Berlin
Biennale
Bis 18. 4.

Berlin - "Hub" heißt das neue In-Wort der Kunstszene. Wir kannten etwa Rhizom oder Cluster, nun gibt’s Hub. Das Wort, übersetzt etwa "Drehscheibe", ist dem Computer- wie Flughafenverteilerbereich entnommen. Ute Meta Bauer, seit 1996 Professorin an der Wiener Akademie, Mitkuratorin der vorigen Documenta, verwendet diesen Begriff in Bezug auf den temporären Charakter der von ihr geleiteten "3. berlin biennale für zeitgenössische kunst". Wer Bauers Arbeit kennt, wird nicht verwundert sein, dass das kommende Woche zu eröffnende Kunstereignis nicht um selbstreferenzielle Fragen der Kunst kreist, sondern sich auf die aktuelle politische Realität in dieser "krisengeschüttelten Zeit" (Bauer) konzentriert - gespiegelt in und an Berlin. "Es wird Zeit, Berlin unaufgeregt zu erleben" so Ute Meta Bauer zur Berliner Zeitung.
Aus dem Off der vorigen beiden Biennalen, das heißt auch aus dem unrenoviert- schmuddeligen ehemaligen Postfuhramt, will sie heraus. Diese Zeit sei vorbei, Berlin- Mitte ist "durchgentrifiziert". Womit sie durchaus Recht hat. Die eher beschauliche Veranstaltung wird quasi staatstragend neben dem Ausstellungsort "Kunst-Werke" (Mitte) in den musealen Gropius- Bau in Kreuzberg, weiters ins Kino Arsenal am Potsdamer Platz getragen.
Diese Weitläufigkeit der Orte wie Themen für Berlin zu benennen, dazu ist "Hub" da. Fünf solcher von Künstler/innen verantworteten Hubs lässt die Biennale kreisen um - von jenen Beiträgen unabhängige - fotografische, malerische Werke und Videos von rund 50 Künstlern. Darunter aus Österreich das Wiener Label fabrics interseason, Matthias Poledna, Constanze Ruhm und der Musiker Florian Hecker. Film ("Anderes Kino", ausgewählt von John Nash), Architektur ("Urbane Konditionen"), Musik ("Sonische Landschaften") werden Thema sein. Hito Steyerl beleuchtet in Videoinstallationen "Migration" in den Euroscapes, vier exemplarischen Situationen/Handlungsräumen.
Regina Möller, die von sich sagt, "sie arbeitet als Künstlerin", übernimmt den Hub "Moden und Szenen". Vorgaben hatte sie von Ute Meta Bauer keine. Da "Mode" ein uferloses Thema sei, konzentriert sich Möller, welche im Gespräch mit dem Standard die Hubs "als verschiedene Wellenlängen von Gesellschaftsstrukturen" sieht, auf die unterschiedlichen Auffassungen von Mode in der ehemaligen DDR und in Westberlin. Staatliche Norm versus westlichen "normierten" Labelkult, könnte man sagen. Sie stellt auch Leute, etwa die von "Allerleirauh", vor, die aus den vorgegebenen Materialien in der DDR eigene, stark dem Westen entlehnte Bekleidungen schufen. Ein Ex-"Allerleirauh"-Mitglied, Bert Neumann, prägt jetzt übrigens die Szenen der Berliner Volksbühne.
Sie wolle dabei nicht im furchtbaren Ostalgie-Topf rühren, doch "Berlin kommt davon ganz schwer weg, jene Zeit, obwohl 15 Jahre vergangen sind, ist umso präsenter, je ärmer Berlin jetzt wird", sagt die in Berlin lebende gebürtige Münchnerin. In ihrer Installation, einer Art Collage von Schneiderbüsten, die als Informationsträger wie eine Ausstellungswand dienen, konterkariert Regina Möller die normierte Arbeiterkleidung der DDR mit dem westlichen Pseudo-Schmuddellook. Ihre eigene Linie "embodiment" fügt sich hier ein, da Möller die immer auf ihre Körpermaße geschnittenen, im Modulsystem verwertbaren und als limitierte Ausgabe produzierbaren Arbeiten als "Verkörperung aussagekräftiger Stoffe" versteht.
So ein Stoff kann etwa Grubentuch sein, aus dem die ehemalige Arbeitskleidung aus dem Ruhrgebiet besteht. Daraus konzipierte Möller ihre Linie, die auch das weiblich besetzte Interieur (Möbel, Teppiche) miteinbezieht. "Eine Nahtstelle von Kunst und Design, von Kunst und Kostümbild" nennt Möller ihre auch stark an der Alltagskultur und vor feministischem Hintergrund entstandenen Arbeiten.
Dazu gehört auch die Zeitschrift Regina, die jeweils zu Ausstellungen (aber nicht zur Biennale) erscheint und vordergründig an herkömmlichen Frauenzeitschriften wie Petra oder Brigitte orientiert ist. Nur wird in der Rubrik "Wohnen" etwa keine aufgeräumte Upperclass-Loft, sondern ein Frauenwohnprojekt vorgestellt. "Es ist keine Persiflage dieser Hefte", sagt Möller, die auf diesem Weg versucht, die Kunst in andere Bereiche zu verlagern. Im Kunstraum der Wiener Secession wird sie übrigens im September auftreten.
Der Körper als Bedeutungsträger, Mode als Zeichen: Themen, die auch die Biennale mitbestimmen. Denn, wie Möller auch Balzac zitiert: "Ein Narr, wer in der Mode nur die Mode sieht." (DER STANDARD, Printausgabe, 3.2.2004)