22.10.2003 21:10
Die Matrix im Schließfach
Ein
"Data Spind" wird für die kommenden zwei Jahre das Zentrum des "medien.
Kunstlabors" im Kunsthaus Graz bilden. - Foto
Die Schließfachanlage versucht, virtuelle Weiten real greifbar
zu machen.
"Der Medienkunst geht es momentan nicht gut." Der Medienkünstler Franz
Xaver, der das medien.Kunstlabor im Grazer Kunsthaus mitbetreut, macht sich
keine Illusionen über die Rezeption von Netzkunst außerhalb kundiger
Insiderkreise - respektive ihre Rezipierbarkeit, geht doch die Kunst im Netz
allzu leicht unter, verliert sich in der Matrix, die ständig Neues generiert und
Trash zuhauf.
Die Bilder mögen darin noch so "kunstig" flackern; am Ende
sei das alles aber nicht mehr transportabel. Seit mehreren Jahren arbeiten Ute
Angeringer und Wolfgang Reinisch an einer "Bestandsaufnahme" von Kunstprojekten
im Internet, einer Enzyklopädie zur Netzkunst in der Steiermark rund um
Plattformen wie mur.at oder xarch.
Dazu fehlt es jedoch bislang an
tauglichen Archivierungswerkzeugen. "Der Geschwindigkeit des Mediums
entsprechend unterliegen Daten permanenten Veränderungen, durch unterschiedliche
Benutzerabhängigkeiten werden sie verschieden rezipiert; durch Absturz,
Änderungen in den Systemen, mangelnde Wartung gehen sie verloren, ohne
Spurensicherung."
Die ursprünglich euphorische Vorstellung, welche das
Internet als unerschöpflichen Speicher aller Information sah, habe sich
relativiert: "Mit der Geschwindigkeit, mit der die Menge an Informationen
ansteigt, scheint sich die durchschnittliche Halbwertszeit von Netzprojekten zu
verringern."
Das Ganze bräuchte also einen Rahmen, würde der
Normalverbraucher meinen, so etwas wie eine sichtbare Begrenzung, die
mundgerechte, aber delikate Stückchen vorab garantiert, respektive einen Ort, an
dem die Inhalte, zumindest wohl dem Anschein nach, ein Stück weit Wurzeln
schlagen könnten.
Der Vielfalt verstreuter Netzkunst endlich beizukommen
würde demnach meinen, das virtuelle Gewebe mit haptischen Qualitäten zu
versorgen, der Ortlosigkeit der von überall in alle Richtungen führenden
intergalaktischen Achterbahn zu begegnen, dem Netzwerk selbst ein Gramm
Wahrnehmbarkeit zu gönnen - solchem naiv-heroischen Ansinnen steht in Graz nun
für die Dauer der nächsten zwei Jahre eine tastbar, wenn schon nicht Fleisch
gewordene Verkörperung zunutze.
Auf den ersten Blick ist der von Franz
Xaver für das medien.Kunstlabor entwickelte "Data-Spind" nämlich so ein Ort.
Zuvorderst versteht er sich als skulpturales Statement. Das minimalistische
Behältnis entspricht optisch ziemlich genau dem, was als Schließfachwand in
jedem Bahnhof herumsteht, dazu bereit, für kurze Zeit die unterschiedlichsten
Dinge in sich aufzunehmen, zu verstauen.
Nicht länger verborgen soll
jedoch der Inhalt der 60 Fächer sein. Offen wird zutage liegen, was in ihnen
untergebracht ist: Rechner von Künstlern, Netzwerk- und Communitydesignern,
jeweils gratis ausgerüstet mit Strom und hoher Bandbreite: "Die Betreiber sind
dann in ihren Rechnern präsent." - Und trotzdem sieht man nicht wirklich viel
von ihnen. Zu bestaunen sind Computer-Rücken, die entzücken, weil in
bläulich-coole Beleuchtung getaucht, wie sie manch Computer-Prolo zum Aufmotzen
seines Gehäuses - sprich: Ofen am Datenhighway - gern verwendet.
Hier wie
dort dient das blaue Licht zur Stimmungsmache angesichts der hohen Technik,
synergetisch beigestellt dem Rauschen der zig Ventilatoren, welche die Hardware
vor dem Heißlaufen bewahren. Darauf wartet man bereits gespannt. Das wäre dann
der Inkorporation ultimativer Kick, besinnt man sich aufs "Rauschen" als
kybernetischen Informationsbegriff.
Bindeglied zwischen Netz
und Welt
Kein System "Schöne-Webseiten-Server" ist freilich
angedacht. Die Netzkunst hat sich sowieso schon immer gegen die digitale
Abbildung analoger Bildformen gestellt, auch keine Plattform soll entstehen, auf
der sich Interaktivität zwingend nach Art engagierter Laienspielgruppen
einstellte, dem trauten Verweilen im Mit- und Füreinander folgend. Die Rechner
stehen nebeneinander, damit erschöpft sich ihre Gemeinsamkeit.
Franz
Xaver versteht sich als Bindeglied zwischen den Netzwerkaktivisten und dem Rest
der Welt. Das Wort "Kunst" wird hier vermieden, schließlich gehörte der
traditionelle, kommerzielle Kunstbetrieb samt essenzialistischen Autor- und
Werkbegriff zu den ersten Zielen der provokationsbereiten Netzszene. Er will die
"Leute aus den Kellern rausholen und in einen adäquaten Raum stellen" - der dann
aber doch wieder ein Kunstraum sein darf.
So ergibt sich ein
Wechselspiel zwischen alt-verträumtem Rahmen, der auch im Fall des Kunsthauses,
das samt origineller Fassadenbespielung ein ewig leuchtend-flackerndes Ereignis
darstellen will, noch traditionell genug ausfällt, und jener grenzenlosen Weite,
in welcher sich verborgen, doch allgegenwärtig das Netz spannt.
1994,
bevor das Internet auf allen Schirmen offen stand, war die "Elektronische
Galerie", die Franz Xaver gemeinsam mit Max Kossatz auf den Weg quer durch
Österreich brachte, gewissermaßen der Prototyp des nunmehr institutionalisierten
medien.Kunstlabors, als Versuchsanordnung an der Schnittstelle zwischen Kunst
und Technologie konzipiert, die, frei nach Kosuth, einen Sender neben einem
TV-Gerät und ein schwülstig barock eingefasstes TFT-Display exponierte und 50
Künstler einlud, den damit etablierten Kunstkanal per Telefon oder per Fax mit
Bildmaterial zu speisen.
Unter Verschluss
Heute
klingt das stark nach Höhlenmalerei, das Internet ist bald in jeder Dose, greift
zunehmend ins Leben ein, und Franz Xaver steht dem Ganzen durchaus skeptisch
gegenüber, hält die Entwicklung nicht für gänzlich ungefährlich. Die
Schließfachwand wirkt, so gesehen, auch beruhigend, stellt quasi die Umkehrung
der im Film Matrix entwickelten Endzeitvision her: Es sind noch die Maschinen,
die eingeschlossen am Tropf hängen und eifrig ventilieren. (DER STANDARD,
Printausgabe, 23.10.2003)