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Mumok: Bilder, geschüttelt und gerollt

08.07.2010 | 18:27 | SABINE B.VOGEL (Die Presse)

Sie kratzen und schütten, rollen, tröpfeln und gießen, schaben und wischen Farbe über die Leinwand – und all das fällt unter den Begriff der Malerei. Malerei ist das am meisten revolutionierte Kunstgenre.

Sie kratzen und schütten, rollen, tröpfeln und gießen, schaben und wischen Farbe über die Leinwand – und all das fällt unter den Begriff der Malerei. Manche zelebrieren eine einzige Farbe, in der sich das ganze Universum entfaltet, suchen darin die absolute Reinheit, zielen darauf, dass das Licht geschluckt oder wahlweise ausgestrahlt wird. Andere konzentrieren sich darauf, nur Streifen oder nur Pinselabdrücke über die gesamte Wand zu verteilen. Leere Keilrahmen, aufgereihte Kopfpolster oder aufgeklebte Verpackungskartons ergeben ebenso ein Bild wie eine Herdplatte, ein bemalter Kühlschrank oder zerquetschte Autos – wie dehnbar der Begriff Malerei ist, können wir jetzt in der Sommerausstellung des Mumok erleben.

Hinter dem trockenen Titel „Malerei: Prozess und Expansion. Von den 1950er-Jahren bis heute“ entfaltet sich ein faszinierendes Universum von über einhundert Bildern, die nichts Geringeres als unsere Wirklichkeit thematisieren. Schnell wird dabei klar, dass der Kollektivsingular „Malerei“ das am meisten revolutionierte Medium der Kunst ist.

 

60er-Jahre: Krise der Malerei

Die Zeit, in der Bilder nur mit Pinseln gemalt wurden, ist seit Mitte des 20. Jahrhunderts vorbei. Damals war die Malerei endgültig in der Abstraktion angekommen, realistische Darstellungen waren nicht zuletzt wegen des Sozialistischen Realismus als kommunistische Staatskunst absolut tabu – eine Zwangssituation, die sich erst mit dem Ende des Kalten Krieges 1989 auflöste. In den politisch unruhigen 1960er-Jahren brach die ultimative Krise der Malerei aus. Denn wer sich gegen den Vietnamkrieg aussprechen, das Bürgertum kritisieren und das Establishment angreifen wollte, der fand im Tafelbild kein passendes Medium. Zu dominant war die Tradition, zu wirklichkeitsfern die Abstraktion, zu bürgerlich das Format, das allzu leicht als Zierde über dem Sofa jegliches kritische Potenzial einzubüßen drohte. In dieser Situation begannen junge US-amerikanische Maler, die Grenzen des Tafelbildes auszuloten und ein jahrhundertealtes Genre zu modernisieren: Seit Robert Rauschenbergs Materialcollagen, Frank Stellas „Shaped Canvas“ und Jackson Pollocks „Drip Paintings“ ist kein Material, kein Format, keine Handlung mehr davor gefeit, zum Bild zu führen.

Erstaunlicherweise ist diese fünf Jahrzehnte umfassende Entwicklung noch keineswegs im allgemeinen Bewusstsein angekommen, was diese Mumok-Ausstellung jetzt hoffentlich ändern wird. Die freilich ordentlich am bürgerlichen Kunstbegriff rüttelt. Denn noch immer gilt das mit möglichst geschickter Pinselführung produzierte Tafelbild als Inbegriff der Kunst – ob das am Kunstunterricht in Schulen liegen mag, der die Frage „Was soll das darstellen?“ zum Programm erhebt?

 

Hermann Nitschs „Reliktmontage“

Das Abmalen von Bekanntem ist keine Kunst, sondern belangloses Können. Das künstlerische Bild beginnt bei der visuellen Formulierung einer eigenständigen Sicht von Wirklichkeit – und dazu ist alles erlaubt, was den Fluss von Gedanken und Gefühlen anspricht und auslöst. Pino Pascalis Kopfpolster-Bild mit dem humorvoll-tiefgründigen Titel „Mauer des Schlafes“ etwa oder das großartige frühe „Rahmenbild“ von Oswald Oberhuber und Hermann Nitschs frühe „Reliktmontage mit blutigen Tüchern“, die über die nüchternen Materialien aus unseren Assoziationen Bilder entstehen lassen – solche Werke zeigen, dass mit dem Material die Welt viel weitreichender erlebt werden kann als über eine abbildhafte Darstellung.

So ist dem Mumok eine großartige Ausstellung gelungen, die Pflichtprogramm für jeden Kunststudierenden und -interessierten ist. Sie zeigt auch das einzigartige Potenzial eines Museums: Man kann faszinierende Querverbindungen und Beziehungen zwischen den Bildern entdecken, die Entwicklung der Malerei in der Abfolge der Ismen studieren – oder auch einen allerersten Schritt in die sinnliche Welt der Malerei tun.

Bis 3.Oktober.


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