Was bleiben muss

Das Interview mit Wolfgang Lorenz führte Heinz Hartwig.


Frage: Herr Lorenz, wenn man die Medienberichte zu Graz 2003 verfolgt, so findet man unglaublich hohe Erwartungen. Macht sie das fröhlich oder beunruhigt sie das eher?

Lorenz: Beides. Es ist schön, dass Graz international schon jetzt ganz anders positioniert ist als das je der Fall war. Auf der anderen Seite ist natürlich diese Erwartung so hoch, dass man schon ein Wundermensch sein müsste, um sie zu erfüllen.

Frage: Was erwarten Sie sich persönlich?

Lorenz: Ich erwarte mir gar nichts. Ich habe alles schon gehabt, nämlich herrliche Jahre der Vorbereitung. Jetzt kommt das Fruchtjahr.

Frage: Sie haben immer wieder davon gesprochen, dass Graz 2003 ein Fest für die Grazer ist.

Lorenz: Es ist ein Fest, kein Festival. Es ist ein Stadtentwicklungsprojekt und so gesehen eher gesellschaftspolitisch als kulturpolitisch. Interessant ist, was in Zukunft passiert. Ist Graz in der Lage, das was es 2003 geschafft hat, weiter zu leben?

Frage: Sie haben sehr bewusst in die internationale Kunst und Kulturszene geschaut. War das von Anfang an intendiert?

Wolfgang Lorenz / ©Bild: APA
Wolfgang Lorenz / ©Bild: APA

Lorenz: Wenn Graz nicht Lust auf Europa hat und das auch zeigt, ist es eben keine europäische Kulturhauptstadt. Da bleiben die Grazer unter sich und haben halt ein wenig mehr Geld. Wichtig ist, dass wir nur die Ermunterer sind, aber einlösen und fortpflanzen muss die Idee der Kulturhauptstadt die Grazer Bevölkerung. Da gehört auch die Auseinandersetzung mit dem Fremdem und mit den Fremden dazu.

Frage: Welche Rolle spielt in diesem Konzept der steirische herbst?

Lorenz: Es hat keinen Sinn in einer Stadt wie Graz zwei Festivals gegeneinander antreten zu lassen. Wir arbeiten deshalb mit bestehenden Institutionen wie dem herbst, aber auch der Styriarte oder den Vereinigten Bühnen zusammen.

Frage: In den letzten Tagen hat man gehört, dass ihnen einiges Geld fehlt. Sowohl der Bund, als auch die EU sparen. Wie geht es ihnen damit?

Lorenz: Schlecht, das ist ganz klar. Wie quietschen an allen Ecken, aber die Nähte halten noch. Das ist auch ein bisschen meine Schuld, weil ich überambitioniert bin, und deshalb so viel wie möglich realisieren will. Aber es gibt diese Gelegenheit auch nur einmal. Ich hoffe, dass wir uns im Lauf des Jahres über die Einnahmentangente erholen werden.

Frage: Heißt das, dass sie vielleicht das eine oder andere Projekt nicht machen werden können?

Lorenz: Das hoffe ich nicht, aber wenn sich die Einnahmen nicht steil nach oben entwickeln - momentan ist die Nachfrage riesig - müssten wir natürlich das eine oder andere canceln. Viel kann das ja ohnehin nicht sein, sonst wäre das eine schlampige Vorbereitung.

Frage: Graz 2003 hat viel auch mit Wirtschaft und Tourismus zu tun. Wie sieht es da mit den Infrastrukturinvestitionen aus. Konkret die Acconci-Insel. Wird sie bleiben?

Lorenz: Wir setzten die Zeichen, aber die Zukunft können wir nicht bestimmen. Von uns aus war das immer auf Dauer geplant. Es wäre ja auch vermessen einen Betrag von fünf Millionen Euro übers Jahr in der Mur zu versenken. Das halte ich schon deshalb für undenkbar, weil es gelungen ist, mitten in der Stadt einen neuen Bezirk im und um das Wasser zu schaffen. Man sieht schon jetzt die Freude an diesem neuen Natur- und Kulturbezirk und ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die Grazer das wegnehmen lassen würden.

Frage: Wenn man die Murinsel in Verbindung mit dem Kunsthaus sieht, könnte das ähnlich dem Guggenheim Bilbao neben dem künstlerischen einen wirtschaftlichen Aspekt bekommen?

Lorenz: Das war ja auch so gedacht, nur bin ich nicht der Tourismusdirektor. Man sieht - und das ist beispielhaft für Österreich -, dass Kultur richtig formuliert gehört und nicht dauernd mit Kunst verwechselt werden darf. Außerdem müssen die Menschen spüren, dass Kultur mir ihrem Leben zu tun hat und kein Ausnahmezustand ist. Man sieht auch, was der Schuhlöffel Kultur zu leisten im Stande ist. Fast nichts von alledem was Graz jetzt hat, wäre ohne die Kulturhauptstadt gegangen. Kultur ist kein Schnörkel der Gesellschaft, sondern ihr Lebensmittel. Dass Kultur etwas kostet, aber auch unglaublich viel bringen kann, hat jeder hier schon erlebt. Das ist schon fast ein Resümee, bevor es losgegangen ist. Und das muss bleiben.

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