Vor dem Museum werden Besucher bereits von
der Dampflokomotive "Ilse" und einem Abstellgleis empfangen: Die
Leihgaben aus dem Technischen Museum weisen schon auf eine
Zusammenarbeit beider Institutionen hin – der Partner des Wien Museums
präsentiert ab 12. Oktober das Auto und seine Geschichte im Wiener
Stadtverkehr mit "Spurwechsel – Wien lernt Autofahren". Am Karlsplatz
heißt es indessen "Großer Bahnhof. Wien und die weite Welt."
Eine Geschichte der Wiener Bahnhöfe ist
auch eine Geschichte des Verschwindens. Des Verschwindens einer
Architektur, die sich nun, nach 150 Jahren, noch einmal grundlegend
ändern wird. Die Prestigebauten der Nachkriegszeit werden neuen
Anforderungen weichen müssen. Längst ist das Flugzeug Transportmittel
Nummer eins für weitere Strecken und längst sind die großen Hallen des
Süd- und Westbahnhofs triste Unorte. Dabei waren sie ursprünglich durch
ihre spezielle Beleuchtung und Infrastruktur gerade bei Nacht
Aushängeschilder des Fortschritts. Trotz aller Nostalgie in Wien hat
man den alten Bahnhofsgebäuden nie nachgeweint oder sie wegen ihrer
teils namhaften Architekten unter Denkmalschutz gestellt. Immer wieder
plante man bis zum Karls- oder sogar Stephansplatz per Zug vorzu
dringen, doch die fünf wesentlichen Bahnhöfe wurden an den damaligen
Stadtrand gebaut. Sie waren zwar im Wesentlichen Eisenkonstruktionen,
täuschten aber Schlösser und Kathedralen vor – reine Ingenieursleistung
ist auch im neuesten Projekt eines riesigen Zentralbahnhofs am
Südtirolerplatz nicht ausreichend. Also wieder ein Prestigeprojekt, wie
auch der neue Nordbahnhof "Wien – Europa Mitte".
Moderat modern
War, so gesehen, die funktionalistische Bauweise des Westbahnhofs
von Robert Hartinger und Josef Wöhnhart 1950 bis 1954 nicht vielleicht
"moderner", wenn auch, wie alle Bauten dieser Nachkriegsphase, "moderat
modern"? Er gefiel allen und nun stört es auch kaum jemanden, wenn er
überbaut wird oder im Fall des Südbahnhofs weichen wird. Die
Vorgängerbauten blieben auf Fotografien und als Motive auf Tarockkarten
erhalten.
In der Schau geht es aber weiterführend auch um all die Dinge, die
mit der Bahn, dem Bahnhof zusammen hängen. Dabei hat man auch nicht auf
Negativhinweise wie die Deportation der jüdischen Mitbürger vom
Aspangbahnhof und die Fahrten ins Exil oder in den Krieg verzichtet.
Ernst Haas' legendäre Heimkehrerserie ist ebenso vorhanden wie Barbara
Pflaums erste Prominentenfotos.
Lisl Pongers und Leo Kandls Aufnahmen der tristen Lokale und
Wartesäle hängen gegenüber frühen Werbeplakaten, Urlaub und Entspannung
via Bahn und auf das Auto verzichtend anzutreten. Ein Slogan, der ja
immer da war, obwohl der Bahnhof heute hauptsächlich von Pendlern
frequentiert wird. Ihrer Lektüre widmet sich ein ausgestelltes Projekt,
ein anderes den Hotels und Restaurants und der Bahnhofsseelsorge, die
im 19. Jahrhundert gefährdete Mädchen aus der Provinz betreute. Es ist
kein Claude Monet Gemälde in der Schau, aber die österreichischen
Varianten eines Josef Danilowatz oder Anton Karlinsky zeigen die alten
Bahnhöfe romantisch im Schnee und Nebel. Auch die zahlreichen Modelle,
Plastiken und Objekte bis zu Ballspenden und Spielzeug sprechen
verschiedenste Interessen an.
Großer Bahnhof.
Wien und die weite Welt
Wien Museum
Di bis So, 9 bis 18 Uhr
Bis 25. Februar 2007
Orte des Wandels.
Dienstag, 03. Oktober 2006