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Frieze London: Die Gier ist vorbei, die Preise halten

22.10.2008 | 18:24 | SABINE B. VOGEL (Die Presse)

Völlig verunsichert ob der Bankenkrise eröffnete Londons wichtigste Messe für Gegenwartskunst. Die Zeit der Korrektur des Kunstmarkts scheint gekommen.

Als 1991 die Finanzkrise Europa und die USA erschütterte, brach der Kunstmarkt augenblicklich ein. Die Preise purzelten, Galerien schlossen und die Kunstmärkte leerten sich. Droht heute eine ähnliche Situation? Wie damals ist auch jetzt der Kunstmarkt überhitzt mit viel zu hohen Preisen für mittelmäßige Werke. Wie damals waren es auch jetzt die Broker und Banker, die sich mit Spieltrieb und Gewinnmaximierungsglauben auf harmlos-dekorative Kunst mit hohem Wiedererkennungseffekt stürzten und die Kunst zur puren Investition entwerteten, bis ihnen das Geld ob der gefallenen Aktienkurse ausging.

Wer investiert jetzt noch? Können die hohen Preise gehalten werden? Völlig verunsichert eröffnete letzte Woche die Frieze Art Fair, Londons wichtigste Messe für Gegenwartskunst. Zwar standen schon um elf Uhr die ersten VIP-Gäste in einer langen Warteschlange. Aber anders als in den vorherigen fünf Editionen kam es dieses Jahr nicht zu dieser gierigen Stimmung, zu jenen schnellen Käufen, die nur Name und Format als Maßstab nahmen. Und anders als 1991 ist der Einbruch keineswegs dramatisch. Im Gegenteil: Die Stimmung ist zwar nicht euphorisch, aber erleichtert. Zwar sind die Messestände nicht mehr nach zwei Stunden ausverkauft, aber die Preise halten.

Die Krise ist eine willkommene Korrektur. Vor allem die Investment-Käufer sind ausgeblieben – und das ist gut so. Zu oft landeten die schnellen Käufe wenig später wieder auf Auktionen. Jetzt können die Verkaufsgespräche wieder Zeit in Anspruch nehmen, die Sammler wollen Kataloge sehen, über die Werke sprechen, vergleichen und abwägen – um dann zunächst einmal zu reservieren.

Schnelle Entscheidungen fallen nur selten, etwa bei den Stars der indischen Kunstszene, Bharti Kher (300.000€) und Subodh Gupta (450.000€) bei Hauser&Wirth oder Jitish Kallat (ab 135.000 €) bei Arndt & Partner. Der Boom indischer Kunst hat vor wenigen Jahren als Binnenmarkt begonnen. Jetzt in London sind es vor allem europäische Sammler, die diese erzählerischen Werke voller Anspielungen auf den indischen Alltag erwerben. Große Aufmerksamkeit erhielten auch die pakistanischen Künstler Aisha Khalid und Imran Qureshi bei der Londoner Galerie Corvi Mora, deren Bilder Miniaturmalerei und aktuelle Themen verbinden und bei Preisen bis zu 10.000 Pfund vergleichsweise günstig sind.

Ansonsten dominiert Europa die Messe. Nur wenige US-Sammler sind gekommen und auch die Kunst aus den USA ist längst nicht mehr tonangebend. Immer wieder fallen Werke von Georg Herold, Jonathan Monk und Heimo Zobernig auf. Nahezu jede Galerie ist zufrieden, „besser als erwartet“ ist der häufigste Kommentar. Und das gilt auch für die rappelvolle kleine Parallelmesse ZOO, auf der preisgünstige junge Kunst gezeigt wird, zum Beispiel die verspielten Wandobjekte von Londons Shootingstar Ruth Claxton, die von nahezu jeder Galerie vertreten zu sein scheint. Dieses Jahr residiert die ZOO erstmals in der Royal Academy of Arts. So eng die Stände der Galerien sind und so dicht sich die Besucher drängeln, so voll ist auch eine kleine, feine Ausstellung gepackt. 22 Künstler lud der Künstler und Kurator Henry Coleman ein, das zentrale Treppenhaus des historischen Gebäudes mit Wandmalereien zu füllen; eine beeindruckende Auswahl auf engstem Raum.

 

Beginn einer globalen Kunst

Damals, 1991, hatten sich Künstler für die Produktion ihrer Werke verschuldet. Heute müssen die Formate nicht mehr raumsprengend sein, die Materialien nicht mehr vom Allerneuesten. Damals hielt die Marktflaute lange genug an, um die Kunst nachhaltig zu verändern. Statt Verkaufsware entstanden selbst organisierte Räume, vor Ort produzierte Installationen und politisierte Projekte. Noch ist die aktuelle Krise zu jung, um bereits Konsequenzen auszumachen, aber diesmal scheint die Situation stabiler zu sein. Im Unterschied zu 1991 sei der Kunstmarkt heute global gestützt, erklärt Victor Gisler von der Züricher „Mai 36“-Galerie. Und der Gang über die Messen bestätigt seine Beobachtung: Sammler, Künstler und Galerien kommen heute aus allen Teilen der Welt – noch ist in London weniger eine Krise als der Beginn einer globalen Kunst zu beobachten.


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