
Grand Palais bis 13. Juli
La Maison Rouge bis 3. Mai
www.rmn.fr/warhol

"Wir stellen auf hell und auf dunkel ein, ich schubs dich rein, und du gibst acht auf das kleine rote Lämpchen", erinnert sich Ethel Scull an die Anweisungen Andy Warhols von 1963. Reingeschubst hat er die Galeristengattin und Sammlerin für seine erste Auftragsarbeit in verschiedene New Yorker Passbildautomaten an der Ecke 42. Straße - drei Stück für einen Vierteldollar. Sculls Bedenken ("Mein Gott, ich werde entsetzlich aussehen!") interessierten Warhol wenig. Münze um Münze seiner 100 Dollar Kleingeld warf er in die Automaten und brachte sein Modell, das zunächst dasaß, als hätte es einen Stock verschluckt, mit Kitzeln und Flachsen auf Touren.
In anderen Zusammenhängen war es aber gerade das Stillsitzen, das Warhol interessierte, seinen Modellen aber unendlich schwerfiel: Für Warhols Screen Tests (1964-66) sollten sie, darunter Dennis Hopper, Edie Sedgwick und Nico, drei Minuten lang möglichst regungslos das Kameraobjektiv fixieren. Manchen war diese Konfrontation - allein mit einer Maschine, einer Bolex-16mm-Kamera - Anlass für eine Nervenkrise.
Kitsch aus Rache
Mehr als auf diesen kurzen Filmporträts liegt das Hauptaugenmerk der weltweit ersten umfassenden Porträt-Ausstellung (Le Grand Monde d'Andy Warhol), die das Grand Palais in Kooperation mit dem Warhol-Museum in Pittsburg zeigt, jedoch auf den Siebdruckbildern. Warum es bisher sehr wenige auf das Porträt fokussierte Schauen gab, erklärt Kurator Alain Cueff wie folgt: Zum einen waren viele seiner insgesamt 1000 Porträts zu Lebzeiten der Dargestellten in Privatsammlungen, also nie im Galeriekontext zu sehen; zum anderen waren Auftragsarbeiten aus moralischen Gründen von der Kunstkritik nie recht geschätzt.
Das kann man angesichts eines Doppelporträts des Immobilien-Tycoons Samuel J. LeFrak und seiner Gattin (1982) fast verstehen: Der Unternehmer hatte, obwohl Warhol nie Paare porträtierte, hartnäckig darauf bestanden und - vermutlich aus Rache - eine aalglatte, die unsympathische Aura von Geschmacklosigkeit verbreitende Arbeit, laut Cueff "eine der kitschigsten" die Warhol je malte, erhalten. LeFrak verweigerte die Abnahme des Porträts; solche hatten bei Warhol einen Standardpreis: 25.000 Dollar kostete das erste, rund 15.000 jedes nachfolgende.
Einige davon sind heute freilich nicht mehr so billig zu haben: Das Konterfei von Elisabeth Taylor wird auf 23 Millionen geschätzt, ein Mao-Kopf brachte bei Christie's heuer sogar rund 90 Millionen Euro ein. In der illustren Promi-Runde, die von der Bardot über Jagger, Eastwood und Elvis bis zu den Malern und Couturiers alle Stückerln spielt, verschmerzt man leicht, dass Pierre Bergé seine Leihgabe einiger Yves-Saint-Laurent-Porträts kurzfristig zurückzog. Die Nachbarschaft für die Bilder seines 2008 verstorbenen Lebenspartners hatte ihm nicht zugesagt.
Was der Präsentation von rund 140 Porträts in 15 nicht durchgängig schlüssigen Kapiteln allerdings gelingt, ist die Hinführung zum Thema der modernen Ikone: Warhols Porträts variierten kaum, reduzierten das menschliche Gesicht auf die Wiedergabe einiger weniger Merkmale und ähneln so dem Prinzip der mittelalterlichen byzantinischen Ikonen, die den per Bilderkanon festgelegten immergleichen Heiligentypus wiederholten. Dass Warhols Drang zur Vervielfältigung in seiner strengen katholisch-orthodoxen Erziehung begründet sein könnte, sieht Kurator Cueff als eine der interessanteren Deutungen an. Warhol musste jedoch dem äußeren Anspruch des Individuellen entsprechen und griff so teilweise malerisch in die Drucke ein; bei den christlichen Ikonen war der Kirche der individuelle, schöpferische Ausdruck des Malers hingegen völlig gleich.
Die eigenen Kraftreserven muss man sich im Grand Palais jedoch gut einteilen, denn bei einer Warhol-Ausstellung dieser Dimension ist auch der Menschenandrang zu berücksichtigen; selbst an Regentagen warten hier lange Schlangen auf Einlass. Derart von Antlitzen an Wänden und dem Gedrängel davor überreizt, erscheint dem Betrachter nach den ersten zwei Dritteln manches entbehrlich: Schnell vorbei also an der grellen, pink-gelben Kuhtapete, die als Setting für eine Chronik der 1980er-Jahre mit Schwarz-Weiß-Fotos und spärlicher Flimmerware, dient.
Während im Grand Palais der Fokus auf den Gesichtern anderer liegt, nimmt das Pariser La Maison Rouge mit der Schau Warhol TV den Meister selbst mit ins Bild und beweist: Warhol war zwar ein schräger Vogel, aber seiner Zeit stets weit voraus. (Anne Katrin Feßler aus Paris / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.4.2009)