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10.10.2003 - Kultur&Medien / Ausstellung
Bacon: Alles aus dem Nichts
Anlässlich der Francis Bacon-Ausstellung im Kunsthistorischen Museum sprach das „schaufenster“ mit dem Biografen und langjährigen Freund Michael Peppiatt über Bacons exzessive Kunst und sein extravagantes Leben.

Mehr als dreißig Jahre war es Michael Peppiatt vergönnt, als Freund von Francis Bacon dessen ereignisreichen Weg als Künstler und Mensch begleiten zu dürfen. Im Gespräch erklärt der Engländer, was man von der Ausstellung im KHM erwarten darf, welche Quellen Bacon für seine Kunst anzapfte, warum er alles Religiöse verachtete und es ihm nie gelang, ein Lächeln zu malen.

Schaufenster: Francis Bacons bekanntestes Bild ist der Papst Innozenz X nach Velázquez. Bacon selbst hat sich zeitlebens intensiv mit Alten Meistern auseinandergesetzt, viele seiner Bilder gehen direkt auf konkrete Vorbilder zurück. Das Kunsthistorische Museum konfrontiert nun Bacons Arbeiten mit Klassikern der Kunstgeschichte. Was halten Sie von diesem Konzept?

Peppiatt: Das ist eine brillante Idee. Es ist das ers­te Mal, dass so etwas passiert. Bacon lebte zwischen Extremen: Auf der einen Seite war er ein absoluter Modernist und überschritt stets Grenzen. Andererseits war er sich der Tradition der Malerei tief bewusst. Und er versuchte, beides zu vereinen. Das Konzept der Ausstellung halte ich für extrem wertvoll. Denn es wäre sehr wichtig, wieder stärker die Gemeinsamkeiten von moderner Kunst und Bildtraditionen herauszuarbeiten, um deren Wurzeln zu erkennen. Bacon und Giacometti sind für ein solches Vorhaben sicherlich die beiden ergiebigsten Künstler. 

Bacon selbst wurde in den 80er-Jahren von der National Gallery im Rahmen von „The Artist’s Eye“ eingeladen, aus den Beständen der Gallery eine Auswahl seiner liebsten Bilder zu wählen. Er weigerte sich damals jedoch, auch eigene Bilder für die Ausstellung zur Verfügung zu stellen. Hätte nicht Bacon auch das Konzept der Ausstellung in Wien abgelehnt?

Ich weiß natürlich nicht, wie er reagiert hätte. Er war sehr unsicher. Er wusste zwar um die Bedeutung seiner Malerei, hat sie aber auch wiederum heruntergespielt. Er hielt auch seine Innozenz-Variationen im Grunde für dumm. 

Fühlte er sich minderwertig gegenüber seinen großen Vorgängern?

Bacon war eine sehr elegante Person. Er wollte  sich nicht selbst überbewerten. Aber er wäre von der Idee sicher geschmeichelt gewesen. 

Als wichtigsten zeitgenössischen Maler hat Bacon immer Picasso bezeichnet. Welchen Einfluss hatte Picasso auf ihn?

Bacon war fasziniert von den Bildern, die Picasso Ende der 20er-, Anfang der 30er-Jahre gemalt hat. Besonders die Serien mit den Badenden am Strand hatten es ihm angetan – diese bestimmte Art, den menschlichen Körper darzustellen. Damals war er 17 Jahre alt und gerade auf der Suche nach einem Weg in seinem Leben. Er ging in eine Galerie, sah die Bilder und fasste den Entschluss, Maler zu werden. Deshalb hatte ­Bacon sein Leben lang das Gefühl, er schulde Picasso etwas – auch wenn er etwa dessen späten Werke nicht schätzte. Aber es war nicht nur Picasso, der ihn beeinflusste. Bacon war im Allgemeinen ein Forscher und Entdecker. Er hatte das Talent, wirklich alles aufzusaugen und für sich selbst zu verwerten: Fotos, Kunst, Menschen und vor allem auch Literatur.

Während sich die Bildende Kunst immer mehr der Abstraktion zuwandte,  lehnte Bacon diese als pure Dekoration ab und hatte für viele Zeitgenossen nur Verachtung übrig – selbst für die Surrealisten und die Expressionisten. Waren letztere keine Quellen?

Es gab eine Menge Einflüsse, die er verschwieg. Warum kam er auf die Form des Triptychons? Der Auslöser dafür könnte gewesen sein, dass er als junger Mann in Berlin Otto Dix’ „Großstadt“ sah. Oder war es der Film über Napoleon, in dem der französische Regisseur Abel Gance erstmals synchron mehrere Bilder zeigte? Oder war es der Einfluss Grünewalds? Es ist sehr schwer, für seine Arbeit eine Quelle zu nennen. Er nahm alles auf und machte etwas Eigenes daraus.

Bacon vermied es stets, Vorlagen, auf die er sich bezog, im Original zu sehen. Während eines längeren Aufenthaltes in Rom hätte er zum Beispiel Gelegenheit gehabt, Velazquez’ Papst Innozenz zu sehen. Hatte er Angst vor der Aura des Originals?

Er liebte Reproduktionen, weil sie Distanz schaffen. Wenn er Leute porträtierte, machte er das von Fotografien, weil er deren Künstlichkeit schätzte. Oft erzählt ein künstliches Bild eine viel tiefere Wahrheit als die sogenannte Wirklichkeit. In Rom hatte er damals außerdem schrecklichen Liebeskummer. Anstatt sich Velázquez anzusehen, irrte er völlig verzweifelt tagelang im Petersdom herum.

In den frühen Jahren porträtierte er aber auch Menschen, die bei ihm im Atelier saßen. Kamen die eigentlich damit zurecht, wie Bacons Bilder von ihnen aussahen?

Der Fotograf Cecil Beaton war von einem Porträt, das Bacon von ihm gemacht hatte, total schockiert, sodass Bacon das Bild zurücknahmund es zerstörte. Bacon wollte die Freiheit haben, zu machen, was er will – ohne Rücksicht auf Personen. Er ließ daher lieber eine Serie von Fotos anfertigen, die dann auf dem Boden seines Ateliers herumlagen ...

... wie so vieles in seinen Ateliers, die chaotisch mit dem unterschiedlichsten Zeug voll geräumt waren. Das passt gut zu dem Image, Bacon habe in Trance gemalt, manchmal auch im Vollrausch.

Der Malvorgang spiegelt sicher Bacons Widersprüchlichkeit. Als Maler wollte er zugleich das Geschehen auf dem Bild kontrollieren und so weit wie möglich loslassen. Er hatte eine ziemlich genaue Idee davon, wie ein Bild aussehen könnte. Diese aber in einem aktuellen Bild umzusetzen, bedeutete auch, Unerwartetes, Zufälliges zuzulassen, neue Wege zu erforschen. Vom Zufall erwartete Bacon, dass er eine bestimmte Wahrheit hervorbringen würde. Deshalb trieb er die Dinge auch immer ins Extreme, versuchte, so weit wie möglich zu gehen. Was auch eine große Gefahr bedeutete – denn er hatte oft das Gefühl, er habe verloren. Deshalb hat er auch eine Menge großartiger Bilder zerstört.

Bacon ist bekannt für Triptychen, seine dreiteiligen Bilder. Normalerweise erwartet man sich von solchen Bildern, dass sie eine Geschichte erzählen, in diesem Fall leugnete der Maler aber, dass es so etwas wie eine Sequenz gebe. Er meinte sogar einmal, es sei egal, wie man die drei Bilder seiner Triptychen hänge!

Und wieder dieser Widerspruch! Natürlich erwartet sich der Betrachter eine Geschichte. Doch Bacon liebte die Idee, Bewegung festzuhalten und gleichsam die Zeit einzufrieren. Eine Geschichte zu unterbrechen, statt sie zu erzählen, ermöglicht es, das Spezifische unserer Existenz zu erkennen. Er zwang uns, unserer Sterblichkeit, unserem Schicksal ins Auge zu sehen. Wer eine Geschichte erkennt, verliert sofort das Interesse daran. Aber Bacon wollte das Gegenteil: Er wollte, dass das Bild den Menschen verfolgt.

Bacon führte ein exzessives Leben. Er hatte aufreibende Beziehungen, trieb sich nächtelang in Bars und Restaurants herum, trank Unmengen und schlief wenig. Wie ist das über Jahrzehnte hinweg möglich?

Ich kannte Bacon über 30 Jahre lang und habe mir diese Frage auch immer wieder gestellt. Er ging mit seinen Reserven in einer Art und Weise um, die andere Leute umgebracht hätte. Die Menge an Alkohol, drei bis vier Stunden Schlaf pro Tag, dazu die auszehrenden, gewaltsamen Situationen und Beziehungen, in die er sich begab ... Das war auch Teil seiner Faszination. Er war einfach viril, voller Energie. Mit seinen Armen hat er diese Energie auf die Leinwand gebracht, deshalb sind die Bilder so unglaublich lebendig. Ich hatte eines viele Jahre lang in meiner Wohnung hängen. Aber ich konnte mich nie daran gewöhnen, es führte ein gewaltiges Eigenleben. Und Bacon war extrem widerstandsfähig, war zum Beispiel körperlich äußerst kräftig, obwohl er nie Bodybuilding oder etwas ähnliches betrieb. Er sagte einfach, das Herumgehen im Atelier halte ihn fit. Andererseits war er dann wieder sehr weiblich. Jemand sagte mal über ihn: Er ist der männlichste und zugleich weiblichste Mensch, den es gibt.

Bacon stammt aus einer traditionsbewussten Familie vom Land, hatte von Anfang an Kontakt zur Kirche und malte später Päpste und Kreuzigungs­szenen. Doch er konnte sehr aggressiv werden, wenn jemand religiös oder abergläubisch war. Warum?

Das ist wiederum eines der vielen Rätsel in seinem Leben. Vielleicht war er als junger Mann tief religiös. Später kehrte sich das ins Gegenteil um, Bacon predigte vehement den Nihilismus: ,Wir kommen aus dem Nichts, wir gehen ins Nichts’, sagte er immer. Seiner Meinung nach betrügen sich Leute, wenn sie glauben. Natürlich kann man auch sagen, dass allein die Tatsache, dass jemand sein ganzes Leben lang malt, ein Beweis für Glauben ist. Künstler zu sein bedeutet auf eine gewisse Art auch gläubig zu sein, den Glauben in die Kunst zu haben. Und Bacon untertrieb ja auch stets: Er sagte, da gebe es nichts – und er machte doch alles daraus. Aus dem Nihilismus entstanden kraftvolle Bilder, die das Interesse am Leben, an uns selbst und an Kunst verstärken.

Bacons Interesse am Leben war stets auch ein Interesse am Tierischen im Menschen.

Ganz sicher. Er suchte das Tier in uns, sah den Menschen als eine Spezies von Tier. Die Affen und Menschen auf seinen Bildern haben erstaunliche Ähnlichkeiten, er war fasziniert von Hunden und Pferden, während seiner Zeit in Südafrika auch von den dortigen wilden Tieren. Bacon konnte außerdem nicht genug kriegen von den Instinkten, die den Menschen treiben. Auf gewisse Weise war er immer auf der Suche nach den „basic instincts“. Und es gab viele Situationen, in denen er Menschen dazu brachte, sich hemmungslos zu benehmen – vor allem, wenn sie betrunken waren. So konnte man ihr wahres Ich erkennen.

Bacon malte zeitlebens menschliche Körper. Was ihn daran am meisten interessierte, war der Mund. In einem Interview sagte er einmal, er wolle sein ganzes Leben lang ein Lächeln malen – aber es gelang ihm nur ein Schrei.

Am Mund interessierte ihn der sexuelle Moment, die Erotik dabei. Er besaß darüber hinaus diese komischen Bücher über Mundkrankheiten. Man könnte sagen, seine Malerei war von Anfang bis zum Ende eine Art Schrei. Denn wenn der Mensch schreit, dann bricht die Natur aus ihm heraus. Ganz egal, ob das beim Sex, ob aus Angst oder Horror passiert. Der Schrei ist sozusagen die Essenz des Tierischen im Menschen. Deshalb ist er wohl Bacons ureigenes Motiv.

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