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"Alles oder nichts"

Eine Vitrine mit Zinntellern und Zinnbechern. Backofenformen aus Kupfer. Eine Reihe Bauernsessel aus dem 19. Jahrhundert. Eine Ahnenfigur aus Sumatra und Speere aus Schwarzafrika. Eine österreichische Madonna aus dem 13. Jahrhundert. Das Sammelsurium verschiedenster Objekte, das man in einem ethnografischen Museum erwarten würde, allerdings mit dem Anspruch einer wissenschaftlich fundierten Aufarbeitung verbunden, wirkt in einem Museum der Moderne, wie es das neue Leopold-Museum in Wien für sich in Anspruch nimmt, ziemlich kurios.

Das Leopold-Museum im weißen Muschelkalk der Architekten Ortner & Ortner wird seit den zwei Monaten seiner Eröffnung nicht dieser Kuriositäten wegen besucht. Es sind die Werke österreichischer Künstler wie Egon Schiele, Gustav Klimt oder Richard Gerstl. Aber die Breite der Sammlung, die bisher als "sagenumwoben" galt, weil sie in allen Teilen nie der Öffentlichkeit präsentiert worden war, entspricht sicher nicht den hohen Erwartungen, die man an sie stellte.

Zwei Monate sind vergangen, seit Bundesministerin Elisabeth Gehrer mit einem "Tag der Freude" das Museum Leopold im Wiener Museumsquartier am 21. September eröffnet hat. Zwei Monate, in denen sich der Betrieb "erfreulich gut" angelassen hat, so der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Leopold, Helmut Moser. Zwischen 1500 und 1600 Besucher seien bisher pro Tag gezählt worden. Letzte Woche war der hunderttausendste zahlende Kunstbegeisterte da, und so "liege man bisher über den projektierten Erwartungen", die 350.000 Besucher pro Jahr umfasst hätten.

Dass das Museum Leopold eines der Highlights des neuen Wiener Museumsquartiers ist, überrascht nicht. Zu bekannt sind die Spitzenwerke der Sammlung, zu denen auch grafische Bestände von Alfred Kubin und anderen zählen. Diese Werke sind der überwiegende Grund, weshalb die Republik Österreich 1994 beschlossen hat, die über 5000 Objekte umfassende Sammlung Leopold um 2,2 Milliarden Schilling von Rudolf Leopold zu kaufen, in eine Privatstiftung einzubringen und für die Sammlung ein Museum zu errichten.

Ernüchterung

Die zwei Monate der Präsentation - rund 400 Objekte sind im Moment zu sehen - haben nun aber auch die Schwächen der Sammlung freigelegt. Leicht ernüchtert wird festgestellt, dass die Sammlung Leopold nicht nur aus Spitzenwerken besteht, sondern auch aus zweit- und drittklassigen Arbeiten der österreichischen Zwischen- und Nachkriegszeit, die nun fast gleichwertig zusammen mit den Highlights der Sammlung im selben Gebäude ausgestellt werden. Andrea Jungmann, Direktorin des Auktionshauses Sotheby's, hält gleich "einige Werke in der Sammlung" für so schwach, dass sie von Sotheby's nicht für einen Verkauf angenommen würden.

Die Reaktionen auf Haus und Sammlung seit der Eröffnung sind erstaunlich einheitlich: Das Verdienst Rudolf Leopolds als Sammler damaliger unbekannter Künstler wie eben Egon Schiele wird nie in Zweifel gezogen. Allerdings merken zahlreiche Kritiker an, dass die vielen "Künstler der zweiten und dritten" Reihe ("Die Zeit") oder das "allzu dürftige Niveau vieler Exponate den Gesamteindruck gefährden" ("Die Welt"). Von "gewaltigen künstlerischen Höhenunterschieden" und einem zum Teil "recht schütteren Bestand" spricht die "Süddeutsche Zeitung".

Problematisch ist allerdings nicht die Sammlung selbst. Da sie den Privatgeschmack ihres Gründers repräsentiert, kann man ihr nicht die "Versäumnisse der Kulturpolitik eines ganzen Staates anlasten", meint der Wiener Kunsthändler und Galerist Georg Kargl. Es sei immer noch besser, "wenn jemand etwas macht, als wenn nichts geschieht", so merkt der Künstler Oswald Oberhuber an, von dem mehrere frühe Werke im Museum zu sehen sind. Problematisch erscheint vielmehr die Konstruktion der Stiftung, die Rudolf Leopold die uneingeschränkten Kompetenzen in seiner Sammlung einräumt.

Künstler Leopold

Rudolf Leopold, der "museologische Direktor" der Sammlung Leopold auf Lebenszeit, ist kein Mann von geringer Selbstdarstellung. Der 76-jährige ehemalige Augenarzt aus Wien-Döbling, der in der Vergangenheit die weltgrößte Schiele-Sammlung aufgebaut hat, lässt sich, wie bei der Eröffnung seines Museums, gern als "Künstler Leopold" feiern. Im neuen Katalogbuch findet sich so ein ausführlicher Lebenslauf des Sammlers - Biografien der Künstler sucht man vergebens. Die Kontroversen um die Qualitätsunterschiede der Sammlung Leopold waren bereits zurzeit des Ankaufs virulent. "Alles oder nichts", hieß es damals unter Erhard Busek, so Gerbert Frodl, Direktor der Österreichischen Galerie Belvedere, der einer der zwei Experten war, die den Wert der Sammlung Leopold auf 7,9 Milliarden Schilling schätzten. Indes wird der Wert der Sammlung Leopold kaum angezweifelt: Allein ein Klimt-Gemälde hat einen momentanen Schätzwert von 200 Millionen Schilling. Die 229 Arbeiten von Egon Schiele würden den Kaufpreis rechtfertigen.

Allerdings sind nun Kritiken und Reaktionen zur Präsentation, zur Hängung oder zu den bisher nicht bekannten Teilen der Sammlung aufgekommen. profil fasst die Meinungen von Künstlern, Experten und Museumsfachleuten zusammen.


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