| Salzburger Nachrichten am 11. Dezember 2002 - Bereich: kultur
Die Kunst als Herausforderung
Die Basis der Kunst hat sich in jüngerer Zeit um vieles verbreitert. Die Malerei ist eine der Ausdrucksformen geblieben und ist für viele Künstler nicht ausgereizt.
WERNER THUSWALDNER
Was zählt heutzutage in der Kunst? Welchen Stellenwert hat die Malerei noch? Zum Glück gibt es zurzeit eifrige Bestrebungen, im Kulturbereich zu sichten, was Bestand hat. Mehrere Persönlichkeiten fühlen sich beispielsweise dazu berufen, einen Kanon aller Bücher zusammenzustellen, die jemand gelesen haben sollte. Auch in der bildenden Kunst ist Bestandsaufnahme im Gang. Die jüngste Ausgabe des Kunstmagazins "art" stellt 25 Werke aus den achtziger und neunziger Jahren vor, die für prägend gehalten werden. Die Redaktion hat die Auswahl "in langen Diskussionen" aus hundert Vorschlägen getroffen. Den 25 Werken wird der Rang von Ikonen beigemessen, ihnen wird zugetraut, dass sie im Gespräch bleiben und überdauern werden. Die Liste bietet gewiss reichlich Gesprächsstoff, obwohl sie keine Überraschungen bietet, und das Magazin setzt sich bewusst dem Streit aus. Wie bei jedem Kanon wird der Einwand provoziert: Warum gerade dieses Werk und jenes nicht. Von den 25 Werken sind nur vier der Malerei zuzuzählen. Die Rede ist nicht von Künstlern wie Jörg Immendorff, Georg Baselitz oder - um einen Österreicher zu nennen - Arnulf Rainer. Das Interesse gilt einer jüngeren Generation. Selbstverständlich wird Keith Haring genannt, der einprägsame Embleme für seine Zeit geschaffen hat. Martin Kippenberger kommt mit einem Bild vor, das querliegende und waagrechte Balken zeigt und mit dem provozierenden Text: "Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken", versehen ist. Neo Rauch personifiziert mit dem Bild "Tabu" die Kunst, die vom Künstler nur unzulänglich gesteuert werden kann.
SN-SPEZIAL
STREITTHEMA MALEREI
Einen höheren Anteil hat im Kanon, was man im weiten Sinn "Inszenierung" nennen könnte, künstlerische Arrangements im öffentlichen Raum oder in Galerien. Stark ist auch die Fotografie vertreten. Für großes Aufsehen sorgt die jährliche Vergabe der wichtigsten britischen Kunstauszeichnung, des Turner-Preises. Sie gerät jeweils zum gehörigen Medienspektakel, denn das Publikum wartet gespannt darauf, wie die Provokation diesmal ausfallen würde. Und Provokation, Tabubruch scheint zu einer Bedingung gerade für diesen Preis als Gradmesser der Kunst zu sein. Politiker regen sich auf, die Boulevardpresse empört sich, und die Wogen gehen hoch. Von dem Maler William Turner (1775-1851) Namensgeber des Preises, der spezielle Lichtwirkungen hervorrief und seine Gemälde atmosphärisch auflud, werden die Maßstäbe für die Preisverleihung bestimmt nicht genommen. Als im Vorjahr die junge Tracey Emin die Auszeichnung für ein zerwühltes Bett bekam, ein Bett, in dem ganz offensichtlich lebhafte Interaktionen stattgefunden haben, schien das Fass zum Überlaufen gebracht worden zu sein. Tracey Emin ist übrigens auch auf der Liste des "art"-Magazins vertreten, mit einem blauen Zelt, in dessen Innerem die Namen stehen. "Jeder, mit dem ich zwischen 1963 und 1995 geschlafen habe", so der Titel ihrer Arbeit. In diesem Jahr war der Verleihung am vergangenen Sonntag wieder großes publizistisches Getöse vorausgegangen. Der diesjährige Preisträger, Keith Tyson, gehört ausnahmsweise nicht der Riege der Konzeptkünstler an, sondern er ist Maler. Die Jury nannte sein Schaffen "poetisch, logisch, humorvoll und fantastisch".
Abfällige Urteile nicht nur der Boulevardpresse
Eine Parallele, wenn auch weniger heftig diskutiert, gibt es auch in Österreich: Der wichtigste Preis ist nach Oskar Kokoschka benannt. Auch dieser Preis wird nicht immer im Sinn des Namensgebers verliehen. Unter anderen hat ihn auch schon die britische Künstlerin Rachel Whiteread für ihre verstörenden Objekte bekommen. Sie gehört zu den Künstlerinnen, die in aller Munde sind. Auch sie ist Turner-Preisträgerin, auch sie ist auf der Liste des "art"-Magazins vertreten. In diesen Gegebenheiten spiegelt sich die Tatsache, dass die einst geläufige Einteilung der Kunst in Malerei, Grafik und Plastik schon lang keine Gültigkeit mehr hat. Viele neue Formen sind hinzugekommen. Man denke etwa an die Aktionskunst. Die bildende Kunst ist aus sämtlichen Rubrizierungen ausgebrochen und in andere Bereiche eingedrungen. Sie bedient sich der Mittel des Films, der Architektur, des Theaters und bezieht zuweilen Akustisches mit ein. Selbst die Wissenschaft ist vor ihr nicht sicher. Pluralismus und Mischung der Techniken sind die Regel. Es geht nicht darum, die Experten auf den jeweiligen Gebieten zu imitieren oder konkurrenzieren, sondern einen kritischen Standpunkt zu dem einzunehmen, was die auf ihren Feldern treiben. In diesem Zusammenhang kann es zu extremen Äußerungen kommen. So etwa ist die Kunst auch schon in den Bezirk der Biotechnologie vorgedrungen. Eine australische Gruppe hat aus den Stammzellen von Schweinen Flügel gezüchtet. Sie wurden an das Herz eines Frosches "angeschlossen" und so instand gesetzt zu "schlagen". In Frankreich wurden Froschzellen so vermehrt, dass aus ihnen Koteletts geformt werden konnten. Die Besucher dürfen sie in der Galerie verspeisen. Die beiden Beispiele sollen hier nicht weiter diskutiert werden. Es geht nur darum anzudeuten, wie breit die Basis für "künstlerische Aktivitäten" geworden ist. Soll das heißen, dass die Zeit für die Malerei, für Bilder, für "Flachware" - so hat Lothar Günter Buchheim Gemälde genannt - am Ende ist? Keineswegs.
Das Gros der jungen Künstler wählt die Malerei
Die Malerei hält nach wie vor eine wichtige Position in der Gegenwartskunst. An den Akademien sind die Malereiklassen nach wie vor die gefragtesten. Das Gros der Künstler bewegt sich nicht im Bereich des Experimentellen, sondern glaubt fest daran, dass herkömmliche Ausdrucksformen wie die Tafelmalerei noch immer nicht ausgereizt sind.
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