr Lebensgefährte und Galerist Hubert Winter stand konsequent zu ihr.
Jetzt sind Jürgenssens Werke im Bank Austria Kunstforum zu sehen. Sieben Jahre nach ihrem frühen Tod zeigt erstmals eine Wiener Institution diese außergewöhnlichen Arbeiten. Etwa 3000 Werke umfasst Jürgenssens Nachlass, aus dem das Bank Austria Kunstforum gemeinsam mit der Sammlung Verbund eine beeindruckende Retrospektive mit 230 Werken zusammengestellt hat. In dieser Menge wird deutlich, wie stringent ihre Zeichnungen, Fotografien und Assemblagen sind.
Frauenklischees, bissig zugespitzt
Jürgenssens zentrale Themen sind die Welt der Hausfrau, die Schuh-Obsession, vor allem aber die Klischees von Frauen, die sie humorvoll-bissig aufgreift und zuspitzt wie in ihrer Skulptur „Hausfrauen-Küchenschürze“: Als ihr eigenes Modell posierend, trägt sie einen überdimensionalen Küchenherd wie eine Schürze vor dem Bauch. Auf der offenen Backrohrtür liegt ein Brotlaib – Körper und Küche, das ist monströs vereint.
Mal stellt sie das Wort „Frau“ als Körperalphabet nach, zeichnet einen Bizeps als Brust oder legt sich ein Vogelnest zwischen die im Türkensitz verschränkten Beine – eine Fotografie von 1979, die der italienische Künstler Maurizio Cattelan heuer ganz unverfroren bis in jedes Detail identisch imitierte. Immer wieder experimentiert Jürgenssen mit Masken und Rollenspielen in ihren konzeptuellen Fotografien und reflektiert darin „den Mythos der Macht männlichen Wunschdenkens“. Anders als bei Cindy Sherman sind das keine neutralen Inszenierungen bekannter Bildklischees, sondern subjektiv bestimmte Selbstanalysen von tiefer Traurigkeit, manchmal auch intensiver Sinnlichkeit. „Als Verführte möchte ich wieder verführen und mit visuellen Mitteln ein Gefühl der Sinnlichkeit erzeugen.“ Dazu dient ihr vor allem die Methode der Verwandlung, wenn etwa ein Mund zu einem Efeublatt mutiert, darin die Redewendung „ein Blatt vor dem Mund“ aufnehmend, oder die Nähe zwischen Schönheit und Tod in der Tulpenblüte in Form eines tierischen Kopf-Skeletts sichtbar ist. Ein ganzer Raum im Bank Austria Kunstforum ist ihren Bildern zum Thema Liebe gewidmet, in denen immer wieder Tod und Leid aufscheinen.
War sie zu modebewusst?
Bei all dem Facettenreichtum in ihrer Formensprache, in der Verwendung der Medien, den humorvollen Kombinationen und Wortspielen ist es kaum zu verstehen, warum der Künstlerin zu ihren Lebzeiten der Erfolg verwehrt blieb. Warum wurde sie in den 1990ern nicht im Zuge all der internationalen Körper- und Feminismus–Ausstellungen entdeckt?
Jürgenssen liebte Mode, hohe Schuhe, trug Nagellack und Lippenstift – vielleicht passte dieses Erscheinungsbild nicht zu der kämpferischen Haltung Ende des 20.Jahrhunderts? Vielleicht lag es auch an der Formatgröße ihrer Werke, die selten die bei Sammlern und Museen beliebten „Museumsformate“ erreichten. Oder an ihrer Praxis, nie alte Werke zu zeigen, sondern alles in eine neue Form der Präsentation zu bringen?
Wie konsequent sie vorging, ist auch im Bank Austria Kunstforum mit der Rekonstruktion einer Ausstellung in der Galerie Winter zu sehen: All die Polaroids und Fotografien sind mit den angemalten Rahmen und der symmetrischen Hängung streng vereinheitlicht.
Und warum erzielen ihre Werke heute noch immer so niedrige Preise? Auf der Auktion im Kinsky Palace wurde eine ihrer mit Stoff überzogenen Fotografien um 4500 Euro verkauft. Über die Gründe kann nur spekuliert werden, an der Qualität der Werke jedenfalls, das kann jetzt überprüft werden, liegt es nicht.
Birgit Jürgenssen, Bank Austria Kunstforum, 16.12.2010–6.3.2011, Freyung8, WienI, tägl. 10–19Uhr.
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