Thomas Ruff: Erste Personale des Fotostars in der Kunsthalle Wien
Vermessungen der Welt
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Der "chirurgische" Blick: Thomas Ruff zählt zu den bekanntesten
Fotografen der Gegenwart. Im Bild: "Porträt (S. Weirauch)", 1988, Foto:
VBK, Wien 2009
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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Er ist einer der bekanntesten Fotografen der Gegenwart: Thomas Ruff.
Der Schüler von Bernd Becher vertrat Deutschland 1995 auf der Biennale
von Venedig, 1992 wurde seine Serie "Nächte" bereits auf der Documenta
IX gezeigt.
Wien musste lange auf eine Personale des berühmten
Porträtisten warten, der analog mit der Kamera sowie digital am
Computer sein Medium, die Fotografie, kritisch untersucht. Das gilt für
aktuelle Veränderungen, aber auch für die Geschichte der Apparate und
des monokularen Guckloch-Blicks.
Die Kunsthalle bietet mit etwa 150 Arbeiten und elf Serien einen
Einblick in etwa die Hälfte seines bisherigen Schaffens. Die Schau
beginnt mit den "Interieurs", Aufnahmen von typischem Design der
Sechzigerjahre, und der ersten Porträtserie von 1979-81.
Foto-Recherchen
International bekannt wurde seine zweite großformatige Serie mit
beharrlich emotionslos gehaltenen Gesichtern – von vielen als
"chirurgischer" Blick bezeichnet. Das Überwachungsthema wird hier
ironisch angewandt: Betrachter wie Porträtierte könnten big brother
sein. Die Objektivität der Fotografie gerät dabei schon ab 1988 ins
Visier – das ist von ihm bewusst gesteuert und gleich wichtig wie Form-
oder Oberflächenfragen. Ruff bezweifelt im Gegensatz zu Andreas Gursky,
Thomas Struth oder Candida Höfer die aufklärerische Seite seines
Mediums. Er versucht Manipulationen offenzulegen, die uns in der
alltäglichen Bilderflut erwarten.
Deshalb begann Ruff schon früh, in seiner Serie "Häuser" 1987,
digital zu arbeiten und lotet bis heute die subtile Manipulation
technischer Fragen aus. So ruft beispielsweise die "Nächte"-Serie,
aufgenommen in harmlosen Wohngegenden durch die Restlichtverstärker an
der Kamera, auch Erinnerungen an die Bilder vom ersten Golfkrieg wach.
Die Duoton-Technik ist damit vom militärischen und journalistischen
Bereich in den künstlerischen gewandert.
Die "Zeitungsfotos", publiziert aus seinem Archiv ab 1990, machen
auch die Manipulation von redaktioneller Aufbereitung klar: Es herrscht
Fotopolitik. Mit den "Stereofotos" kommt das Erweitern des
Augenabstandes, als Technik seit 1830 bekannt, zu neuen Ehren. Ab 1990
hat sich Ruff auch die Sterne über fotografische Archive hereingeholt
und anfangs scheinbar kunstlos übernommen, seit 2008 bearbeitet er
Bilder der Nasa farblich zu einer Serie. Abstraktes Raumbild,
Schnappschuss und selbst Zeitgeist reflektiert Ruff scheinbar mühelos.
Bildende Kunst
Thomas Ruff.
Oberflächen, Tiefen.
Kunsthalle Wien bis 13. September
Printausgabe vom Freitag, 22. Mai 2009
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