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| 06.09.2004 - Kultur&Medien / Kultur News | ||
| Symposium Netzwerkanalyse: Kraken, Knödel, Partylöwen | ||
| VON OLIVER HOCHADEL | ||
| Lassen sich Innovationen planen? Bei einem Ars-Symposium suchte man neue Antworten auf eine alte Frage. Das Zauberwort: Netzwerkanalyse. | ||
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Viagra wurde zunächst als Mittel gegen koronare
Herzkrankheiten getestet. Dass die blaue Pille heute auf andere Blutgefäße
wirkt, erklärt Andreas Penk von Pfizer Austria damit, dass das
Forschungsteam über genügend Freiräume verfügte und mit den richtigen
Partnern vernetzt war. Ein Pharmamulti mit 14.000 Forschern in Dutzenden
von Ländern ist naturgemäß sehr daran interessiert, Konstellationen zu
schaffen, die erfolgreiche Medikamente hervorbringen. Wie Netzwerke
funktionieren, wie man sie optimieren oder aber auch attackieren kann, war
Thema des Ars-Electronica-Symposions "The language of networks". Grundlage dafür ist die soziale Netzwerkanalyse, die
riesige Datenmengen visualisiert, wichtige "Player" identifiziert und so
einen Mehrwert an Erkenntnis liefert. Aus langen Listen und Tabellen
werden mit Hilfe von Algorithmen Netzwerkgrafiken mit Zentrum und
Peripherie erzeugt. Mittels Farbe, Dicke der Verbindungen und Größe der
Knoten lassen sich viele Informationen in ein Bild übertragen. Harald
Katzmair, Leiter der sozialwissenschaftlichen Forschungsgesellschaft
FAS.research, Initiator des Symposions, verweist darauf, dass die
benötigten Informationen oft schon vorliegen. Welche ungeahnte Schätze
etwa das österreichische Handelsregister birgt! Speist man diese Daten,
also die Beteiligungen der Firmen aneinander, in die Netzwerksoftware ein,
dann werden die Banken und Versicherungen zu Kraken im Zentrum, deren
Tentakeln bis an die Peripherie reichen. Auch für die Wissenschaft lassen sich "Landkarten"
erstellen. Die FAS hat 5000 vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Projekte
auf ihre inhaltliche Nähe untersucht. Die vielfarbige Grafik zeigt die
Geistes- und Sozialwissenschaften auf der einen und die
Naturwissenschaften und Medizin auf der anderen Seite. Dazwischen gähnt
eine tiefe Kluft, kaum eine Linie verbindet rote und gelbe Knödel. Man hat
es ja geahnt. Gesucht wird nun nach "Broker"-Wissenschaften, die das hehre
Ziel transdisziplinärer Forschung realisieren. Denn das hat die
Innovationsforschung gezeigt: Diversität ist Voraussetzung für Neuerungen.
Innerhalb der Naturwissenschaften ist die Bioinformatik
ein Beispiel für erfolgreiche Integration und Transformation von
Disziplinen. Aber was verbindet Natur- und Geisteswissenschaften? Katzmair
weist diese Rolle den Formalwissenschaften zu: Mathematik und Informatik.
Man mag seine Zweifel haben, ob sich Historiker und Altphilologen für die
Algorithmen erwärmen können - oder grundsätzlicher fragen, ob sich auch
die Geisteswissenschaften dem Innovationsimperativ unterwerfen sollen.
Freilich: die soziale Netzwerkanalyse selbst ist bereits
ein Hybrid aus Soziologie und Informatik. Ihre Anwendungsbereiche gehen
weit über Wissenschaft und Wirtschaft hinaus. Man kann etwa Passverhalten
und Korbausbeute erfassen, um die Gruppendynamik eines Basketballteams zu
verstehen. Man kann auch, wie die FAS das tut, jahrelang "Seitenblicke" im
ORF schauen und die Party- und Premierenlöwen auf dem österreichischen
Gesellschaftsparkett identifizieren. In den Schaltzentralen der
US-Geheimdienste hingegen hängen Netzwerkgrafiken von El-Qaida. Die
Analyse ergibt freilich, dass die Terrororganisation in einem
polyzentrischen "Cliquen-Modell", und nicht in einem
"Zentrum-Peripherie-Modell" organisiert ist, sprich: in nur lose
verbundene Einzelgruppen zerfällt. El-Qaida (arabisch für Netz) kann die
Ausschaltung einzelner Mitglieder verkraften, eine stabilere Struktur
hätten auch die Netzwerkanalytiker nicht ersinnen können. Die Ausstellung "The language of networks" ist noch bis
7. 9. täglich von 10-21 Uhr im Ars Electronica Center zu sehen.
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