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"Chalo, India!": Der Markt liegt selten falsch

05.09.2009 | 18:29 | von Patricia Käfer (Die Presse)

Wird Indiens Kunstgehypt? Wie wird sie im eigenen Land rezipiert? Zur Eröffnung von "Chalo, India!" veranstaltete das Essl-Museum ein Symposium.

Es wird gerülpst. Obwohl kein Porno, sondern Hollywood läuft, sitzt man praktisch ausschließlich unter Männern, der Saal ist heruntergekommen, die Sitze zerschlissen. Für einen schäbigen Kinobesuch wie diesen bezahlt man in Indien wenige Rupies Eintritt. Deutlich teurer – auch nach europäischen Maßstäben – taucht man in eine luxuriöse amerikanische Kinowelt, klimatisiert, die Sitze lassen sich in Liege-position verstellen. Nach Rosenöl duftende, teils übergewichtige Inder haben ihre Kinder mit Popcorn ausgestattet.

Sieht man diese beiden Arten von Kinos als Metapher für Indiens verschiedene Öffentlichkeiten – im Essl-Museum in Klosterneuburg sprachen anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Chalo, India!“ („Los geht's, Indien“) am Freitag nur Kinobesucher zweiter Art. Darunter Reena Saini Kallat, Künstlerin aus Mumbai, Künstlerdoyen Gulam Mohammed Sheik und die Journalistin Kaveree Bamzai („India Today“).

Indiens Establishment, die wirtschaftliche, intellektuelle, politische oder künstlerische Oberschicht, ist klein – trotz seiner insgesamt knapp 1,2 Milliarden Einwohner. Das vergessen wir Europäer häufig. „Wohin fährt der Durchschnittsinder auf Urlaub?“, kam Freitag etwa eine Frage aus dem Publikum. Urlaub wie Kunst sind in Indien ein Minderheitenprogramm für die Elite – was Sheik auch freimütig bekennt. In der Künstlerszene auf dem Subkontinent gehe es „familiär“ zu, „wir kennen uns alle persönlich“.

Auch Kunstkonsum ist kein Programm für die Masse: „Da muss viel getan werden“, mahnt die junge Künstlerin Kallat. In der Kritik an der Kulturpolitik ihrer Länder sind die Diskutanten sich einig: Auch Stephan Schmidt-Wulffen, Rektor der Wiener Kunstakademie, prangert etwa an, dass in Österreichs Schulen immer weniger Wert auf Kunstunterricht gelegt werde.

Die Diskutanten saßen dabei in einem Ausstellungsraum des Museums vor den plakativen Werken von Atul Dodiya. Zitate aus der Popkultur – vom Touristikslogan „Incredible India“ über das Chipslogo „Pringles“ zu Picasso-Imitaten – sind darin zahlreich. Diesen Einfluss der Massenmedien brachte Schmidt-Wulffen ins Spiel: Wie sollen junge indische Künstler, die über TV und Internet mit der westlichen Popkultur konfrontiert werden (ohne deren gesellschaftlichen Hintergrund zu kennen), damit umgehen? Verlieren sie so den eigenen kulturellen Hintergrund?


Von Natur aus pluralistisch. Mit dem Anschluss an die Medienöffentlichkeit des Westens habe sich definitiv etwas verändert, so Kallat. Die Jungen hätten den Internationalismus, der nach Indien kam, aufgesogen, meint Sheik. Wobei die indische Gesellschaft wie ihre Kunst „von Natur aus pluralistisch“ sei, sagt er. Der Erhalt dieser Vielfalt gilt als Maxime Gandhis.

Rund 20 verschiedene Sprachen werden auf dem Subkontinent gesprochen. Englisch ist nur im städtischen Raum gebräuchlich. „Wir leben in einer Welt der Übersetzungen“, nicht nur in Indien, sondern überall, sagt Sheik. Und so macht der ihnen geläufigere kulturelle Pluralismus, so die indischen Künstler, auch die Kunst in ihrer Heimat offener. Sie gingen deshalb freimütiger mit diversen Medien um, von Malerei und Skulptur über Foto, Video bis zu Performance und Digitalem.

Wie die indische Wirtschaft erfuhr auch ihr Kunstmarkt – hochpreisiger als anderswo – zuletzt einen kräftigen Aufschwung (der selbst in der Krise anhält). Kein ungerechtfertigter Hype, meinen die Diskutanten: „Der Markt ist intelligent“, glaubt Schmidt-Wulffen an den Geschmack der Sammler. Kallat wünscht sich, dass Indiens alte Seele die Europäer nicht abschreckt, sich mit seiner Kunst zu befassen, weil es ihnen als zu schwierig oder mühsam erscheint. „Diese Bürde sollen unsere Werke nicht weitergeben.“ Man müsse Kunst nicht immer verstehen, man dürfe sie auch missverstehen, so die Künstlerin.

Indien ist heute die größte Demokratie der Welt, was Indiens Botschafter in Österreich, H. E. Saurabh Kunnar, kräftig lobte: „Wo in der Welt gibt es schließlich eine vergleichbar große funktionierende Volksherrschaft?“ Allerdings ist da auch das brutale Kastensystem mit seiner Doppelmoral, die Unterdrückung der Frauen, Armut, Religionskonflikte, die Anschläge wie die von Mumbai 2008 zur Folge haben. Dennoch: „Die Demokratie in Indien lebt“, sagt Bamzai, „sie ist in Arbeit.“


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