Im sogenannten Freihausviertel im vierten
Wiener Gemeindebezirk haben sich in der Schleifmühlgasse seit nunmehr drei
Jahren mehrere Galerien angesiedelt, die ein gutes, junges und
internationales Programm bieten.
Das Kulturjahr 2003 beginnt in dieser jungen "Kunst-Zone" diesmal bei
Georg Kargl mit einer Gruppen-Ausstellung. Bereits vor einem Monat hat der
Kölner Konzeptkünstler Thomas Locher in der Galerie Bernhard Kraus in
Mannheim eine Ausstellung zum Thema "Reproduktion" zusammengestellt. Nun
hat er eine Reihe weiterer internationaler Künstler zu demselben Thema
nach Wien eingeladen.
Marxistische Theorie
Reproduktion ist ein junger Begriff und hat einen Ursprung in der
marxistischen Terminologie. Dabei geht es um industrielle Produktion die
Waren fertigt, die zwar gleich, aber nicht identisch sind.
Die Reflexion über Produkte und die daraus gewonnen Erfahrungen fließen
schließlich in die Reproduktion ein. Mehrwert, Wert und Ware sind komplexe
Verhältnisse in der Systemtheorie.
Zwei Schriften
1848 schrieb Karl Marx "Das kommunistische Manifest". 1934/35 entstand
Walter Benjamins weitreichendes Buch: "Das Kunstwerk im Zeitalter der
technischen Reproduzierbarkeit". Darin überlegt Benjamin anhand der
Fotografie, inwieweit das Kunstwerk seine Aura durch das ständige Abbilden
von Natur behalten könnte. Das Kunstwerk würde durch die Fotografie einer
Art Inflation unterliegen.
Heutige Reproduktion
Heute sind wir weit davon entfernt zu glauben, dass Reproduktion ein
Kunstwerk entwertet. Vielmehr funktioniert das Vermitteln von Botschaften
ohne Reproduktionstechniken nicht mehr.
Ob analog oder digital - Kunstwerke tauchen in Katalogen, Artikel, in
TV-Sendungen und im Internet auf. Werke müssen ihren Rezipienten
erreichen. Dennoch erwarten wir von Kunst, dass sie auf eine gewisse Dauer
angelegt ist.
Schauobjekte
In der Ausstellung bei Georg Kargl sind daher auch Fotografien von
Rodney Graham, Dan Graham, Thomas Demand, Kathrin Knaps, Christopher
Williams und Rolf Walz zu sehen. Daneben reihen sich Gemälde, Videos und
Objekte.
Verhuschte Veduten
In dem kabinettähnlichen Durchgangsraum von Kargls Galerie sind kleine,
verwischte römische Veduten zu sehen, aufgenommen vom kanadischen Künstler
Rodney Graham. Sie machen den Eindruck von Gebäuden, die bereits unzählige
Male fotografiert wurden und auch als Postkarten verkauft werden könnten.
Wäre da nicht jener verwischte "verhuschte" Effekt, der die Arbeiten
charakterisiert.
Dan Graham
Hingegen zeigt Dan Grahams Fotografie "Living room of a modelhouse" von
1967 den amerikanisch perfekten Traum eines Wohnzimmers: Fauteuils mit
Kaffeetischchen in braun-gelb Tönen. Eine kritische Persiflage auf das
Wohlstandsamerika.
Angelnde Fischer
Amüsant die Nachkriegs-Gesellschaft persiflierend argumentiert Rolf
Walz. Der Berliner Künstler, Jahrgang 1958, verarbeitete ein Foto, das er
seit seiner Jugendzeit besaß.
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| "Wartende
Angler" |
Die Fotografie ist auf einem Leuchtkasten aufgezogen und trägt den
Titel: "Wartende Angler". Zu sehen sind zwei ältere Herren, die auf ihren
kleinen Einfamilienhäusern sitzen und im Teich fischen. Begleitet werden
sie von der Tochter eines dieser Herren. Liebevoller und ironischer kann
man das Nachkriegs-Deutschland gar nicht darstellen.