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Kommentar: Das sanktionierte Enfant terrible

Kommentar: Das sanktionierte Enfant terrible

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

300 Jahre Wiener Zeitung!Die heraufbeschworenen Skandale und Proteste anlässlich der Ausstellung werden sehr geschickt für das Museum und den Künstler als Publicity genützt, obwohl Muehl sich nach wie vor als absoluter Gegner von Institutionen und Kunstmarkt bezeichnet. Ohne die vorangegangenen Skandale und ohne Muehls Beitrag zum Wiener Aktionismus wären diese Arbeiten allerdings uninteressant, bzw. würden durch ihre mindere Qualität auch keine Aktien für einen ruhigen Lebensabend der Restkommune in Faro (Portugal) darstellen. In Österreich wird nach 40 Jahren eine Revolte sanktioniert und viele (nicht nur Museumsdirektoren) gefallen sich im scheinbar progressiven Erheben der ehemaligen Enfant terribles zu neuen Staatspreisträgern.
Muehl selbst, der sich schon 1967 als Pop-Messias bezeichnete, sieht sich heute als Märtyrer der österreichischen Justiz, in seinem kürzlich der "Zeit" gegebenen Interview wurde selbst der geschmacklose Vergleich mit jüdischer Verfolgung durch die Nationalsozialisten nicht ausgelassen. Da er sich jedoch eines Weltverbesserungsmodells bediente, das den Mitgliedern seiner (Aktions-Analytischen) Kommune die Erlösung durch Zerstörung bestehender Gesellschaftssysteme versprach, rückt er als diktatorischer Priesterkünstler allerdings in eine unheilvolle Reihe, die von Richard Wagners Gesamtkunstwerk als Philosophie der Offenbarung seinen Ausgang nahm.
Kunst im Leben zu verwirklichen, hat schon Nietzsche empfohlen, der ja bekanntlich auch den Übermenschen und das Genie ins 20. Jahrhundert weitergab, wo selbstverliebte Männerkulte sie mit Ariosophie und Antisemitismus verknüpften. Auch wenn die radikalen Avantgarden der Nachkriegszeit (Aktionisten, abstrakte Expressionisten) angeblich gegen die Reste des Nationalsozialismus oder Stalinismus ankämpften, haben sie sich über das erhabene Prinzip, die Geste der Zerstörung und des Untergangs, sowie absoluten Wahrheitsanspruch auch die Kunstmittel solcher Systeme bewahrt.
"Wir sind von der Moderne weiter entfernt als je zuvor" - so Filmemacher Martin Scorsese im Februar 2003 - es gilt dies angesichts der Kunstpolitik verschworener Cliquen zu befürchten. Warum wird nicht schon zu Lebzeiten das qualitätsvollere Werk von Valie Export breit angekauft sowie die noch immer unbekannten Beiträge Rita Furrers und anderer interessanter Beiträgerinnen des Aktionismus in Wiener Museen aufgenommen und gezeigt? Sind sie vielleicht zu wenig skandalträchtig und bringen daher zu wenig Publikum für die vollrechtsfähigen Museen?

Erschienen am: 10.03.2004

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