Der Kurator Harald
Szeemann über Solidarität und Kunst aus Südosteuropa, über das alte
und das neue Österreich und über die Allgegenwart des
Balkans.
profil: Was hat der Leichenwagen von Franz Ferdinand mit
Ihrer neuen Ausstellung zu tun? Szeemann: Er markiert das Ende von Österreich und
setzt zugleich den Schlusspunkt einer Folge von Balkankriegen. Man
kann den natürlich nur in Österreich zeigen, anderswo wäre er ja
nicht subversiv. Aber „Balkan“ bedeutet ja überall etwas anderes:
Die Franzosen sagen, Deutschland ist Balkan, die Engländer sagen,
Frankreich ist Balkan, und Rumsfeld sagt, ganz Europa ist Balkan.
profil:
Was genau ist der Balkan also? Szeemann: Das habe ich mich auch gefragt. Ein
Kurator aus Skopje meinte, Balkan heiße auch „Blut und Honig“. Damit
ist der Titel meiner Ausstellung nun doppelt subversiv, weil es ja
in Österreich auch Künstler gibt, die mit Blut arbeiten. Und um das
Ganze positiv zu drehen, kam noch der Untertitel „Zukunft ist am
Balkan“ hinzu.
profil: Wie kam es zu dieser Ausstellung? Szeemann: Seit der letzten Biennale in Venedig
habe ich angefangen, den Balkan zu bereisen, um mehr von diesen
Leuten zu zeigen. So bin ich nach Bulgarien gefahren, nach Armenien,
in die Ukraine und hab dort vor allem diskutiert. Ich war aber nicht
daran interessiert, eine normale Gruppenausstellung zu machen,
sondern eher etwas in der Art wie die von mir kuratierten
Präsentationen „Austria im Rosennetz“ oder „Visionäre Schweiz“.
profil:
Eine thematische Ausstellung also? Szeemann: Eine Welt zu machen aus dem Vorhandenen.
profil:
Eine Welt von Harald Szeemann? Szeemann: So ist es. Na gut, Karlheinz Essl hat
mich schon vor längerer Zeit zu einer Ausstellung eingeladen, und da
ich ja immer fand, dass Wien eigentlich der richtige Ort für so ein
Unterfangen ist, habe ich zugesagt. Auch weil man dann diesen
Leichenwagen von Franz Ferdinand nochmal zeigen kann.
profil: Und nun setzt
der Leichenwagen den Schlusspunkt der Ausstellung? Szeemann: Nein, er steht mittendrin! Und zwar
deshalb, weil er im Essl-Museum nicht durch alle Türen geht. Dazu
kommt ein Dracula-Bildnis aus dem Schloss Ambras bei Innsbruck. Und
dann fand ich noch eine so genannte Orgon-Maschine von einem
bulgarischen Künstler, und die stell ich jetzt auch noch zum
Leichenwagen. So gibt das eine ganz muntere Kombination.
profil: Wo
bleibt die zeitgenössische Kunst? Szeemann: Die beginnt dann mit der Ironisierung
des Sozialistischen Realismus und den frühen Avantgardevideos von
Marina Abramovic und Rasa Todosijevic.
profil: Früher war eines
der Hauptmerkmale der Kunst aus Südosteuropa die starke Einbeziehung
des Körpers. Welche Themen werden nach den großen politischen
Umbrüchen heute vor allem behandelt? Szeemann: Natürlich auch das Trauma des Krieges!
Aber man findet auch fröhliche Welten, voller Ironie, voll Glauben
und Glaubensverhunzung, ethnische Probleme, Verarbeitung von
Geschichte, das wird alles behandelt. Es gibt auch ein neues
Selbstbewusstsein, wenn die slowenische Künstlergruppe Irwin jetzt
erstmals eine Kunstgeschichte ohne den Westen zeigt. Das finde ich
wunderbar.
profil: Es gibt eine Reihe sehr erfolgreicher Künstler bei
uns, etwa Anri Sala, dessen Retrospektive zurzeit in der Wiener
Kunsthalle zu sehen ist. Womit hat dieser Erfolg zu tun? Ist es die
Suche des Westens nach „dem Anderen“? Szeemann: Anri Sala kam ganz früh mit einem
Stipendium nach Paris, und der ist einfach gut. Ich habe Sala ja
auch schon auf der Biennale gezeigt.
profil: Sala ist aber
gerade auch jemand, der sich gegen die Bezeichnung „Balkan-Künstler“
wehrt. Szeemann: Es gibt Leute,
die finden das bereits zu geopolitisch, aber das ist in jedem Land
dasselbe. Nicht nur auf dem Balkan. Aber ich sage eben, Zukunft ist
am Balkan, weil der ganze Westen doch wirklich ziemlich farblos
geworden ist. Ich meine, da ist einfach keine Subversivität mehr!
profil:
Was ist denn für Sie subversiv? Szeemann: Subversiv ist Kunst dann, wenn sie in
ihrer Tradition verwurzelt ist, dabei aber die eigenen Tabus
angreift.
profil: Ein Klischee von so genannter Ostkunst besagt ja
auch, dass alle Künstler vorwiegend nach dem Westen schauen.
Szeemann: Nun, in Moldawien
schauen die Künstler nach Osten! Die gehen zu den Mongolen und nach
Aserbaidschan, was für sie spannender ist als der Westen.
profil:
Wie haben Sie Ihre Auswahl getroffen? Szeemann: Für mich gibt es eine Kunstgeschichte
der intensiven Intentionen. Wenn ich so ein Riesengebiet absuche,
dann denke ich immer daran, was man hier maximal als Welt zeigen
kann. Ich versuche, die intensivsten zu nehmen.
profil: Ist die Kunst im
Westen uninteressant geworden? Szeemann: Natürlich gibt es auch hier eine Menge
interessanter Künstler. Aber irgendwas ist da verloren gegangen. In
den sechziger Jahren haben ein Beuys oder ein Serra wirklich die
Regeln verändert. Aber im Moment verändert im Westen ja niemand
wirklich etwas.
profil: Gerade in Österreich gibt es auch eine gewisse
Konjunktur von Ausstellungen mit Kunst aus Südosteuropa. Wo reiht
sich „Blut & Honig“ da ein? Szeemann: Ich finde es logisch, dass Österreich
sich als Erstes darum bemüht, die saßen ja lange genug da unten! Ich
wollte unbedingt dieses negative Basar-Image vermeiden, das bei
solchen Ausstellungen häufig anzutreffen ist, wie bei der Grazer
Ausstellung vom letzten Jahr, wo alles durcheinander gewürfelt war.
profil:
„Balkan“ oder Südosteuropa als Ganzes ist ein etwas summarischer
Zugang, es gibt ja auch große Differenzen in der Region.
Szeemann: Aber die werden durch
die Künstler ja betont! In Zagreb gibt es zum Beispiel eine sehr
formbewusste Tradition in „strengeren“ Kunstrichtungen wie
Minimalismus oder Kinetik. Es gibt also keinen gemeinsamen Stil. Von
der türkischen Künstlerin Esra Ersen etwa zeigen wir die Arbeit „Im
Strafraum“, wo drei türkische Mädchen die deutsche Fahne
zerschneiden, das Schwarz weglassen und daraus die Fahne des
türkischen Fußballklubs Galatasarai machen. Das finde ich
sensationell, denn hier wird die ganze Problematik der türkischen
Einwanderung behandelt.
profil: Warum ist der
Westen in der Kunst so spannungslos geworden? Szeemann: Weil alles so gesättigt ist. Schauen Sie
sich nur die Kunstmärkte an, das hört ja nicht mehr auf.
profil:
Aber Probleme gibt es inzwischen auch genug: soziale Deregulierung
oder das ökonomische Auseinanderdriften der Gesellschaft.
Szeemann: Ich finde einfach
weniger relevante Kunst im Westen.
profil: Ausstellungen
wie Ihre sind auch Ausdruck eines gewissen Interesses des westlichen
Kunstmarkts. Werden Arbeiten hieraus für die Sammlung Essl
angekauft? Szeemann: Herr Essl
hat mich an verschiedene Orte begleitet, nach Thessaloniki, Skopje,
Kosovo und Tirana. Er war ungeheuer interessiert, hat
Künstlerateliers besucht von morgens um neun bis spätabends. Aber ob
etwas von dem, was wir gesehen haben, auch in seinen Besitz
übergeht, ist seine Geschichte.
profil: Können die
Leute, die Sie ausstellen, von ihrer Kunst auch leben?
Szeemann: Man sieht es ja an den
Versicherungswerten, die da eingesetzt werden: 500 Euro für Werke,
die bei uns mindestens 20.000 Euro wert wären. Das zeigt, dass die
Kunst in dem Kontext, in dem sie produziert wird, einfach keinen
entsprechenden Geldwert hat! Aber dafür sind die Künstler in den
Balkan-Ländern untereinander viel stärker vernetzt.
profil: Diese
Ausstellung ist nicht Ihre erste in Wien. Was hat sich für Sie
verändert? Szeemann: Wenn ich
zurückdenke, dann war Wien früher mal der Osten, der nicht
erschlossen war. Da gab es keine richtige Infrastruktur außer ein
paar Galerien. Aber schon ein paar Jahre später, so um 1978, hat
sich das verändert. Seither wird Wien immer flashiger. Allerdings
ist nicht alles gelungen, zum Beispiel beim so genannten
Museumsquartier, wo Milliarden verlocht wurden.
profil: Ist Wien eine
Weltstadt geworden? Szeemann: Es
ist einfach eine schöne Stadt, oder?
profil: Denken Sie noch
immer nicht an den Ruhestand? Szeemann: Mit meiner Schweizer Pension von 1500
Franken kann ich leider nicht leben. Da ich beschlossen habe,
unabhängig zu bleiben, habe ich auch auf alle Sicherungen
verzichtet. Das halte ich durch, bis es mich legt.