25. Nov, 2002

 

Im Zentrum der Farbe

Die Künstlerin Victoria Coeln verwandelte einen Wiener Stadtbahnbogen in eine Location, in der man im Licht baden kann

Foto: Victoria Coeln


Foto: Victoria Coeln


Foto: Victoria Coeln




 

Wien, der Gürtel: Ein inständiges und andauerndes Werben. Geschäfte, Peep-Shows, Wirtshäuser: Alle buhlen um Aufmerksamkeit. Gerade wenn es dunkel wird. Vom Einbruch der abendlichen Dämmerung bis ins Morgengrauen: ein einziges Flimmern in der gewerblichen Absicht, Einzelne aus dem Verkehr zu ziehen, sie zu Konsum, Ein-oder Verkehr anzuhalten. Leuchtreklame liegt im Dauerclinch mit gelb-rot-grünen Durchflussreglern. Bremsleuchten, Blinker, Scheinwerfer suchen das Chaos zu ordnen, Kandelaber leuchten dem Fussvolk seinen Weg.

Mittendrin, in einem der Stadtbahnbögen, die nun auch schon wieder länger dahingehend justiert werden, aus dem Ödland zwischen den Fahrbahnen eine zweite Donauinsel zu erschaffen (in konsequenter Fortsetzung der ersten wurde auf den Aspekt "Baden" gleich verzichtet), harrt der Kubus EXPORT seiner vielfältigen Bestimmungen. Es ist ein Glasraum. Man findet ihn in etwa dort, wo Hernalser Gürtel und die Friedmanngasse sich kreuzen. Vorübergehend hat ihn Victoria Coeln in Verwendung genommen. Oder eigentlich für jedermann adaptiert: als - wahlweise - Bühne oder Raum zur Selbsterfahrung. Über den Zugang zu ihrer Arbeit meint die 1962 in Wien geborene Künstlerin Victoria Coeln: "Zentrales Thema meiner Arbeit ist Farbe als Farbe selbst - Farbe, mittels Licht abstrahiert, gelöst von Materialität und Form - Farbe, monochrom sichtbar gemacht als elementare Substanz."

Coeln hat ins Lichtermeer ringsum ein weiteres gesetzt. Einen Farbraum, der der Hektik trotzt. Ihr Material ist einzig Licht, Filter sorgen für ein breites Spektrum. Farbe dringt ungehindert in den Außenraum. Und ist doch geborgen, geschütz, wie der Goldfisch im Aquarium. Und ebenso dominant. Coelns Lichtspiel setzt sich durch. Nicht ob seiner Leuchtkraft, nicht ob seiner chromatischen Eigentümlichkeit. Es dominiert, weil es dem ersten Anschein nach absichtslos im urbanen, im Raum der tausend Angebote und Aktionen steht. Gelassen strahlt der Kubus vor sich hin, ungerührt und unberührbar. Und verweist damit mehr auf seine Umgebung, denn auf sich selbst. Der Farbfleck thematisiert die Umgebung, der Schein verweist auf das Gebaute, seine potenzielle Flüchtigkeit befragt die Hektik ringsum, die doch einem Anspruch an Dauer entspringt. Oder, wenn man so will, ist eine geschützte Atmosphäre im Kriegsgebiet entstanden.

Geschützt bedeutet aber nicht hermetisch. Der Kubus ist zu betreten. Man kann ins Zentrum des Farbraums vordringen, muss sich aber der Konsequenzen dieser Neugier bewusst sein. Jedes Eindringen verändert. Jeder Gast wirft polychrome Schatten. Sein Tun wirkt auf die Umgebung, noch seine kleinsten Bewegungen zeitigen bunte Folgen. Und: ein Privatgemach im Glashaus war das nur für das Licht. Sobald der Beschauer eintritt, wird sein Tun ein öffentliches, erlischt jegliche Distanz. Er wird Aktivist. Dass derartige Bühnen an professionellen Auftretern nicht vorbeikönnen, ist klar. Die Künstlerin Ilse Gerwolf wird mittels Kondenswasser polychrome Licht / Schattenspuren in den Kubus flüchtig einschreiben, der Tänzer Sebastian Prantl wird im Ensemble mit den Farben zu intensivem Ausdruck finden, die Cellistin Karin Hopferwieser steuert den Sound zur Sinfonie aus Farbe bei.

(DER STANDARD/rondo/Markus Mittringer/22/11/2002)