
Den netten Gag nährt die Tatsache, dass eben nicht nur die Florentiner Mäzene der Renaissance, sondern auch eine Luzerner Baufirma diesen Namen trägt. Ebenso wie das Porträt "Johanna" sind auch die "Medici" für das Mumok unwiederbringlich verloren, seufzt wehmütig Direktor Edelbert Köb, der mit Gertsch einem der wichtigsten Schweizer Gegenwartskünstler und wesentlichsten Vertreter des Fotorealismus eine Retrospektive ausrichtet.
Das Ehepaar Ludwig kaufte das Bild, mit dem Gertsch auf der Documenta 5 international bekannt wurde, vom Fleck weg - ehe es die Öffentlichkeit überhaupt zu Gesicht bekam. Lange Jahre konnte man es in Wien in den ehemaligen Räumen im Palais Liechtenstein bewundern. Dann ging es ans Ludwig Forum nach Aachen.
Vorlagen für die Hippie- und Popkultur-Motive der 1970er und 1980er sind Schnappschüsse, die Gertsch vom Diapositiv auf die Leinwand bannte. Die teils regelrecht fluoeszierenden Farben und malerischen Details der riesenhaften Gemälde - darunter auch eine Serie mit Patti Smith - gehen reproduziert wieder gänzlich verloren: Etwa die in allen Regenbogenfarben schillernden Lichtreflexe auf der Wuschelmähne eines Hippies, der mit ein paar Girlies am Wegesrand der "Aelggi Alp" kauert.
Ausgerechnet auf einem Tessiner Berggipfel überkam Gertsch 1969 der Wunsch, sich fortan dem Fotorealismus zu widmen. Zwanzig Jahre lang hatte der Künstler zu diesem Zeitpunkt schon gearbeitet und diverse Stile erprobt: Seine - wohl zu Recht - kaum bekannten Experimente mit den realistischen Tendenzen des 20. Jahrhunderts, Neue Sachlichkeit oder Surrealismus etwa, oder der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts hat man optisch in zwei Gängen ausgeblendet: darunter dicke Pferdchen oder eine Art Manet'sche, aber männliche rosa "Odalisque".
Das erste fotorealistische Werk nach diesem alpinen Schlüsselerlebnis ist dann auch im Husarenritt auf Pferd passend eingefangen ("Huaaa...!").
"Den ganzen Gertsch" erhält man aber erst, wenn man den erstmals paarlaufenden Direktoren Köb und Klaus Albrecht Schröder in die Albertina folgt. Dort fährt man mittels Rolltreppe hinunter in die Natur, die Franz Gertsch auf riesige Holzschnitte gebannt und gekonnt in Farben von Preußischblau bis Zinnoberrot getaucht hat.
Denn Mitte der 1980er-Jahre gibt Gertsch die Malerei vorübergehend auf und entwickelt eine eigene Holzschnitt-Technik. Im Dialog mit der Natur teils sehr präsente, teils eher elfenhaft wirkende Holzschnitt-Porträts von "Silvia", "Natascha" und "Dominique".
Aber auch ein ganzer Gertsch bleibt mitunter ein halber: dann, wenn man unbehelligt, unbeschmutzt und unverändert die hübschen Kunsthallen verlässt. (Anne Katrin Feßler/ DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2006)