Quer durch Galerien: Galerie Steineck, Peter Lindner
Ein Mann für eine Polarnacht
Von Claudia Aigner
Aus dem Fitnessstudio hat er die Statur,
vom Gott Priapus die Frohnatur. Kurz: Matthias Herrmann (bis 27. Juli in
der Galerie Steinek, Himmelpfortgasse 22) könnte als Barbies Ken in Serie
gehen, wenn er etwas unauffälliger geschlechtsreif wäre. (Das
"Viagra-Organ" vom Priapus würde ja bekanntlich eine ganze Polarnacht ohne
Verschnaufpause durchhalten.) In seinen verspielten fotografischen
Selbstinszenierungen, wo er von der Gesichtsmuskulatur bis zu den
Schwellkörpern jeden Muskel seines Körpers voll im Griff hat, ist Herrmann
vieles: ein Unterleibs-Athlet (ein "homo erectus" im erigiertesten Sinne),
ein Pornokabarettist, ein Kunstferkel und ein "Alleinunterhalter im
Damenkleiderschrank" (nämlich ein Waschbrettbauchbesitzer mit einem
"östrogenen Kleidergeschmack", also, was jetzt voller Respekt gemeint ist:
eine "Muskeltunte"; quasi nach dem Motto: "This is a man's world, but it
means nothing without a woman's dress"/Das ist eine Männerwelt, aber sie
bedeutet nichts ohne Damenkleid). Zu Höchstform läuft er auf, wenn er
zu Zitaten von Prominenten oder Unbekannten seinen Senf (bzw. seine
respektlose Körperlichkeit) dazugibt. Und beim Betrachter damit
Peinlichkeitsgefühle oder Lachfalten oder beides zugleich auslöst (und ihn
sogar intellektuell fordert). Irgendwie ein Pornophilosoph oder: ein
begnadeter Pornointellektueller. Mit einem entwaffnend absurden Humor.
"Ich selbst stehe absolut für eine ausländerfreundliche Politik"
(Benita Ferrero-Waldner). Dazu fällt Matthias Herrmann nur ein, provokant
mit einer Fliegenklatsche zu posieren. Eine Fliegenklatsche mag ja eine
Waffe sein, "die Ausländer" wären dagegen freilich - im Fall des Falles -
immun (und da ist es eh wurscht, dass sie nicht so gute Reflexe wie
Stubenfliegen haben). Mein Lieblingsbild: "Ich kenne Menschen, die sich
komplett auf dem Flohmarkt einkleiden und besser aussehen als die, die
meine Läden leer kaufen" (Tom Ford/Gucci). Da sind Herrmann und die
"männliche Cindy Crawford" (ein eigens engagiertes Model mit Y-Chromosom)
so stilsicher gekleidet wie Marsmännchen (die es bei uns herunten in die
Damenabteilung eines Modegeschäfts verschlagen hätte und die es halt nicht
besser wüssten). Also ich finde Herrmanns Hingabe großartig. Fotogen ist
er sowieso. Männer und Frauen, aufgereiht wie Cancan-Tänzerinnen oder
Bundesheersoldaten, und für die Choreografie ist ein gewisser ASCII
verantwortlich (ein Code aus Einsen und Nullen). Peter Niedertscheider
(bis 27. Juli bei Peter Lindner, Schmalzhofgasse 13) tauscht in seinen
Pinselzeichnungen ein abstraktes binäres System (0, 1) durch ein
gegenständliches binäres System (Mann, Frau) aus. Eins ist bei ihm gleich
Mann, null ist gleich Frau. Logisch. (Ein Einser ist sehnig und potent,
und eine Null ist so bauchig, dass sie eigentlich schon im vierten Monat
schwanger ist.) Und insgesamt ergibt sich ein codierter Text, den im
Endeffekt aber praktisch niemand lesen kann. Lindner: "Ich hab einmal ein
A identifiziert, aber das is ma dann nimmer gelungen." Bestechend: der
unglaubliche und zeitraubende Perfektionismus. Und obendrein bringt
Niedertscheider Sinnlichkeit in einen bislang völlig unpoetischen Code
(nicht zuletzt durch den Rhythmus des "Volltankens" und Entleerens des
Pinsels und das dementsprechende Verblassen der Farbe).
Erschienen am: 13.07.2001 |
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