| Salzburger Nachrichten am 8. August 2006 - Bereich: Kultur
Moraks neues Kulturverständnis ÖVP-Kulturpolitik, wie
Franz Morak sie beschreibt, heißt vor allem: Einzelpersonen und
Spitzenleistungen fördern sowie privates Kapital für Kunst auftreiben.
Hedwig Kainberger Interview Franz Morak, einst Schauspieler, ist nun
das siebte Jahr ÖVP-Staatssekretär für Kunst im Bundeskanzleramt. Am Rande
eines seiner Besuche der Salzburger Festspiele nahm er sich Zeit für ein
SN-Gespräch. Martin Kušej hat vor kurzem gesagt, er werde in Österreich
keine neuen Aufträge annehmen, weil er in der Kulturpolitik dieses Landes
keine Perspektiven erkenne, Österreichs Kulturpolitik sei gelähmt und
langweilig. Was sagen Sie dazu? Morak: Sie werden nicht überrascht sein,
dass ich das anders sehe. Anders gefragt: Welche Eisen hätten Sie gern im Feuer? Wohin möchten
Sie den Dampfer steuern? Morak: Wenn Kušej von einer Lähmung
redet, würde ich dem entgegenhalten: Wir haben eine große
Produktionsdichte in diesem Land. Wir haben viele extrem kreative Frauen
und Männer, die sich mit der Kunst auseinander setzen. Ein Problem, das ich sehe, ist die Darstellung dieser Ereignisse in
einem übergeordneten Sinne im Ausland. Doch unsere Medien sind national
konnotiert, sie überschreiten die Landesgrenzen kaum. Wenn man von Lähmung
redet, dann allenfalls im Sinn, nationale Grenzen zu überwinden. Deswegen
investieren wir ins Ausland, beispielsweise verstärkt in Ausstellungen im
Ausland. Jetzt gehen wir mit einer von Hans Hollein kuratierten
Architekturausstellung nach China. Martin Kušej hat zudem die Bestellung des künftigen
Burgtheaterdirektors kritisiert. Er sagte, die Art der Besetzung sei ein
kulturpolitischer Eklat. Ihn habe "pures Entsetzen" über Ihre
Unverfrorenheit erfasst, weil Sie mit niemandem Gespräche geführt hätten,
außer mit Herrn Hartmann. Morak: Wir haben sehr viele Gespräche geführt,
vor allem mit Fachleuten des Theaters im deutschen Sprachraum. Die
Meinungen, die ich eingeholt habe, auch aus dem Burgtheater, haben sich in
Richtung Matthias Hartmann verdichtet. Deswegen haben wir mit ihm
Gespräche geführt. Ich wollte keine Lizitationsverhandlungen mit mehreren
Kandidaten, und ich wollte durch ein hohes Maß an Diskretion verhindern,
dass der Ruf anderer Theaterleute beschädigt wird. Ich schätze Martin Kušej außerordentlich als Regisseur, ich
durfte mich heuer in der "Höllenangst" davon wieder überzeugen. Haben Sie mit ihm über das Burgtheater gesprochen? Morak: Nein. Martin
Kušej hat sich nicht beworben. Ich bekam auch kein Zeichen von
seiner Seite. Am 1. Oktober ist Nationalratswahl. Warum sollte ein Bürger, der sich
für Kunst interessiert, ÖVP wählen? Morak: Wir haben für
Kulturinteressierte einen neuen Zugang geschaffen, indem wir in Regionen
investieren. Wir sagen: Kultur findet nicht nur in der Hauptstadt statt.
Durch die neue Mobilität und Flexibilität sowie digitale Medienformen wie
Internet und DVD ist das Kulturbewusstsein in den Regionen ein anderes
geworden als vor 30 Jahren. Wir haben ein großes Investment in Festspiele gemacht. Allein die
Festspielbauten in Bregenz und Salzburg kosten 72 Millionen Euro. Aber davon zahlt der Bund ja nur einen Teil. Und das Salzburger
Festspielhaus gibt kaum Grund zum Staunen über staatliches Engagement. Es
dürfte das billigste Opernhaus Europas sein. Und der private Finanzanteil
ist mit gut 40 Prozent so groß wie nie zuvor für einen solchen Neubau.
Morak: Immerhin hat der Bund knapp 10 Millionen Euro für die
Neugestaltung des Salzburger Festspielhauses zur Verfügung gestellt. "Wir haben eine neue Koexistenz mit unseren Nachbarn gefunden" Womit
also wären kunstinteressierte Wähler zu überzeugen? Morak: Ganz einfach:
eine gerechtere Verteilung der Bundesmittel auf die Regionen. Zweitens:
eine Perspektive, die Künstlerinnen und Künstler Österreichs in der Welt
bekannter als bisher zu machen. Drittens: Wir haben eine neue Koexistenz
mit unseren Nachbarn in Mittel- und Südosteuropa gefunden, wir wenden uns
stärker ihren Kulturleistungen zu, und auch unsere Kulturleistungen werden
in diesen Ländern ausgestellt. Ich verweise auf "Journey against the
Current" (ein Projekt von Francesca Habsburg, Anm.) oder "In search of
Balkania" mit Peter Weibel (eine Ausstellung 2002 in Graz, Anm.).
Außerdem: mehr Stipendien, mehr Preise, die auf Spitzenleistungen im
Kreativbereich gehen. Dem ist entgegenzuhalten: Die angeblich zusätzlichen Förderungen der
Regionen sind in Budgets kaum zu erkennen, bestenfalls in einer
Verschiebung von ein, zwei Prozentpunkten. Außerdem sind viele
Subventionen - wie jene der Bundestheater - eingefroren. Seit Jahren wird
nicht einmal die Inflation ausgeglichen. Die Budgets sind ausgetrocknet.
Morak: Die Subvention für die Bundestheater ist gesetzlich vorgegeben
(seit 1999, Anm.). Ich kann mich noch an den Sturm der Neidgenossenschaft
deswegen erinnern. 133 Millionen Euro sind erklecklich für einen
Theaterkonzern. Das müssen Sie auf der Welt suchen, das werden Sie nicht
so bald finden. Und für die Salzburger Festspiele kann ich Ihnen sagen, dass der Bund
heuer - abgesehen vom Beitrag zu den Baukosten - 6,3 Millionen Euro zahlt,
das sind die 5,2 Millionen reguläre Subvention, die seit Jahren konstant
ist, dazu eine Million Euro für das Programm im Mozartjahr und 120.000
Euro für die Klimaanlage der Felsenreitschule. Sollten Sie Kunststaatssekretär bleiben, was würden Sie als Subvention
der Bundestheater anstreben? Morak: Wir werden das nicht an diesem Tisch ausverhandeln, sondern wir
werden mit dem Finanzminister darüber reden. Geht es mit eingefrorenen Subventionen eh gut oder wäre zumindest eine
Inflationsabgeltung fällig? Morak: Inflationsabgeltung wäre ein mögliches Verhandlungsthema. Was ist das Spezifische der Kulturpolitik der ÖVP im Unterschied zu
jener anderer Parteien? Morak: Als ich das Amt übernahm, stieß ich auf ein
Konzept das hieß: Kulturpolitik ist Sozialpolitik mit anderen Mitteln.
Dieses Paradigma hat sich überlebt. Das Leben ist flexibler geworden, die
Mobilität der Menschen hat zugenommen, genauso wie die Informationsdichte.
Wir streben an: Investment in natürliche Personen, Investment in
Kreativität des Einzelnen, nicht in Organisationen und Überbau. Das ist
der Unterschied zwischen sozialdemokratischer Kulturpolitik und dem, was
ich unter moderner Kulturpolitik verstehe. Angenommen, Sie bekämen vom Finanzminister für nächstes Jahr 100
Millionen Euro zusätzlich für Kunstförderung. Was würden Sie damit tun?
Morak: Über dieses Thema werde ich zu gegebener Zeit nachdenken. Sie haben nicht fünf hochprioritäre Anliegen? Morak: Glauben Sie mir,
jedes unserer Anliegen ist hochprioritär, weil die Dringlichkeit, sich in
Kunst auszudrücken in Österreich in einem Ausmaß gegeben ist wie sonst in
keinem Land der Welt. Haben Sie eine Erklärung, warum der Staat Kunst subventionieren soll,
aber Autos oder Telefonleitungen nicht? Was ist spezifisch an der Kunst,
dass sie Subvention verdient? Morak: Sie sagen: Die Mittel für Kunst sind
nicht ausreichend. Und ich sage Ihnen: Bei sehr hohen Budgets! Wir haben
pro Kopf gerechnet eines der höchsten Kunstbudgets der Welt. Das ist ein
Faktum. "Das Kapital in die Kunst hereinzuholen, ist eine Herausforderung" Wir
fördern die Beteiligung Dritter. Das ist ein Paradigmenwechsel. Das heißt
nicht, die Kunst dem Kapital auszuliefern, sondern umgekehrt: Das Kapital
in die Kunst hereinzuholen, das ist eine wesentliche Herausforderung
dieser Zeit. Schauen Sie, was in den letzten Jahren stattgefunden hat! Denken Sie an
Mörbisch, an Harald Serafin, der sich im Grunde selbst finanziert. Schauen
Sie sich das Spiel auf dem See an (Bregenzer Festspiele, Anm.)! Schauen
Sie die Möglichkeiten an, die die Salzburger Festspiele aufgemacht haben
(drei Millionen Euro von Hauptsponsoren, mehr als 40 Prozent
Eigenfinanzierung des Festspielhausbaues, Anm.). Jetzt geben Sie Beispiele für private Finanzierung von Kunst. Aber was
ist die Aufgabe des Staates? Morak: Seit der Monarchie verfügen wir über
Kulturinstitutionen, die wesentlich für die Identität des Landes sind. Die
staatliche Kunstförderung bleibt ein Eckpfeiler. Diese existiert in den
meisten westlichen Ländern mit Ausnahme Amerikas. Dort hat sich eine neue
Form des Kulturmanagements entwickelt. Bei einem meiner Besuche in Israel
habe ich festgestellt, dass ein Museum wie das Israel Museum in Jerusalem
nur zehn Prozent seines Budgets vom Staat erhält. Dieses Bewusstsein ist nicht das österreichische. Einen Umdenkprozess
in diese Richtung müssen wir erst vorantreiben. Hier ist Arbeit notwendig.
Das ist die Aufgabe moderner Kulturmanager. Wer sind Ihrer Meinung nach
vorbildliche Kulturmanager? Morak: Helga Rabl-Stadler leistet wunderbare
Arbeit für die Salzburger Festspiele. Auch Klaus Albrecht Schröder ist zu
nennen. Ich finde es großartig von Günter Rhomberg (Präsident der Stiftung
des Theaters in der Josefstadt, Anm.) und seinem Team, dass die sagen:
Mehr als ein Drittel des Umbaus im Josefstädter Theater finanzieren wir
selbst. Das sind große kulturelle Taten. Die Subventionen für operative Budgets sind eingefroren, in Baubudgets
sind große Anteile privater Finanzierung. Aber dies wird nicht flankiert
durch entsprechende Steuergesetze, obgleich dies im Regierungsprogramm
vorgesehen war. Das wurde mit der vorigen Steuerreform nicht erfüllt.
Morak: Das ist richtig, das ist ein ewiger Diskussionspunkt mit dem
Finanzminister, der sagt, Österreichs Kunstförderung ist im Verhältnis zu
anderen Ländern sehr hoch. Aber das bleibt von meiner Seite aus im
Gespräch. |