Zum Tod des "Realisten" Fritz Martinz
Wucht figurativer Malerei
Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer
Am 15. November ist völlig überraschend der 1924 in Bruck/Mur
geborene Fritz Martinz in seiner Atelierwohnung in Wien verstorben. Er
zählt mit Hans Escher, Georg Eisler und Alfred Hrdlicka zu den
"realistischen" Künstlern der Nachkriegszeit, die zu Unrecht mit dem
"sozialistischen Realismus" des kommunistischen Ostens in Verbindung
gebracht wurden. Schon mehr basiert ihre humanistische Einstellung wie bei
Martinz auf Kriegserlebnissen, die er versuchte in den fünfziger Jahren
mit seinem "Schlachthauszyklus" zu überwinden, und auf einem Bekenntnis
zur philosophischen Strömung des Existentialismus. Als "intellektueller
Typus" (Maria Buchsbaum) war die Leidenschaftlichkeit in seinen Werken auf
das Wissen des Menschen um seine Endlichkeit gestützt. Der Schüler von
Gütersloh an der "Bildenden", der zuvor - unterbrochen durch den
Kriegsdienst - an der Grazer Kunstschule bei Szyskowitz studiert hatte,
lebte in Wien, seiner Überzeugung nach, meist einsam und ohne Telefon,
beständig an Zyklen arbeitend, die griechische Mythologie wie die
Nibelungen und auch Alltagsthemen behandeln. 1960 stellte er in der
Zedlitz-Halle mit Hrdlicka erstmals aus; die Schau war ein erster Skandal
in der von Abstraktion und Phantasten bestimmten Szene. Angesprochene
Tabus, sein Kampf gegen die Konsumgesellschaft und die aus der
Kunstgeschichte adaptierten Themen passten nicht in den Zeitgeschmack.
1965 stellte Martinz in Berlin (Galerie Werner) mit Baselitz aus und
konnte so als Älterer auch seinen Einfluss auf die "Neuen Wilden" zuerst
in Deutschland, später auch auf die Vertreter der neuen Malerei in
Österreich geltend machen. 1976 schuf er mit zwei monumentalen
Pferdegemälden für eine Eingangshalle der Wohntürme von Alt-Erlaa eine
Paraphrase auf Leonardos verlorene Anghiarischlacht. 1973 hatte er eine
Personale in der Secession; im letzten Jahrzehnt stellte er in den
Galerien Bernhard und Georg Peithner-Lichtenfels aus. Als Lehrender an
der Wiener Kunstschule hat Fritz Martinz vor allem im Abendakt eine große
Anzahl an ihn verehrenden Schülerinnen und Schülern ausgebildet, was seine
Außenseiterposition ein wenig zu mildern vermochte. Wie auch Escher ist er
neben den bekannteren Realisten Eisler und Hrdlicka, auch dem Vorgänger
Hans Fronius, viel zu sehr an den Rand gedrängt worden. Das lag auch an
den bereits angesprochenen Charakterzügen, seiner Seriosität und leider
auch an einer ihn missverstehenden Presse; Ausnahmen bildeten zu Beginn
nur Schmeller und Sterk. "Der Mensch ist nicht das, was er ist, sofern
die Möglichkeit des Todes von außen an ihn herantritt, er ist vielmehr das
Wesen, das kraft dieser Möglichkeit existiert" schrieb der Philosoph
Abbagnano 1957 - möge es nun für das daraus entstandene, so vitale Werk
des "beißenden Hechts" (Selbstbezeichnung von Martinz) gelten.
Erschienen am: 19.11.2002 |
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