DER ONLINE DIENST DER TIROLER TAGESZEITUNG
http://www.tirol.com/
Nur tote Künstler sind nicht lästig

Noch als ÖVP-Mandatar hat Thomas Mair den Haller Verkehrsausschuss geleitet, als Mitglied der Fraktion "Für Hall" ist er nun für die Kultur zuständig.

TT: Sie sind seit April der Anwalt für die Kultur in Hall. Welche Pläne bzw. Visionen haben Sie?

Mair: Ich bin angetreten, um in der Stadt Hall etwas zu verändern. Um dies zu können, müssen wir uns im Gemeinderat Mehrheiten suchen. Durch das Arbeitsübereinkommen mit den Sozialdemokraten sind solche auch realistisch. Primär geht es uns um die Erstellung eines kulturellen Leitbildes für Hall. Mir geht es um das Schaffen von Bewusstsein, dass sich die Haller wieder als Bewohner einer Kulturstadt verstehen.

TT: Wie wollen Sie das angehen? Bisher schien Hall ja kein besonders guter Boden für Kultur zu sein, obwohl kaum ein Ort in Tirol so viele Künstler hervorgebracht hat.

Mair: Mir geht es um das Spannen eines Bogens von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft, vom Biedermeierlichen in die Welt. Leider waren und sind die Künstler in Hall nicht sehr beliebt, was sich an der großen Zahl der "verzogenen Haller" zeigt. Das soll sich ändern. Aber genauso soll das Auffangen von Impulsen von außen aktiv durch die Politik gefördert werden.

TT: Bei der letzten Haller Stadtregierung hatte man den Eindruck, dass Kultur für sie kein wirkliches Anliegen war.

Mair: Das ist auch meine Einschätzung. Künstler wurden als lästig empfunden, als undankbar, die, wenn man ihnen etwas gibt, immer mehr wollen. Ich glaube dagegen: Wenn Künstler nicht mehr lästig sind, sind sie tot. Brav ist nur das rein Museale, aber das belebt die Stadt nicht, führt zu keinen Diskussionen. Und diese Belebung, diese aktive Auseinandersetzung brauchen wir.

TT: Das alles kostet viel Geld.

Mair: Ich kann nicht versprechen, dass das Kulturbudget erhöht wird, aber ich werde für eine zehn- bis fünfzehnprozentige Erhöhung kämpfen. Da ich mir im Gemeinderat Mehrheiten suchen muss, brauche ich eine überzeugende Strategie. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass Hall nur leben kann, wenn man die Kultur belebt. Wenn man aus dem kulturellen Erbe auch etwas Neues macht. Damit würde Hall auch interessant für Besucher, hier länger als eineinhalb Stunden zu bleiben. Ich wünschte mir eine Achse vom Parkhotel quer durch die Altstadt zum Salzlager.

TT: Aber wollen die Massentouristen nicht die Kulissenstadt Hall?

Mair: Wenn das Aktuelle als Gegenpol zum Historischen - ich denke da auch an zeitgenössische Architektur - spannend ist, neugierig macht, wäre schon viel gewonnen. Meine große Hoffnung ist diesbezüglich die Landesausstellung 2005 im Haller Salzlager.

TT: Wie soll es nach dieser im Salzlager weitergehen?

Mair: Spätestens Ende des Jahres müssen wir das wissen. Es gibt auch Sondierungsgespräche mit dem Land. Denn soll im Salzlager überregional Bedeutendes stattfinden, kann sich das die Stadt Hall allein nicht leisten, genauso wie die Halle leer zu lassen. Ich würde mir wünschen, dass es im Salzlager ganzjährig Spannendes zu sehen oder zu hören gibt.

TT: Einer der ambitioniertesten Haller Kulturveranstalter, die Galerie St. Barbara, wird seit Jahren systematisch ausgehungert. Werden Sie das ändern?

Mair: Das muss sich ändern, wird aber sicher nur in Schritten möglich sein. Ich weiß, was wir an der Galerie St. Barbara haben. Zeitgenössische Kunst ist für das geistige Leben einer Stadt so etwas wie die Forschungsabteilung in der Wirtschaft.

TT: Hall scheint aber generell kein guter Boden für Kunst von heute zu sein. Die Kunsthalle musste schließen und auch die Galerie Goldener Engl trägt sich immer wieder mit Abwanderungsgedanken.

Mair: Haller, die es sich leisten könnten, sollten nicht nur Kunst schauen, sondern auch kaufen, auch die Gemeinde. Deshalb glaube ich, dass es auch für eine wirtschaftliche Belebung der Stadt wichtig ist, die Kultur zu fördern. Und bei der Kunsthalle ist so manches schiefgelaufen, das ich nicht kommentieren will. Dass so eine Chance, wie die Tiroler Volksschauspiele in Hall zu haben, vertan wurde, wird in meiner Ära als Kulturverantwortlicher für die Stadt sicher nicht passieren.
2004-06-28 15:29:38