Seydou Keita und Malick Sidibe

"Flash Afrique" - Ausstellung über westafrikanische Fotografie in der Kunsthalle Wien.
Von Ines Mitterer.


Eine junge Frau im starkgemusterten Boubou, der farbenfrohen westafrikanischen Gewandung, kommt ins Fotostudio: der Fotograf, ein älterer Herr, tupft sorgfältig ihr Gesicht ab, um die Nervosität der Dame zu bändigen, stellt ihr prestigeträchtige Gegenstände wie eine Nähmaschine oder ein Fahrrad zur Seite, und bringt sie in Pose. Ein Schauspiel wie es in den afrikanischen Fotostudios der letzten 50 Jahre immer wieder zu beobachten war - hier in der Ausstellung festgehalten in einer Videohommage eines jungen Fotografen an einen alten Meister.

Dorris Haron Kasko, der selbst dokumentarische Fotos macht, identifiziert sich mit der alten Studiofotografie, die Ausgangspunkt aller westafrikanischen Fotokunst ist.

Tradition der Notwendigkeit

"Booming Internet", Philip Kwame Apagya, 2000 / ©Bild: P. K. Apagya

Thomas Mießgang, der die Schau Flash Afrique gemeinsam mit Kunsthallen-Chef Gerald Matt zusammengestellt hat: "Es hat eine der Notwendigkeit und Ökonomie geschuldete Tradition der Studiofotografie gegeben, die besonders stark in der Zeit um die Unabhängigkeit war, als die Leute dann auch offizielle Dokumente bekommen und dafür Passfotos benötigt haben."

Vorher habe der Blick durch die Linse "der Kolonialmächte oder der jeweiligen Gutmenschen, die sich da umgetan haben - Missionare, Ethnografen", dominiert.

Am Anfang stand das Studio

Seydou Keita, 1958 / ©Bild: S. Keita
Seydou Keita, 1958 / ©Bild: S. Keita

Das Studio der heute berühmtesten Fotografen dieser Gegend, Seydou Keita und Malick Sidibe stand in Bamako, der Hauptstadt von Mali. Beide Kamerameister verstanden sich als Gesellschafts-
fotografen, die in erster Linie ihre Kunden zufrieden stellen wollten: Seydou Keita mit dekorativen Hintergründen, Accessoires und Posen, Malick Sidibe mit Aufnahmen der sich vergnügenden Jeunesse dorée Malis kurz nach der Unabhängigkeit.

Die jungen Fotografen Westafrikas haben ihren Blick auf die Strasse gerichtet und dokumentieren die Schattenseiten des Lebens in den schnell wachsenden Metropolen. Auffällig viele Außenseiter, Entwurzelte gibt es da zu sehen, egal ob bei dem Senegalesen Bouna Medou Seye oder bei Dorris Haron Kasko aus Abidjan.

Mensch als Spiegel

"Im Zentrum von Abidjan gibt es diese modernen verspiegelten Gebäude. Sie spiegeln die Stadt in einem so schönen Licht", beschreibt Kasko. "Ich persönlich habe Probleme damit, diese Spiegel zu fotografieren und zu sagen: Voilà, das ist meint Land. Denn die Spiegel verfälschen die Wirklichkeit, sie zeigen eine verzerrte Realität. Ich möchte dem Menschen, der mir gegenübersteht, zeigen, er ist mein wahrhaftigster Spiegel. Ich mache mit diesen Bildern keine Politik. Aber ich zeige einigen Menschen meines Lande - meinem Zielpublikum - das, was sie nicht sehen können oder wollen."

Die Sammlung Pigozzi

Losgetreten hat den Boom dieser beiden Kamerakünstler in Europa der Kurator der vermutlich größten Sammlung zeitgenössischer afrikanischer Kunst, der Sammlung Pigozzi.

André Magnin entdeckte Seydou Keita vor ziemlich genau 10 Jahren in New York: "1991 war ich in New York bei einer Ausstellung und sah dort diese schönen alten Porträts. Auf dem Rahmen stand: unbekannter Fotograf Bamako, Mali, 50er Jahre."

Magnins Spürsinn

André Magnin hat den unbekannten Fotografen in Bamako aufgespürt und seine Fotos bekannt gemacht. Seitdem touren sie als Leihgabe der Sammlung Pigozzi durch die Ausstellungswelt.

André Magnin hat für den Schweizer Kunstliebhaber Jean Pigozzi die weltgrößte Sammlung afrikanischer Kunst von heute zusammengetragen. Auf dem unsicheren Terrain moderner Kunst aus Afrika bewegt sich der smarte Franzose mit ausgezeichnetem Spürsinn und sicherem Instinkt, beinahe konkurrenzlos. Er kennt sich aus, er bestimmt den Preis, er macht Stars zu Stars.

Entdecker oder Neokolonialist?

Von den einen als großer Entdecker gefeiert, wird er von den anderen als ebenso großer Neokolonialist angefeindet, der sich afrikanischer Kunstrohstoffe bedient, um daraus selbst Kapital zu schlagen.

200 Reisen allein nach Afrika kann André Magnin verbuchen. Auch um die beiden Stars der Ausstellung Flash Afrique, musste Magning einige Male nach Bamako, der Haupstadt von Mali, fliegen.

"Nach und nach habe ich das Vertrauen von Seydou Keita gewonnen, der mir sein Archiv geöffnet hat. Gemeinsam haben wir dann über 20.000 Negative gesichtet und er hat mir 21 repräsentative Aufnahmen geborgt", erinnert sich Magnin.

Kaum Konkurrenz

Kunst aus Afrika ist noch relativ selten in amerikanischen und europäischen Ausstellungshäusern zu Gast. Eine erste Bestandsaufnahme der heutigen Kunst Afrikas lieferte die Ausstellung "Magiciens de la terre" 1989 im Pariser Centre Pompidou. Dort haben sich Magnin und Jean Pigozzi kennen gelernt und eine Zusammenarbeit vereinbart.

Heute ist die Sammlung Pigozzi die größte ihrer Art. Magnin ist der Herrscher über dieses Imperium, aber auch derjenige, der oft entscheidet, was afrikanische Kunst ist und was nicht. Denn der reicher Unternehmer Pigozzi und der erfahrene Kurator haben kaum Konkurrenz. Europäische Museen oder Ausstellungshäuser könnten sich die langwierige und schwierige Suche nach den Werken nicht finanzieren.

Komplizierte Recherche

"Les troittoirs de Dakar", Bouna Medoune Seye / ©Bild: B. M. Seye

"Es gibt keine Strukturen in Afrika, keine Museen moderner Kunst, keine Galerien, mit einigen Ausnahmen in Südafrika, keine Kunstzeitschriften mit Ausnahme der 'Glenn Dora' in Nigeria. Es gibt das Publikum dafür nicht, in der Presse ist das Thema Kunst inexistent. Da es keine Museen gibt, gibt es keine Kuratoren, erst jetzt beginnt das langsam. Die Recherche ist also sehr komplex und kompliziert."

Magnin und Pigozzi bestimmen jedoch vielleicht zu einseitig über den Markt, dessen Löwenanteil sie selbst beherrschen. Kollegen aus dem Fachbereich - wie etwa Dokumenta-Chef Okwui Enwezor - geißeln Magnins Kunstgeschmack als neo-primitiv. Nun ist es das gute Recht eines privaten Sammlers, das zu kaufen, was ihm gefällt. Das Problem ist der Mangel an Konkurrenten, an objektiveren Institutionen, an einer Vielfalt von Stimmen.

Die Schar der Käufer wird immer größer, das zeigt die letzte Versteigerung bei Sotheby's, die das Doppelte des angenommenen Preises eingespielt hat. Woher die Kunstwerke kamen? Aus der Sammlung Pigozzi. Wohin das Geld gehen soll? In eine Stiftung, die den Pigozzi-Kunstpreis an Künstler südlich der Sahara vergeben wird. Wen bei soviel Monopolstellungen schwindlig geworden ist, dem kann nur eines helfen: Ein Besuch der Ausstellung Flash Afrique in der Kunsthalle Wien. Die Fotos der alten Meister sind so schön, dass man den Kunstmarkt und die Fadenzieher gern vergisst.

Tipp:

KUNSTHALLE wien, Neues Haus
"Flash Afrique - Fotografie aus Westafrika", 7. September - 11. November 2001, Halle 2.

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