


Laut Lefèbvre ist Architektur durch soziale Interaktion definiert: Bitter / Weber, "Templeton Five Affair, March 1967"

Für Sabine Bitter und Helmut Weber sind Räume ästhetische und politische Konstrukte: Basierend auf Henri Lefèbvres Theorien, betrachtet das Duo in der Galerie Insam Studentenproteste in Wien und Vancouver, 2009 und 1967.
Wie Raum, Architektur, Politik und Gesellschaft einander bedingen, steht im Zentrum der Arbeiten von Sabine Bitter und Helmut Weber: So haben sie 2003 den Super Citizen konstruiert, der den städtischen Raum mitgestaltet. Nun folgt der Super Student, der die Bildungsdebatte forciert. Den theoretischen Background liefert auch diesmal der marxistische Soziologe Henri Lefèbvre. Den Raum versteht er als ein komplexes System von Zeichen und Codes, Handlungen, Repräsentationen, Bewegungen und Machtverhältnissen, und er betrachtet die soziale Interaktion als ein wichtiges raum- und damit auch gesellschaftsveränderndes Mittel.
In der aktuellen Präsentation "The University Paradox" in der Galerie Insam setzen sich Bitter und Weber mit der historischen Verankerung des gegenwärtigen "Bildungs- versus Ausbildungsdiskurses" auseinander. Für ihre analytische Bildproduktion nutzen sie Strategien der Aneignung, Rekonstruktion etc. von Dokumenten und Archivmaterial. Fotos der aktuellen Studentenproteste in Wien und Vancouver sind Archivmaterial gegenübergestellt, das mittlerweile über 40 Jahre alt ist: "Events are always original" titelt etwa eine Fotoserie, die das in Vancouver unterrichtende Künstlerduo an der Simon Fraser University recherchierte. Sie zeigt Aufnahmen der 1967 von den Studierenden besetzten und mit Bannern versehenen Verwaltungsräume, die unweigerlich an die jüngste Audimax-Besetzung erinnern. Eigentlich wurden die Fotos von der Verwaltung archiviert, um die "Verwüstung" zu dokumentieren, dennoch lassen sie sehr gut erkennen, dass es den Studenten keineswegs um Vandalismus, sondern um eine ernsthafte Bildungs- und Gesellschaftsdebatte ging.
Dass die Studentenproteste in der Schau insgesamt jedoch fast ein wenig zu slick und geordnet wirken, hängt vor allem damit zusammen, dass Bitter und Weber in weiteren Werken entweder die Architektur nur skizziert oder aber die "Akteure" freigestellt haben - damit verflacht der Informationsgehalt der Bilder leider sehr, und die These von Lefèbvre, nach der erst soziale Interaktion den Raum definiert, wird quasi in ihrer negativen Form vorgeführt. (Christa Benzer/ DER STANDARD, Printausgabe, 15.4.2010)
Bis 24. 4., Galerie Grita Insam, An der Hülben 3, 1010 Wien
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