| Artikel aus
profil Nr. 11/2002 |
"Fümms bö
wö"
Kurt Schwitters, der ewig junge
Klassiker des Dadaismus, wird im Bank Austria Kunstforum
wiederentdeckt. |
Ein heutiger Dichter müsste bei einer
Lesung zumindest eine drall aufmunitionierte Verona Feldbusch mit
auf die Bühne nehmen, wollte er auch nur annähernd vergleichbare
Reaktionen hervorrufen: "Die steifen Herren schrien nach Luft
schnappend, schlugen sich auf die Schenkel und husteten", berichtete
ein Augenzeuge, als der Dichter Kurt Schwitters 1925 in Potsdam eine
Erstfassung seiner "Ursonate" vortrug. Das Publikum, das der mit den
Gaga-Worten "Fümms bö wö" anhebenden, vollkommen sinnentleerten
Sprachpartitur lauschte, "explodierte in einer Orgie des
Gelächters".
Schwitters-Kosmos
Eine singuläre,
anekdotenumrankte Künstlervita, eine Explosion einmaliger,
grenzüberschreitender Werke - nach 1986, als im Historischen Museum
der Stadt Wien letztmalig Exilarbeiten gezeigt wurden, sind ab dem
15. März im Bank Austria Kunstforum wieder über 160 Werke des
unbequemen Dadaisten Kurt Schwitters zu sehen, rund zehn davon
überhaupt zum ersten Mal. "Die Ausstellung bietet vor allem einen
Überblick", relativiert Kurator Florian Steininger eine Aussendung
des Kunstforums, in der von der "ersten umfassenden Präsentation von
Kurt Schwitters in Österreich" zu lesen ist. Von den
naturalistischen Gemälden, den dadaistischen Stempelzeichnungen, den
Collagen und Assemblagen bis zu den Werbungen für große Firmen, dem
prägnanten Merzbau und den literarischen Arbeiten: Die Ausstellung
führt ein in den Schwitters-Kosmos, "der Betrachter soll seinen
Kunstbegriff erweitern können", so Steininger.
Schwitters,
1887 in Hannover geboren und 1948 im englischen Exil gestorben, kann
als einer der Pioniere des erweiterten Kunstbegriffs gelten.
"Schwitters' Kunst und Leben war ein lebendiges Epos. Es passierte
unaufhörlich etwas Dramatisches. Die Kämpfe um Troja können nicht
abwechslungsreicher gewesen sein als ein Tag in Schwitters' Leben",
staunte ein Zeitgenosse.
Schwitters, einer der innovativsten
Künstler seiner Zeit, betrieb als bildender Künstler, Dichter,
Theaterautor, Aktions- und Vortragskünstler, Werbegrafiker und
Publizist zeitlebens eine auf Hochtouren arbeitende Einmannfabrik,
in der jedes erdenkliche Material zu Kunst ("Der Abfall der Welt
wird meine Kunst") und der traditionelle Antagonismus zwischen U und
E aufgehoben wurde: "Mir tut der Unsinn leid, dass er bislang so
selten künstlerisch geformt wurde."
MERZ
Himmelschreiender Unsinn (wie jene
Gedichte, die aus endlosen Zahlenreihen bestehen) steht neben
rätselhaftem Tiefgang (wie in Schwitters' berühmtester lyrischer
Erfindung "Anna Blume" oder den philosophischen Essays). Lustvoll
ausgebreitete Banalitäten und Trivialitäten ("Ewig währt am
längsten", dichtete er 1922) stehen neben seriös gehaltenen
grafischen Arbeiten für Firmen wie Pelikan und Bahlsen oder Theorien
und Modellen zu Architektur und Bühnenkunst. "MERZ" betitelte
Schwitters sein allumfassendes Kunst- und Lebensprogramm: Ab 1923
"vermerzte" er seine Wohnung in Hannover, baute sie zum
Gesamtkunstwerk aus.
Eine Rekonstruktion des während des
Zweiten Weltkriegs zerstörten Merzbaus wird nun auch in Wien
präsentiert. Gezeigt werden auch - etwas vage und beliebig -
österreichische Bezüge zu Schwitters. Arbeiten von Oswald Oberhuber,
Gerhard Rühm, Christian Ludwig Attersee oder Günter Brus sollen die
Auswirkungen von Schwitters' Schaffen hierzulande illustrieren.
Einen Ernst Jandl oder H. C. Artmann sucht man dabei
vergebens.
1931 erkannte Schwitters: "Ich weiß, dass ich als
Faktor in der Kunstentwicklung wichtig bin und in allen Zeiten
wichtig bleiben werde. Ich sage das mit aller Ausdrücklichkeit,
damit man nicht nachher sagt: ‚Der arme Mann hat es gar nicht
gewusst, wie wichtig er war.'"
Autor: Wolfgang
Paterno
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