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Grandiose Schau im KHM will "Bacons Welt erschließen"

Ausstellung konfrontiert das Werk des großen Malers mit Vorbildern und Inspirationsquellen - ab Mittwoch geöffnet.

Wien (APA) - Das Porträt, das Diego Velazquez 1650 von Papst Innozenz X. gemalt hat, faszinierte Francis Bacon sein Leben lang - "weil ich glaube, dass dies eines der größten Porträts ist, die je gemacht worden sind", schilderte er seinem Interviewpartner David Sylvester. "Ich kaufe jedes Buch, das die Abbildung dieses Papstes von Velazquez enthält, weil es mich einfach verfolgt und sogar alle Arten von Gefühlen und Bereiche der Phantasie, wenn ich so sagen darf, in mir frei legt." Das in Rom hängende Original hat er bewusst nie persönlich in Augenschein genommen, und auch die Ausstellung "Francis Bacon und die Bildtradition", die ab Mittwoch (15.10.) im Kunsthistorischen Museum (KHM) in Wien zu sehen ist, muss ohne das Vorbild auskommen, das nicht verliehen wird. Das tut der Faszination der Schau indes keinen Abbruch.

Gast-Kuratorin Barbara Steffen will mit der Ausstellung den Besuchern "Bacons Welt erschließen", wie sie bei der heutigen Presseführung erläuterte. Ihr Vorhaben gelingt auf eindrucksvolle Weise. Steffen: "Die Ausstellung ist keine Retrospektive, sondern stellt das Werk Bacons in Bezug zu anderen Künstlern." Dazu konfrontiert sie rund 40 Gemälde Bacons (1909-1992) mit Werken Alter Meister wie Rembrandt, Velazquez oder Tizian sowie mit Bacons Zeitgenossen wie Pablo Picasso oder Alberto Giacometti. Über 50 Leihgeber haben zu der Schau beigetragen, dafür sei "nicht zuletzt auch das überzeugende Konzept" verantwortlich, meinte KHM-Direktor Wilfried Seipel.

Zu den Gemälden gibt es in Vitrinen ausgebreitete Fotos, Buchausschnitte und Skizzen, die Steffen aus der Fülle an Materialen ausgewählt hat, die sich in dem von London nach Dublin transportierten und dort detailgenau wieder aufgebauten Atelier des Malers befinden. "Durch dieses dritte Element, ich nenne es 'Missing Link', kann der Besucher in die Methode Bacons hineinsehen", erläuterte Steffen, und wieder kann man ihr Recht geben.

Fast mehr als der Vergleich mit den Originalen anderer großer Künstler ist es die Konfrontation mit diesen zerrissenen, zerschnipselten, zerknüllten Unterlagen, der das Verständnis für die Arbeiten Bacons vertieft. Hier finden sich auch kleine Buch-Abbildungen des Papst-Porträts von Velazquez oder einer der kleinen roten Papp-Pfeile, wie sie in den Bildern Bacons immer wieder auftauchen. Manche der Blätter tragen charakteristische Knitterstellen und Farbspritzer, wie sie Bacon auch in seine eigenen Gemälde übertragen hat.

Es ist zunächst einmal die schiere Wucht des Bacon'schen Oeuvres, die den Betrachter in der KHM-Ausstellung förmlich erschlägt. Die großen Formate, die latente und immer wieder auch explizit ausgedrückte Gewalt, die Zurückführung der menschlichen Existenz auf ihre nackte Fleischlichkeit, die Vielzahl von Triptychen - vor diesem starken, unmittelbaren, ersten Eindruck gibt es kein Entkommen.

Das Konzept, die Arbeiten Bacons mit jenen anderer Künstler anhand von 16 Themenkreisen in Beziehung zu setzen, erschließt sich im langsamen Rundgang - mal besser, mal schlechter. Manchmal reicht die Schmalheit des Materials für die Argumentation nicht aus, manchmal - wie etwa in der Einbeziehung von Alberto Giacomettis Skulptur "Die Nase" zum "Motiv des Käfigs", oder von Filmausschnitten von Sergej Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" zum Thema "Der Schrei" - gelingt die Beweisführung ohne Problem.

Nichts übertrifft aber den "Papst-Saal", in dem zahlreiche Bacon-Päpste auf ihre etwa von Tizian gemalten Kollegen treffen. Und auch Papst Innozenz X. findet sich hier wieder - in einer aus Bergamo entlehnten kleinen Kopie jenes Kopfes, der Francis Bacon Zeit seines Lebens so fasziniert hat. Von "fast verwegenen und hinterhältigen Blick" schreibt Steffen im (sehens- und lesenswerten) Katalog, von "schmalen, verbissenen Lippen, die nichts Gutes verheißen". Bacon, so die Kuratorin, habe diesen "gefährlich verkniffenen Papst förmlich explodieren" lassen: "Er holte alles, was verborgen und unterdrückt ist, aus dem Inneren der Figur heraus."

In fast allen europäischen Hauptstädten habe es in den vergangenen Jahrzehnten große Bacon-Ausstellungen gegeben, erzählte Direktor Wilfried Seipel, nur in Wien nicht. Das habe er unbedingt nachholen wollen. "Es war für mich eine Selbstverständlichkeit, Francis Bacon einmal in Wien zu zeigen." Das einzige in Österreich befindliche Gemälde dieses großen Künstlers hat das Museum Moderner Kunst übrigens nicht dem KHM ausgeliehen. Den grandiosen Gesamteindruck dieser Ausstellung, die nach Wien in der Fondation Beyeler in Basel zu sehen ist, schmälert dies nicht.

Ausstellung "Francis Bacon und die Bildtradition", Kunsthistorisches Museum, 15.10. bis 18.1.2004, Di-So 10-18 Uhr, Do 10 bis 21 Uhr, Katalog in deutscher oder englischer Fassung: 38,- Euro; Vorträge im Medienraum: 25.10., 11 Uhr: Barbara Steffen: "Bildtradition und Zufall bei Francis Bacon" (deutsch); 15.11., 11 Uhr, Margarita Cappock: "Organized Chaos - Francis Bacon"s Studio in 7, Reece Mews" (englisch).
2003-10-13 14:38:05