Mehr als dreißig Jahre war es Michael Peppiatt vergönnt, als Freund von
Francis Bacon dessen ereignisreichen Weg als Künstler und Mensch begleiten
zu dürfen. Im Gespräch erklärt der Engländer, was man von der Ausstellung
im KHM erwarten darf, welche Quellen Bacon für seine Kunst anzapfte, warum
er alles Religiöse verachtete und es ihm nie gelang, ein Lächeln zu
malen.
Schaufenster: Francis Bacons bekanntestes Bild ist der Papst
Innozenz X nach Velázquez. Bacon selbst hat sich zeitlebens intensiv mit
Alten Meistern auseinandergesetzt, viele seiner Bilder gehen direkt auf
konkrete Vorbilder zurück. Das Kunsthistorische Museum konfrontiert nun
Bacons Arbeiten mit Klassikern der Kunstgeschichte. Was halten Sie von
diesem Konzept?
Peppiatt: Das ist eine brillante Idee. Es ist
das erste Mal, dass so etwas passiert. Bacon lebte zwischen Extremen:
Auf der einen Seite war er ein absoluter Modernist und überschritt stets
Grenzen. Andererseits war er sich der Tradition der Malerei tief bewusst.
Und er versuchte, beides zu vereinen. Das Konzept der Ausstellung halte
ich für extrem wertvoll. Denn es wäre sehr wichtig, wieder stärker die
Gemeinsamkeiten von moderner Kunst und Bildtraditionen herauszuarbeiten,
um deren Wurzeln zu erkennen. Bacon und Giacometti sind für ein solches
Vorhaben sicherlich die beiden ergiebigsten
Künstler.
Bacon selbst wurde in den 80er-Jahren von der
National Gallery im Rahmen von „The Artist’s Eye“ eingeladen, aus den
Beständen der Gallery eine Auswahl seiner liebsten Bilder zu wählen. Er
weigerte sich damals jedoch, auch eigene Bilder für die Ausstellung zur
Verfügung zu stellen. Hätte nicht Bacon auch das Konzept der Ausstellung
in Wien abgelehnt?
Ich weiß natürlich nicht, wie er reagiert
hätte. Er war sehr unsicher. Er wusste zwar um die Bedeutung seiner
Malerei, hat sie aber auch wiederum heruntergespielt. Er hielt auch seine
Innozenz-Variationen im Grunde für dumm.
Fühlte er sich
minderwertig gegenüber seinen großen Vorgängern?
Bacon war
eine sehr elegante Person. Er wollte sich nicht selbst überbewerten.
Aber er wäre von der Idee sicher geschmeichelt
gewesen.
Als wichtigsten zeitgenössischen Maler hat Bacon
immer Picasso bezeichnet. Welchen Einfluss hatte Picasso auf
ihn?
Bacon war fasziniert von den Bildern, die Picasso Ende
der 20er-, Anfang der 30er-Jahre gemalt hat. Besonders die Serien mit den
Badenden am Strand hatten es ihm angetan – diese bestimmte Art, den
menschlichen Körper darzustellen. Damals war er 17 Jahre alt und gerade
auf der Suche nach einem Weg in seinem Leben. Er ging in eine Galerie, sah
die Bilder und fasste den Entschluss, Maler zu werden. Deshalb hatte
Bacon sein Leben lang das Gefühl, er schulde Picasso etwas – auch
wenn er etwa dessen späten Werke nicht schätzte. Aber es war nicht nur
Picasso, der ihn beeinflusste. Bacon war im Allgemeinen ein Forscher und
Entdecker. Er hatte das Talent, wirklich alles aufzusaugen und für sich
selbst zu verwerten: Fotos, Kunst, Menschen und vor allem auch
Literatur.
Während sich die Bildende Kunst immer mehr der
Abstraktion zuwandte, lehnte Bacon diese als pure Dekoration ab und
hatte für viele Zeitgenossen nur Verachtung übrig – selbst für die
Surrealisten und die Expressionisten. Waren letztere keine
Quellen?
Es gab eine Menge Einflüsse, die er verschwieg. Warum
kam er auf die Form des Triptychons? Der Auslöser dafür könnte gewesen
sein, dass er als junger Mann in Berlin Otto Dix’ „Großstadt“ sah. Oder
war es der Film über Napoleon, in dem der französische Regisseur Abel
Gance erstmals synchron mehrere Bilder zeigte? Oder war es der Einfluss
Grünewalds? Es ist sehr schwer, für seine Arbeit eine Quelle zu nennen. Er
nahm alles auf und machte etwas Eigenes daraus.
Bacon vermied
es stets, Vorlagen, auf die er sich bezog, im Original zu sehen. Während
eines längeren Aufenthaltes in Rom hätte er zum Beispiel Gelegenheit
gehabt, Velazquez’ Papst Innozenz zu sehen. Hatte er Angst vor der Aura
des Originals?
Er liebte Reproduktionen, weil sie Distanz
schaffen. Wenn er Leute porträtierte, machte er das von Fotografien, weil
er deren Künstlichkeit schätzte. Oft erzählt ein künstliches Bild eine
viel tiefere Wahrheit als die sogenannte Wirklichkeit. In Rom hatte er
damals außerdem schrecklichen Liebeskummer. Anstatt sich Velázquez
anzusehen, irrte er völlig verzweifelt tagelang im Petersdom
herum.
In den frühen Jahren porträtierte er aber auch Menschen,
die bei ihm im Atelier saßen. Kamen die eigentlich damit zurecht, wie
Bacons Bilder von ihnen aussahen?
Der Fotograf Cecil Beaton
war von einem Porträt, das Bacon von ihm gemacht hatte, total schockiert,
sodass Bacon das Bild zurücknahmund es zerstörte. Bacon wollte die
Freiheit haben, zu machen, was er will – ohne Rücksicht auf Personen. Er
ließ daher lieber eine Serie von Fotos anfertigen, die dann auf dem Boden
seines Ateliers herumlagen ...
... wie so vieles in seinen
Ateliers, die chaotisch mit dem unterschiedlichsten Zeug voll geräumt
waren. Das passt gut zu dem Image, Bacon habe in Trance gemalt, manchmal
auch im Vollrausch.
Der Malvorgang spiegelt sicher Bacons
Widersprüchlichkeit. Als Maler wollte er zugleich das Geschehen auf dem
Bild kontrollieren und so weit wie möglich loslassen. Er hatte eine
ziemlich genaue Idee davon, wie ein Bild aussehen könnte. Diese aber in
einem aktuellen Bild umzusetzen, bedeutete auch, Unerwartetes, Zufälliges
zuzulassen, neue Wege zu erforschen. Vom Zufall erwartete Bacon, dass er
eine bestimmte Wahrheit hervorbringen würde. Deshalb trieb er die Dinge
auch immer ins Extreme, versuchte, so weit wie möglich zu gehen. Was auch
eine große Gefahr bedeutete – denn er hatte oft das Gefühl, er habe
verloren. Deshalb hat er auch eine Menge großartiger Bilder
zerstört.
Bacon ist bekannt für Triptychen, seine dreiteiligen
Bilder. Normalerweise erwartet man sich von solchen Bildern, dass sie eine
Geschichte erzählen, in diesem Fall leugnete der Maler aber, dass es so
etwas wie eine Sequenz gebe. Er meinte sogar einmal, es sei egal, wie man
die drei Bilder seiner Triptychen hänge!
Und wieder dieser
Widerspruch! Natürlich erwartet sich der Betrachter eine Geschichte. Doch
Bacon liebte die Idee, Bewegung festzuhalten und gleichsam die Zeit
einzufrieren. Eine Geschichte zu unterbrechen, statt sie zu erzählen,
ermöglicht es, das Spezifische unserer Existenz zu erkennen. Er zwang uns,
unserer Sterblichkeit, unserem Schicksal ins Auge zu sehen. Wer eine
Geschichte erkennt, verliert sofort das Interesse daran. Aber Bacon wollte
das Gegenteil: Er wollte, dass das Bild den Menschen
verfolgt.
Bacon führte ein exzessives Leben. Er hatte
aufreibende Beziehungen, trieb sich nächtelang in Bars und Restaurants
herum, trank Unmengen und schlief wenig. Wie ist das über Jahrzehnte
hinweg möglich?
Ich kannte Bacon über 30 Jahre lang und habe
mir diese Frage auch immer wieder gestellt. Er ging mit seinen Reserven in
einer Art und Weise um, die andere Leute umgebracht hätte. Die Menge an
Alkohol, drei bis vier Stunden Schlaf pro Tag, dazu die auszehrenden,
gewaltsamen Situationen und Beziehungen, in die er sich begab ... Das war
auch Teil seiner Faszination. Er war einfach viril, voller Energie. Mit
seinen Armen hat er diese Energie auf die Leinwand gebracht, deshalb sind
die Bilder so unglaublich lebendig. Ich hatte eines viele Jahre lang in
meiner Wohnung hängen. Aber ich konnte mich nie daran gewöhnen, es führte
ein gewaltiges Eigenleben. Und Bacon war extrem widerstandsfähig, war zum
Beispiel körperlich äußerst kräftig, obwohl er nie Bodybuilding oder etwas
ähnliches betrieb. Er sagte einfach, das Herumgehen im Atelier halte ihn
fit. Andererseits war er dann wieder sehr weiblich. Jemand sagte mal über
ihn: Er ist der männlichste und zugleich weiblichste Mensch, den es
gibt.
Bacon stammt aus einer traditionsbewussten Familie vom
Land, hatte von Anfang an Kontakt zur Kirche und malte später Päpste und
Kreuzigungsszenen. Doch er konnte sehr aggressiv werden, wenn jemand
religiös oder abergläubisch war. Warum?
Das ist wiederum eines
der vielen Rätsel in seinem Leben. Vielleicht war er als junger Mann tief
religiös. Später kehrte sich das ins Gegenteil um, Bacon predigte vehement
den Nihilismus: ,Wir kommen aus dem Nichts, wir gehen ins Nichts’, sagte
er immer. Seiner Meinung nach betrügen sich Leute, wenn sie glauben.
Natürlich kann man auch sagen, dass allein die Tatsache, dass jemand sein
ganzes Leben lang malt, ein Beweis für Glauben ist. Künstler zu sein
bedeutet auf eine gewisse Art auch gläubig zu sein, den Glauben in die
Kunst zu haben. Und Bacon untertrieb ja auch stets: Er sagte, da gebe es
nichts – und er machte doch alles daraus. Aus dem Nihilismus entstanden
kraftvolle Bilder, die das Interesse am Leben, an uns selbst und an Kunst
verstärken.
Bacons Interesse am Leben war stets auch ein
Interesse am Tierischen im Menschen.
Ganz sicher. Er suchte
das Tier in uns, sah den Menschen als eine Spezies von Tier. Die Affen und
Menschen auf seinen Bildern haben erstaunliche Ähnlichkeiten, er war
fasziniert von Hunden und Pferden, während seiner Zeit in Südafrika auch
von den dortigen wilden Tieren. Bacon konnte außerdem nicht genug kriegen
von den Instinkten, die den Menschen treiben. Auf gewisse Weise war er
immer auf der Suche nach den „basic instincts“. Und es gab viele
Situationen, in denen er Menschen dazu brachte, sich hemmungslos zu
benehmen – vor allem, wenn sie betrunken waren. So konnte man ihr wahres
Ich erkennen.
Bacon malte zeitlebens menschliche Körper. Was
ihn daran am meisten interessierte, war der Mund. In einem Interview sagte
er einmal, er wolle sein ganzes Leben lang ein Lächeln malen – aber es
gelang ihm nur ein Schrei.
Am Mund interessierte ihn der
sexuelle Moment, die Erotik dabei. Er besaß darüber hinaus diese komischen
Bücher über Mundkrankheiten. Man könnte sagen, seine Malerei war von
Anfang bis zum Ende eine Art Schrei. Denn wenn der Mensch schreit, dann
bricht die Natur aus ihm heraus. Ganz egal, ob das beim Sex, ob aus Angst
oder Horror passiert. Der Schrei ist sozusagen die Essenz des Tierischen
im Menschen. Deshalb ist er wohl Bacons ureigenes Motiv.