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Ausstellung Lentos: Die unsichtbare Natur

23.10.2008 | 18:14 | ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Lois und Franziska Weinberger zeigen in Linz ihre „belassenen Gärten der Vielfalt“.

Eins werden mit der Natur, dieser unberührten scheuen Schönheit. Solche pseudoromantischen Wellnessklischees kann Lois Weinberger nicht mehr hören. Rastlos wandert der Tiroler Konzeptkünstler zwischen den Stationen seiner so poetischen wie schnörkellosen Ausstellung im Lentos hin und her, zwischen einem Plastiksessel, auf dem eine Art Bonsai-Biotop, ein Pfützchen mit Mooszweig und Erdkrümel, zum Verwildern angesetzt wurde, einer Holzpalette, die mit Pflanzennamen beschriftet wurde, zu denen wir keine Bilder mehr haben, Günsel, Greiskraut, Mauerpfeffer, einer ganzen Wand voll leichthändig-zarter, floral anmutender Einpinselstrich-Zeichnungen, markiert mit ihrer jeweiligen Ausführungsgeschwindigkeit von 02 aufwärts.

Ungeduldig sei er, sagt der Tiroler. Das macht wahrscheinlich die Energie aus, die das – seit 30 Jahren konsequent die prekären Schnittstellen von dem, was wir Kultur und Natur nennen thematisierende – Werk spannend hält, sich nicht in sich verkapseln lässt. In den 70ern hat Weinberger auf sehr humorvolle Weise begonnen, mit wenig beachteten Phänomenen und Dingen seiner alltäglichen Umgebung zu arbeiten. Davon erzählt etwa das Foto vom „Baum(fest)“, zu dem er von der unfreiwilligen Plastiksackerlbehängung inspiriert wurde, die damals die Bäume am Innufer nach einer Überschwemmung ertragen mussten. Er hing daraufhin selbst knallbunte Plastikabfälle in einen Kirschbaum am Bauernhof seiner Eltern in Stams – was plötzlich an tibetische Gebetsfahnen erinnerte.

Seit 1999, zwei Jahre nach dem internationalen Durchbruch bei der documenta X, bei der er das schottrige Gleis 1 des Kulturbahnhofs mit Neophyten und heimischer Vegetation bepflanzte, arbeitet Weinberger zusammen mit seiner Frau Franziska, einer Kunsthistorikerin und Kuratorin. Zur Zeit wird gerade das „Gebiet II“ angelegt, ein neuer „Garten“, in einer alten Spiegelfabrik in Gars am Kamp. Das „Gebiet I“ in Wien wurde 1999 verlassen. mitgenommen haben die Weinbergers damals die „mobilen Gärten“, Alu-Kisten mit Rädern, in denen wächst und sich durchsetzt, was eben wächst und sich durchsetzt. Jetzt machen die mit exotisch-melodischen Städtenamen aus Europa beschrifteten Boxen gerade Zwischenstopp im Museum.

 

Der Stechapfel vor der Kirchentür

„Garten“, das darf man sich bei den Weinbergers nicht im üblichen Sinn vorstellen. Zwar wird der Boden bereitet, dann aber setzt ein diffiziles Spiel zwischen Gestalten und Warten ein. Ruderalpflanzen sind es, Unkräuter, die so erhalten werden. Sie finden sie in und bepflanzen mit ihnen „Brachen, Peripherien und Lücken im Urbanen“, um „belassene Gärten der Vielfalt“ zu schaffen. Und dieser Umgang mit Pflanzen soll durchaus politisch verstanden werden. Vor einer evangelischen Kirche etwa stellte Weinberger eine Stechapfelpflanze ab, von der katholischen Kirche einst als Hexenkraut verpönt. Abgefüllt in Plastiktaschen, wie Flüchtlinge sie verwenden, wurden Gartenteile in der Landschaft ausgesetzt, in neuer, feindlicher Umgebung mussten die Pflanzen zu kämpfen beginnen.

Mit missionarischer Öko-Nostalgie hat das nichts zu tun – ist eines weg, kommt eben anderes nach, meint Weinberger dazu nur. Viel mehr interessiert ihn das Werden und Vergehen. Denn alles, was wir an „Natur“ sehen, sei schon Kultur, die tatsächliche Natur hingegen sei unsichtbar, sei das, was uns schafft und hinwegrafft. In Gentechnikzeiten könnte das allerdings bald schon ähnlich naiv klingen wie das Klischee unberührter Wälder und Wiesen.


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