| Seydou Keita und Malick Sidibe | |
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"Flash Afrique" - Ausstellung über westafrikanische Fotografie in
der Kunsthalle Wien. |
Eine junge Frau im starkgemusterten Boubou, der farbenfrohen
westafrikanischen Gewandung, kommt ins Fotostudio: der Fotograf, ein
älterer Herr, tupft sorgfältig ihr Gesicht ab, um die Nervosität der Dame
zu bändigen, stellt ihr prestigeträchtige Gegenstände wie eine Nähmaschine
oder ein Fahrrad zur Seite, und bringt sie in Pose. Ein Schauspiel wie es
in den afrikanischen Fotostudios der letzten 50 Jahre immer wieder zu
beobachten war - hier in der Ausstellung festgehalten in einer
Videohommage eines jungen Fotografen an einen alten Meister. Dorris Haron Kasko, der selbst dokumentarische Fotos macht,
identifiziert sich mit der alten Studiofotografie, die Ausgangspunkt aller
westafrikanischen Fotokunst ist. Tradition der Notwendigkeit
Thomas Mießgang, der die Schau Flash Afrique
gemeinsam mit Kunsthallen-Chef Gerald Matt zusammengestellt hat: "Es hat
eine der Notwendigkeit und Ökonomie geschuldete Tradition der
Studiofotografie gegeben, die besonders stark in der Zeit um die
Unabhängigkeit war, als die Leute dann auch offizielle Dokumente bekommen
und dafür Passfotos benötigt haben." Vorher habe der Blick durch die Linse "der Kolonialmächte oder der
jeweiligen Gutmenschen, die sich da umgetan haben - Missionare,
Ethnografen", dominiert. Am Anfang stand das Studio
Das Studio der heute berühmtesten Fotografen dieser Gegend, Seydou
Keita und Malick Sidibe stand in Bamako, der Hauptstadt von Mali.
Beide Kamerameister verstanden sich als Gesellschafts- Die jungen Fotografen Westafrikas haben ihren Blick auf die Strasse
gerichtet und dokumentieren die Schattenseiten des Lebens in den schnell
wachsenden Metropolen. Auffällig viele Außenseiter, Entwurzelte gibt es da
zu sehen, egal ob bei dem Senegalesen Bouna Medou Seye oder bei Dorris
Haron Kasko aus Abidjan. Mensch als Spiegel "Im Zentrum von Abidjan gibt es diese modernen verspiegelten Gebäude.
Sie spiegeln die Stadt in einem so schönen Licht", beschreibt Kasko. "Ich
persönlich habe Probleme damit, diese Spiegel zu fotografieren und zu
sagen: Voilà, das ist meint Land. Denn die Spiegel verfälschen die
Wirklichkeit, sie zeigen eine verzerrte Realität. Ich möchte dem Menschen,
der mir gegenübersteht, zeigen, er ist mein wahrhaftigster Spiegel. Ich
mache mit diesen Bildern keine Politik. Aber ich zeige einigen Menschen
meines Lande - meinem Zielpublikum - das, was sie nicht sehen können oder
wollen." Die Sammlung Pigozzi Losgetreten hat den Boom dieser beiden Kamerakünstler in Europa der
Kurator der vermutlich größten Sammlung zeitgenössischer afrikanischer
Kunst, der Sammlung Pigozzi. André Magnin entdeckte Seydou Keita vor ziemlich genau 10 Jahren in New
York: "1991 war ich in New York bei einer Ausstellung und sah dort diese
schönen alten Porträts. Auf dem Rahmen stand: unbekannter Fotograf Bamako,
Mali, 50er Jahre." Magnins Spürsinn André Magnin hat den unbekannten Fotografen in Bamako aufgespürt und
seine Fotos bekannt gemacht. Seitdem touren sie als Leihgabe der Sammlung
Pigozzi durch die Ausstellungswelt. André Magnin hat für den Schweizer Kunstliebhaber Jean Pigozzi die
weltgrößte Sammlung afrikanischer Kunst von heute zusammengetragen. Auf
dem unsicheren Terrain moderner Kunst aus Afrika bewegt sich der smarte
Franzose mit ausgezeichnetem Spürsinn und sicherem Instinkt, beinahe
konkurrenzlos. Er kennt sich aus, er bestimmt den Preis, er macht Stars zu
Stars. Entdecker oder Neokolonialist? Von den einen als großer Entdecker gefeiert, wird er von den anderen
als ebenso großer Neokolonialist angefeindet, der sich afrikanischer
Kunstrohstoffe bedient, um daraus selbst Kapital zu schlagen. 200 Reisen allein nach Afrika kann André Magnin verbuchen. Auch um die
beiden Stars der Ausstellung Flash Afrique, musste Magning einige Male
nach Bamako, der Haupstadt von Mali, fliegen. "Nach und nach habe ich das Vertrauen von Seydou Keita gewonnen, der
mir sein Archiv geöffnet hat. Gemeinsam haben wir dann über 20.000
Negative gesichtet und er hat mir 21 repräsentative Aufnahmen geborgt",
erinnert sich Magnin. Kaum Konkurrenz Kunst aus Afrika ist noch relativ selten in amerikanischen und
europäischen Ausstellungshäusern zu Gast. Eine erste Bestandsaufnahme der
heutigen Kunst Afrikas lieferte die Ausstellung "Magiciens de la terre"
1989 im Pariser Centre
Pompidou. Dort haben sich Magnin und Jean Pigozzi kennen gelernt und
eine Zusammenarbeit vereinbart. Heute ist die Sammlung Pigozzi die größte ihrer Art. Magnin ist der
Herrscher über dieses Imperium, aber auch derjenige, der oft entscheidet,
was afrikanische Kunst ist und was nicht. Denn der reicher Unternehmer
Pigozzi und der erfahrene Kurator haben kaum Konkurrenz. Europäische
Museen oder Ausstellungshäuser könnten sich die langwierige und schwierige
Suche nach den Werken nicht finanzieren. Komplizierte Recherche
"Es gibt keine Strukturen in Afrika, keine Museen moderner Kunst, keine
Galerien, mit einigen Ausnahmen in Südafrika, keine Kunstzeitschriften mit
Ausnahme der 'Glenn Dora' in Nigeria. Es gibt das Publikum dafür nicht, in
der Presse ist das Thema Kunst inexistent. Da es keine Museen gibt, gibt
es keine Kuratoren, erst jetzt beginnt das langsam. Die Recherche ist also
sehr komplex und kompliziert." Magnin und Pigozzi bestimmen jedoch vielleicht zu einseitig über den
Markt, dessen Löwenanteil sie selbst beherrschen. Kollegen aus dem
Fachbereich - wie etwa Dokumenta-Chef Okwui Enwezor -
geißeln Magnins Kunstgeschmack als neo-primitiv. Nun ist es das gute Recht
eines privaten Sammlers, das zu kaufen, was ihm gefällt. Das Problem ist
der Mangel an Konkurrenten, an objektiveren Institutionen, an einer
Vielfalt von Stimmen. Die Schar der Käufer wird immer größer, das zeigt die letzte
Versteigerung bei Sotheby's, die das Doppelte des
angenommenen Preises eingespielt hat. Woher die Kunstwerke kamen? Aus der
Sammlung Pigozzi. Wohin das Geld gehen soll? In eine Stiftung, die den
Pigozzi-Kunstpreis an Künstler südlich der Sahara vergeben wird. Wen bei
soviel Monopolstellungen schwindlig geworden ist, dem kann nur eines
helfen: Ein Besuch der Ausstellung Flash Afrique in der Kunsthalle Wien.
Die Fotos der alten Meister sind so schön, dass man den Kunstmarkt und die
Fadenzieher gern vergisst. Tipp: KUNSTHALLE
wien, Neues Haus | ||||||||