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Kunstberichte

Die Formenrevolution im Spucknapf

Albertina präsentiert mit "Die Erfindung der Einfachheit" eine spannende Wanderschau über das Biedermeier
Illustration
- Bunte Schlichtheit – hier im Ranftbecher . . .

Bunte Schlichtheit – hier im Ranftbecher . . .

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Mit der Wanderausstellung "Die Erfindung der Einfachheit", die zuvor in Milwaukee, nach der Albertina in Berlin und im Louvre präsentiert wird, bekommt das Biedermeier neue kunsthistorische Akzente. Nach dem Fall der Ideologien ist die Entdeckung wieder möglich, dass dieser Stil vom Adel besonders geschätzt wurde und keineswegs eine Erfindung des Bürgertums war.

Schon der zweite Besitzer der Albertina, Erzherzog Karl, ist neben dem legendären Erzherzog Johann ein Paradebeispiel für die Liebe zur einfachen Form: er gab 1820 den Auftrag an die Tischlerwerkstätte Joseph Danhauser, das Palais radikal zu modernisieren. Drei der Exponate werden in den Prunkräumen bleiben, weitere werden in Zukunft angekauft oder ausgeliehen werden, um den ursprünglichen Eindruck zumindest teilweise zu rekonstruieren.

Von der Tapete bis zum Gletscherbild

Dieses Faktum beantwortet auch die Vielfalt an Objekten: neben Bildern und Zeichnungen sind Möbel, Glas, Silber, Porzellan, Stoffe und Tapetenmuster wie auch die Geräte zur naturwissenschaftlichen Forschung ausgestellt. Eine ebensolche Vielfalt herrscht bei den Kuratoren: neben Direktor Klaus Albrecht Schröder und Marie Luise Sternath in Wien haben auch die Experten für Möbel und Kunstgewerbe, Christian Witt-Döring und Paul Asenbaum, sowie Laurie Winters, Hans Ottomeyer und Albrecht Pyritz Erkenntnisse eingebracht. Die Kooperation mit Berlin zeigt deutlich, dass sich nach dem Wiener Kongress die neue Mode aufgeklärter Monarchen in europäischen Städten ausbreitete: vor allem in Kopenhagen, München, Dresden und Berlin.

Was früher immer am Rande der Romantik als parallele Strömung eingemeindet wurde wie die Nazarener, wird – wegen der speziell akribischen Auseinandersetzung mit der Natur – hier angegliedert. Der Maler Joseph Anton Koch mit seinen Ideallandschaften vor Alpenkulisse etwa, deren Gletscher dann Thomas Ender direkt vor der Natur einfängt. Aber auch der Kollege und Nachahmer Caspar David Friedrichs, Carl Gustav Carus, wird da neben Georg Friedrich Kersting gereiht.

Sensationell sind die Leihgaben von Christoffer Wilhelm Eckersberg oder die Reiterbilder von Wilhelm von Kobell; Ferdinand Georg Waldmüllers Porträts und Landschaften sowie Moritz Michael Daffingers Blumen dürfen natürlich nicht fehlen. Spannend für Künstler ist die Abteilung mit Johann Wolfgang Goethes Farbenlehre, für Freunde der Stadtvedute sind Eduard Gaertner und die Interieurs Jakob Alts die Gegenüberstellung zur Aufnahme der Natur.

Anhand vieler Objekte ist zu entdecken, dass neben dem einfachen Ornament auch abstrakt-geometrische Formen auftauchen: vor allem hölzerne Spucknäpfe sind ganz besondere Beispiele, auch wenn man sich heute ihre Benützung im Zimmer nicht mehr gerne vorstellt. Die Reihen von verschiedenen Sesseln zeigen die Wandlung vom antikenbegeisterten Empire zur reduzierten Form, die das Art déco vorwegnimmt.

Auch Jugendstilmeister wie Josef Hoffmann und Kolo Moser haben sich bekanntlich am Biedermeier orientiert – und so stehen die Kürbisvase und manche Silberkanne und Pfanne wie Vorgänger der Wiener Werkstätte und des Bauhauses in ihren Vitrinen.

Durch die zarten Grün- und Blautöne der Wände wird auch die Strahlkraft mancher Objekte originalgetreu unterstrichen.

Die Erfindung

der Einfachheit

Albertina

Bis 13. Mai

Schlicht statt bieder.

Donnerstag, 01. Februar 2007


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