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Kunstberichte
"Tactics of Invisibility": Künstlerische Positionen aus der Türkei

Fragiles Kunstgefüge

Installation mit 21 türkischen Schuluniformen von Esra Ersen. Foto: Saxinger/Ersen/OK OÖ

Installation mit 21 türkischen Schuluniformen von Esra Ersen. Foto: Saxinger/Ersen/OK OÖ

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Aufzählung Wenn Francesca Habsburg diese türkischen Eroberungen durch die postminimalistische und konzeptuelle Künstlerszene ihres Kunstraums noch einmal auf 1683 bezieht, ist die politische Dimension der gezeigten Arbeiten angesprochen. Außerdem ist es das erste Mal, dass eine Ausstellung nicht nur speziell für das Haus konzipiert wurde, sondern auch in Istanbul und Berlin gezeigt wird.

Doch einige spezielle Referenzen gibt es dann doch – so hat Cevdet Erek mit seinem Soundnetz den Hof abgedeckt. Kunst hält also hier fast unsichtbar die Tauben fern und ist wie in den anderen Räumen sehr oft auch fast nur zu hören. Die Unsichtbarkeiten sind also zuweilen Erweiterungen des Kunstraums, die Taktik meint das Ansprechen unserer vernachlässigten Sinne.

Trotzdem bieten hier drei Künstlergenerationen, viele davon schon international bekannt wie Kutlug Ataman, Ayºe Erkmen oder Füsun Onur und der in Paris lebende Sarkis, auch den Augen besondere Erlebnisse. Kritisch beleuchtet tauchen viele unserer Vorurteile und althergebrachten Exotismen – die Türkei betreffend – in dieser Schau auf. Der Harem, der fliegende Teppich, der Schleier und das nächtlich Unheimliche, wobei Letzteres im Werk von Hale Tenger den Bezug zu Wien und dem Erfinder der psychoanalytischen Finsternis im Unbewussten anspricht.

Als Empfangswand bietet die verbaute Baustelle in der Himmelpfortgasse durch eine Fotografie-Installation einen Blick auf einen Platz in der Türkei. Erst beim zweiten Hinsehen ist ein Minarett hinter einem Park erkennbar. Eine Arbeiterstatue aus Stein, 1973 als Kunst im öffentlichen Raum aufgestellt, zeigt sich dekonstruiert, ist aber als einzige aus dem damaligen Projekt im Hafen von Istanbul noch ohne Kopf und Arme erhalten. Die Gruppe Hafriyat dokumentiert damit auch die Geschichte der Migration der türkischen Arbeiter in den 70er Jahren nach Europa. Hier wird das Unsichtbare realpolitische Erzählung.

Füsun Onurs "Dream of Old Furniture" bringt Möbelskulpturen ins Spiel, die auch an den fliegenden Teppich in unseren Märchen der Kinderzeit erinnern – die stille Poesie zwischen den Dingen steht fast in Gegensatz zu Sarkis Objekten, die Messer und Holz neben einem Wasserfall aus Magnettonbändern verbinden mit der Aufschrift "Kriegsschatz" – eine Anspielung auf Richard Wagner und John Cage, vor allem jedoch auf nomadische Strukturen im Leben des Künstlers.

Abendländische Utopie

Ambivalenzen auch in wesentlichen türkischen Geschichten: Die Geschichte des Harems im Serail von Istanbul wird durch Inci Eviner gnadenlos witzig analysiert. Sexualisierte Körper führen uns die abendländische Utopie vor, die mit dem Harem fälschlich in Verbindung gebracht wurde. Dazu passt das Turnen als Ertüchtigung und Versprechen auf langes Leben im schönen Körper in Nilbar Güreº Foto-Triptychen "Unknown Sports". Doch hier ist die feministische Sicht ebenso hintergründig bedacht wie die der Unterschiede von West und Südost im Zeigen des Körpers. Fragile Konstrukte der Kunst antworten auf ein ebenso fragiles Gefüge unserer Gesellschaften, hoffentlich auch mit allen Begleitveranstaltungen, Performances und der ausgelagerten Installation von Schuluniformen türkischer Kinder in der Arbeit von Esra Ersen im Klaus Engelhorn Depot in Ottakring.

Aufzählung Ausstellung
Tactics of Invisibility
TB A21
bis 15. August

Printausgabe vom Freitag, 16. April 2010
Online seit: Donnerstag, 15. April 2010 17:47:00

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