„play it again“ – diese aus dem Kultfilm „Casablanca“ entlehnte Aufforderung hat der Wiener Künstler Timotheus Tomicek neben sein an berühmte niederländische Malerei erinnerndes Foto eines Mannes mit Steinschleuder gekritzelt. Es ist Teil der fulminanten fotografischen Wandinstallation „in Relation“. Gezeigt wird sie neben anderen Lichtbild-Delikatessen in der Landesgalerie, die sich bei dieser ersten Triennale Linz1.0 unter dem Motto „update“ auf Fotokunst konzentriert.
Tomiceks brillante, ebenso ästhetisch reizvolle wie inhaltlich skurrile Doppelbödigkeit und seine subtil ironischen Bezüge zur Kunstgeschichte sind symptomatisch für das neue grenzüberschreitende Linzer Kunstfestival. Im Organisations- und Präsentations-Dreier von OK, Lentos und Landesgalerie soll es – anhand der Arbeiten von 114 Kunstschaffenden – einen Überblick über aktuelle Kunst in Österreich geben. Nun: Die Präsentationen, denen Projekte und Performances im öffentlichen Raum angeschlossen sind, legen dabei auch Stärken und Schwächen der einzelnen Häuser bloß.
Göttlicher Gips-Hintern
So fragt man sich etwa, warum das Lentos sogar bei der Premiere dieses Kunstfests wieder nur kleckert statt klotzt. Nichts gegen die phänomenale Sammlungsausstellung – aber den Einstieg in eine Triennale erwartet man sich umfassender als dieses irgendwie zerfleddert anmutende Anhäufen von Kunstwerken in zwei Räumen.
Selbst das exemplarisch gute, große, kuriose, von Ventilatorenwind bewegte Kartonhäusl-Mobile von Lorenz Estermann wirkt in diesem kaum strukturierten Ambiente des großen Saals seltsam unspektakulär. Und die frauenherzerfrischenden Malerei-Fotocollagen von Ursula Hübner, von der auch der prachtvolle Container-Triumphbogen auf dem Hauptplatz stammt, haben hier nicht jene Intimität, die sie brauchen. Hingegen hat Barbara Eichhorns eindringlicher, gezeichneter Fokus auf die Krankheit ihrer Mutter in diesem riesigen Saal paradoxerweise kaum den Platz, um das Werk im Gesamten gut zu vermitteln.
Und dass der über allem schwebende Weihrauch-Duft dem großen, dermaßen „göttlich“ furzenden Gips-Hintern von Ines Doujaks „Hera“ entweicht, ist im Vielerlei der 22 Arbeiten nicht wirklich exakt zu orten. Fein sind im Lentos jedoch die zehn Videoprojekte im Untergeschoß, das sich dafür eben auch ideal eignet.
Immense Sogwirkung
Was eine gute Ausstellungsarchitektur bewirken kann, demonstriert die Landesgalerie mit prägnanten Nischen für fotografische Meisterwerke. Hier sind die Lichtbildkünstler bestens aufgehoben. Gerlinde Miesenböcks „das Erbe“ etwa – eine meisterhafte Inszenierung familiärer Strukturen. Auch Sissi Farassats nachgestickte und mit ihrer Rückseite gezeigte Fotos „Die Müllers“, auch Songül Boyraz’ sarkastisch überhöhte Plakate zum Thema Rassismus. Wer sich jedoch ohne Vorkenntnisse der Landesgalerie nähert, wird außen, in Eingangsfoyer sowie Stiegenaufgang, kaum gewahr, dass sich hier ein großes neues Kunstereignis abspielt.
Und im OK bleibt unverständlich, warum hier nicht auch – wie in Lentos und Landesgalerie – ein informativer kleiner Textkatalog über die Arbeiten aufgelegt wird.
Genial gelungen ist dem OK aber der Umgang mit den Räumen und der Höhenrausch-Steg-Landschaft: Mara Mattuschkas grandiose Malerei-Video-Soundinstallation „Brennender Palast“ etwa, Susi Jirkuffs phänomenale Konturvideos und -zeichnungen zum Thema Populärmusik. Katharina Lackners täuschend poetisches Spiel mit Wahrnehmungen, Norbert Pfaffenbichlers digitale Porträtfoto-Verzerrungen, Leopold Kesslers perfides, über ferngesteuerte Lockenten aufgenommenes Video einer Entenfütterung in Malmö, um nur einige aus dem überaus reichhaltigen Pool herauszunehmen.
Trotz aller Kritikpunkte kann man hier leicht versacken. Denn die Triennale Linz1.0 ist ein Kunst-Bermuda-Dreieck mit immenser Sogwirkung.