Artikel aus profil Nr. 19/2003
„Das halte ich durch, bis es mich legt“

Der Kurator Harald Szeemann über Solidarität und Kunst aus Südosteuropa, über das alte und das neue Österreich und über die Allgegenwart des Balkans.
profil: Was hat der Leichenwagen von Franz Ferdinand mit Ihrer neuen Ausstellung zu tun?
Szeemann: Er markiert das Ende von Österreich und setzt zugleich den Schlusspunkt einer Folge von Balkankriegen. Man kann den natürlich nur in Österreich zeigen, anderswo wäre er ja nicht subversiv. Aber „Balkan“ bedeutet ja überall etwas anderes: Die Franzosen sagen, Deutschland ist Balkan, die Engländer sagen, Frankreich ist Balkan, und Rumsfeld sagt, ganz Europa ist Balkan.

profil: Was genau ist der Balkan also?
Szeemann: Das habe ich mich auch gefragt. Ein Kurator aus Skopje meinte, Balkan heiße auch „Blut und Honig“. Damit ist der Titel meiner Ausstellung nun doppelt subversiv, weil es ja in Österreich auch Künstler gibt, die mit Blut arbeiten. Und um das Ganze positiv zu drehen, kam noch der Untertitel „Zukunft ist am Balkan“ hinzu.

profil: Wie kam es zu dieser Ausstellung?
Szeemann: Seit der letzten Biennale in Venedig habe ich angefangen, den Balkan zu bereisen, um mehr von diesen Leuten zu zeigen. So bin ich nach Bulgarien gefahren, nach Armenien, in die Ukraine und hab dort vor allem diskutiert. Ich war aber nicht daran interessiert, eine normale Gruppenausstellung zu machen, sondern eher etwas in der Art wie die von mir kuratierten Präsentationen „Austria im Rosennetz“ oder „Visionäre Schweiz“.

profil: Eine thematische Ausstellung also?
Szeemann: Eine Welt zu machen aus dem Vorhandenen.

profil: Eine Welt von Harald Szeemann?
Szeemann: So ist es. Na gut, Karlheinz Essl hat mich schon vor längerer Zeit zu einer Ausstellung eingeladen, und da ich ja immer fand, dass Wien eigentlich der richtige Ort für so ein Unterfangen ist, habe ich zugesagt. Auch weil man dann diesen Leichenwagen von Franz Ferdinand nochmal zeigen kann.

profil: Und nun setzt der Leichenwagen den Schlusspunkt der Ausstellung?
Szeemann: Nein, er steht mittendrin! Und zwar deshalb, weil er im Essl-Museum nicht durch alle Türen geht. Dazu kommt ein Dracula-Bildnis aus dem Schloss Ambras bei Innsbruck. Und dann fand ich noch eine so genannte Orgon-Maschine von einem bulgarischen Künstler, und die stell ich jetzt auch noch zum Leichenwagen. So gibt das eine ganz muntere Kombination.

profil: Wo bleibt die zeitgenössische Kunst?
Szeemann: Die beginnt dann mit der Ironisierung des Sozialistischen Realismus und den frühen Avantgardevideos von Marina Abramovic und Rasa Todosijevic.

profil: Früher war eines der Hauptmerkmale der Kunst aus Südosteuropa die starke Einbeziehung des Körpers. Welche Themen werden nach den großen politischen Umbrüchen heute vor allem behandelt?
Szeemann: Natürlich auch das Trauma des Krieges! Aber man findet auch fröhliche Welten, voller Ironie, voll Glauben und Glaubensverhunzung, ethnische Probleme, Verarbeitung von Geschichte, das wird alles behandelt. Es gibt auch ein neues Selbstbewusstsein, wenn die slowenische Künstlergruppe Irwin jetzt erstmals eine Kunstgeschichte ohne den Westen zeigt. Das finde ich wunderbar.

profil: Es gibt eine Reihe sehr erfolgreicher Künstler bei uns, etwa Anri Sala, dessen Retrospektive zurzeit in der Wiener Kunsthalle zu sehen ist. Womit hat dieser Erfolg zu tun? Ist es die Suche des Westens nach „dem Anderen“?
Szeemann: Anri Sala kam ganz früh mit einem Stipendium nach Paris, und der ist einfach gut. Ich habe Sala ja auch schon auf der Biennale gezeigt.

profil: Sala ist aber gerade auch jemand, der sich gegen die Bezeichnung „Balkan-Künstler“ wehrt.
Szeemann: Es gibt Leute, die finden das bereits zu geopolitisch, aber das ist in jedem Land dasselbe. Nicht nur auf dem Balkan. Aber ich sage eben, Zukunft ist am Balkan, weil der ganze Westen doch wirklich ziemlich farblos geworden ist. Ich meine, da ist einfach keine Subversivität mehr!

profil: Was ist denn für Sie subversiv?
Szeemann: Subversiv ist Kunst dann, wenn sie in ihrer Tradition verwurzelt ist, dabei aber die eigenen Tabus angreift.

profil: Ein Klischee von so genannter Ostkunst besagt ja auch, dass alle Künstler vorwiegend nach dem Westen schauen.
Szeemann: Nun, in Moldawien schauen die Künstler nach Osten! Die gehen zu den Mongolen und nach Aserbaidschan, was für sie spannender ist als der Westen.

profil: Wie haben Sie Ihre Auswahl getroffen?
Szeemann: Für mich gibt es eine Kunstgeschichte der intensiven Intentionen. Wenn ich so ein Riesengebiet absuche, dann denke ich immer daran, was man hier maximal als Welt zeigen kann. Ich versuche, die intensivsten zu nehmen.

profil: Ist die Kunst im Westen uninteressant geworden?
Szeemann: Natürlich gibt es auch hier eine Menge interessanter Künstler. Aber irgendwas ist da verloren gegangen. In den sechziger Jahren haben ein Beuys oder ein Serra wirklich die Regeln verändert. Aber im Moment verändert im Westen ja niemand wirklich etwas.

profil: Gerade in Österreich gibt es auch eine gewisse Konjunktur von Ausstellungen mit Kunst aus Südosteuropa. Wo reiht sich „Blut & Honig“ da ein?
Szeemann: Ich finde es logisch, dass Österreich sich als Erstes darum bemüht, die saßen ja lange genug da unten! Ich wollte unbedingt dieses negative Basar-Image vermeiden, das bei solchen Ausstellungen häufig anzutreffen ist, wie bei der Grazer Ausstellung vom letzten Jahr, wo alles durcheinander gewürfelt war.

profil: „Balkan“ oder Südosteuropa als Ganzes ist ein etwas summarischer Zugang, es gibt ja auch große Differenzen in der Region.
Szeemann: Aber die werden durch die Künstler ja betont! In Zagreb gibt es zum Beispiel eine sehr formbewusste Tradition in „strengeren“ Kunstrichtungen wie Minimalismus oder Kinetik. Es gibt also keinen gemeinsamen Stil. Von der türkischen Künstlerin Esra Ersen etwa zeigen wir die Arbeit „Im Strafraum“, wo drei türkische Mädchen die deutsche Fahne zerschneiden, das Schwarz weglassen und daraus die Fahne des türkischen Fußballklubs Galatasarai machen. Das finde ich sensationell, denn hier wird die ganze Problematik der türkischen Einwanderung behandelt.

profil: Warum ist der Westen in der Kunst so spannungslos geworden?
Szeemann: Weil alles so gesättigt ist. Schauen Sie sich nur die Kunstmärkte an, das hört ja nicht mehr auf.

profil: Aber Probleme gibt es inzwischen auch genug: soziale Deregulierung oder das ökonomische Auseinanderdriften der Gesellschaft.
Szeemann: Ich finde einfach weniger relevante Kunst im Westen.

profil: Ausstellungen wie Ihre sind auch Ausdruck eines gewissen Interesses des westlichen Kunstmarkts. Werden Arbeiten hieraus für die Sammlung Essl angekauft?
Szeemann: Herr Essl hat mich an verschiedene Orte begleitet, nach Thessaloniki, Skopje, Kosovo und Tirana. Er war ungeheuer interessiert, hat Künstlerateliers besucht von morgens um neun bis spätabends. Aber ob etwas von dem, was wir gesehen haben, auch in seinen Besitz übergeht, ist seine Geschichte.

profil: Können die Leute, die Sie ausstellen, von ihrer Kunst auch leben?
Szeemann: Man sieht es ja an den Versicherungswerten, die da eingesetzt werden: 500 Euro für Werke, die bei uns mindestens 20.000 Euro wert wären. Das zeigt, dass die Kunst in dem Kontext, in dem sie produziert wird, einfach keinen entsprechenden Geldwert hat! Aber dafür sind die Künstler in den Balkan-Ländern untereinander viel stärker vernetzt.

profil: Diese Ausstellung ist nicht Ihre erste in Wien. Was hat sich für Sie verändert?
Szeemann: Wenn ich zurückdenke, dann war Wien früher mal der Osten, der nicht erschlossen war. Da gab es keine richtige Infrastruktur außer ein paar Galerien. Aber schon ein paar Jahre später, so um 1978, hat sich das verändert. Seither wird Wien immer flashiger. Allerdings ist nicht alles gelungen, zum Beispiel beim so genannten Museumsquartier, wo Milliarden verlocht wurden.

profil: Ist Wien eine Weltstadt geworden?
Szeemann: Es ist einfach eine schöne Stadt, oder?

profil: Denken Sie noch immer nicht an den Ruhestand?
Szeemann: Mit meiner Schweizer Pension von 1500 Franken kann ich leider nicht leben. Da ich beschlossen habe, unabhängig zu bleiben, habe ich auch auf alle Sicherungen verzichtet. Das halte ich durch, bis es mich legt.

Interview: Patricia Grzonka; Foto: Helene Waldner

Autor:


© profil bzw. profil Online - Wien, 2003. Alle Inhalte dienen der persönlichen Information. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.