22.10.2003 21:16
"Die Räume sind eine Herausforderung"
Kunsthaus-Chef Peter Pakesch im Interview über die Tücken der
"blauen Blase" und die ersten Ausstellungen - Foto
Als Intendant des Landesmuseums Joanneum ist Peter Pakesch auch
Chef des Kunsthauses. Über die Tücken der "blauen Blase" und die ersten
Ausstellungen, die im Konnex mit der Architektur stehen, sprach er mit Thomas
Trenkler.
STANDARD: Die Architektur des Grazer Kunsthauses wurde in
den Medien großteils sehr negativ beurteilt, vor allem was die Ausgestaltung der
Innenräume anbelangt. Und gerade die müssen Sie als Chef des Kunsthauses
bespielen. Kein leichtes Unterfangen, oder?
Pakesch: Aber eine
große Herausforderung - und von Tag zu Tag spannender! Bisher lassen die Räume
sehr viel Spielraum zu und eröffnen ungewohnte Möglichkeiten. Ich glaube, wir
können für Überraschungen sorgen.
STANDARD: Inwiefern? Um
Tafelbilder präsentieren zu können, brauchen Sie doch Stellwände, weil es keine
einzige plane Wand gibt. Wie viele Laufmeter mussten Sie denn für die erste
Ausstellung in den Kuppelsaal und die darunter liegende Ebene
aufstellen?
Pakesch: Leider habe ich die genaue Zahl nicht parat.
Der untere Raum wird durch die Wände strukturiert. Im oberen Raum kommen wir mit
ganz wenig Elementen aus. Dieser Bereich eignet sich ohnehin mehr für Skulpturen
und Rauminstallationen. Glücklicherweise haben wir für die erste Ausstellung
spektakuläre große Werke von Liz Larner, Anthony Caro und Ernesto Neto bekommen
können.
STANDARD: Das Kunsthaus sollte eigentlich eine
semitransparente Hülle haben. Doch der Kuppelsaal ist alles andere denn
lichtdurchflutet: Trotz der "Nozzles", die den Raum dominieren, herrscht eine
recht düstere Stimmung vor.
Pakesch: Ja, ohne zusätzliche
Beleuchtung geht es nicht. Das Kunsthaus ist kein Tageslichtmuseum. Eine
transparente Hülle hätte kein akzeptables Raumklima gestattet. Und die Bauzeit
hätte viel länger sein müssen. Technologisch war man offenbar noch nicht so
weit. Und man hätte sich noch weiter von einer Verwendbarkeit des Raumes für
Ausstellungen entfernt.
STANDARD: Gerade der "space 01"
soll in der Anfangsphase von Künstlern wie Sol LeWitt vermessen bzw. erprobt
werden. Welche Erkenntnisse schweben Ihnen denn vor?
Pakesch: Sol
LeWitt wird eine große Skulptur oder Installation schaffen. Er ist zeitlich
durchaus mit der Idee der Architekten verbunden, aber er besetzt nicht eine
idealistisch-utopistische Position, sondern eine sehr pragmatische, fast
materialistische. Für beide Ebenen gilt, dass ich den Künstlern und ihren Werken
besonders vertraue. Derzeit kann man erleben, wie sehr sich der Raum durch die
Präsenz von Liz Larners 2001 verändert hat. Hier spielt eine große Skulptur die
Decke an die Wand. Für den unteren Raum erhalten wir in Einbildung mit den
Bildern von Sarah Morris, Richard Kriesche, Bridget Riley und einer Installation
von Angela Bulloch bestimmte Durchblicke, die den Raum richtig verändern. Das
soll sich danach mit der Personale Vera Lutter fortsetzen: Ihre raumgroßen
Lochkamera-Fotos geben der Architektur neue Dimensionen.
STANDARD: In der Ausstellung "Einbildung" werden auch
Werke der im Jahr 2001 verstorbenen Helga Philipp zu sehen sein, die seit den
60er-Jahren ihrem Weg treu blieb. Wollen Sie mit dieser Op-Art auch eine
Verbindung zur Architektur herstellen, die ebenfalls auf Konzepten der 60er
fußt?
Pakesch: Natürlich gibt es hier eine starke Verbindung zu
den 60er-Jahren. Das wird von der Architektur vorgegeben, aber auch von der
Logik der Grazer Kunstsituation. Mit Wilfried Skreiner, dem langjährigen Leiter
der Neuen Galerie, und vor allem mit seiner Ausstellung trigon'67 wurden
wichtige Schritte in die Internationalität gesetzt. Ganz stolz bin ich darauf,
dass wir den spazio elastico von Gianni Colombo aus der trigon'67 rekonstruieren
konnten. Dabei handelt es sich um ein ganz bedeutendes Werk. Von hier die
Verbindung zu den Jungen wie Esther Stocker, Olafur Eliasson, Sarah Morris und
so weiter zu schließen ist spannend.
STANDARD: Sie
erhalten 4,2 Millionen Euro jährlich vom Land Steiermark und der Stadt Graz -
für alles: Gebäudeerhaltung, Betriebskosten, Personal und Ausstellungen. Wird
das Budget ausreichen?
Pakesch: Bezüglich der Betriebskosten gibt
es zwar recht präzise Schätzungen, aber natürlich noch einige
Unsicherheitsfaktoren. Wenn wir eine gute Zahl an Sponsoren finden, wird das
Budget ausreichen. Ich würde mir wünschen, ich hätte in den anderen Abteilungen
des Joanneums ähnliche finanzielle Möglichkeiten und einen ähnlichen Zugang zu
Sponsoren.
STANDARD: Die Kinderzone "space 03" ist ein
mit dunklem Kunststoffboden ausgelegtes, beinahe fensterloses und recht
niedriges "Loch". Werden genervte Eltern ihren Kindern künftig nicht drohen:
"Wenn du schlimm bist, kommst du ins Kunsthaus!"?
Pakesch: Ich
glaube, es wird das Gegenteil der Fall sein: "Wenn du schlimm bist, darfst du
nicht ins Kunsthaus!" Der Raum bietet ein hohes Maß an Geborgenheit, viele
Besucher sind begeistert. Wir sind eben dabei, diesen Bereich einzurichten und
eigene Programme zu entwickeln. Für Kinder gibt es aber auch einiges in der
Ausstellung Einbildung zu sehen und zu entdecken.
STANDARD:
Mit Peter Weibel, dem Chefkurator der Neuen Galerie, kuratieren Sie eine
Schau über kinetische Kunst.
Pakesch: Ja, für den Herbst 2004 als
zweite große Ausstellung über beide Ebenen in Zusammenarbeit mit dem Musée Jean
Tinguely in Basel: Nach der Wahrnehmung wird es um die Bewegung gehen. Wir
wollen einen Bogen von den späten 60ern bis in die Gegenwart spannen und haben
bereits einige Künstler mit Projekten beauftragt, zum Beispiel Thomas Baumann
und Jeppe Hein. Aber natürlich wird Tinguely eine wichtige Rolle spielen.
Parallel dazu ist auch eine Ausstellung zum Thema in der Neuen Galerie geplant.
(DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2003)