| Salzburger Nachrichten am 15. Mai 2006 - Bereich: Kultur
Das Getöse lenkt vom Inhalt ab Die Aufregung um
"Kontracom" könnte eine Auseinandersetzung mit dem Thema Altstadt
verhindern. Max Holleins Kunstparcours hat Stärken und Schwächen.
MARTIN BEHR SALZBURG (SN). So kann man sich täuschen. "Da werden die
Tickets für das Salzach-Schiff verkauft", erzählt eine Großmutter ihrer
wissbegierigen Enkelin. Die beiden stehen vor dem als Souvenirstand
getarnten Spiegelkabinett auf dem Hanuschplatz. In Wahrheit werden hier
Postkarten, die den ungewöhnlichen Verkaufsstand zeigen, feilgeboten. Das
Künstlerduo Michael Elmgreen und Ingar Dragset treiben übertriebenes
Selbstmarketing, wie es in Salzburg nicht unüblich ist, mit ihrer
Installation "Warm Regards" auf die Spitze. Alles ist eine Attraktion. Und
käuflich. Auch der eigene Ausverkauf. Die Aufregung wegen des auf dem Residenzplatz zur Landung gebrachten
Hubschraubers von Paola Pivi oder des hölzernen "Bauzauns" von Hans
Schabus hat sich noch nicht gelegt. Sie lenkt ab von einem der Kunst
adäquaten, professionellen Umgang mit kreativer Zeitgenossenschaft, das
Getöse übertönt die von dem Projekt "Kontracom" beabsichtigte
Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum, mit der Salzburger Altstadt
als "prägendem und belastendem Identifikationszentrum", wie Kurator Max
Hollein es nennt. Wer Salzburg in diesen Tagen besucht, kann einen Open-Air-Kunstparcour
aufsuchen, der Stärken und Schwächen hat (fehlende, oder in die Irre
führende Informationen führen bisweilen zu einer "Wo ist die
Kunst?"-Suche). Die Arbeiten haben insgesamt nicht jene
gesellschaftspolitische Brisanz, die etwa von der "Bezugspunkte
38/88"-Schau in Graz ausgegangen ist. Kurator Werner Fenz hatte im
"steirischen herbst" 1988 einen Meilenstein im Umgang mit Kunst im
öffentlichen Raum gesetzt. Von beliebigen urbanen Kunst-Möblierungen, wie
sie etwa im Rahmen von "Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europas" vorkamen,
unterscheidet sich "Kontracom" aber wohltuend. Im Vergleich zur
Provokation, die auf Berechnung fußt, wie etwa bei den angeblichen
"Pornoplakaten", die zum Jahreswechsel in der Wiener Plakataktion
"25Peaces" gezeigt wurden, erscheinen die "Kontracom"-Interventionen fast
schon kreuzbrav, zumindest aber gesittet. In Salzburg ist schon die harmlose Störung des Gewohnten eklatfähig.
Die durch Untergriffe und Inkompetenz aufgeschaukelte Volksseele und die
damit verbundenen Empörungswellen stellen eine Medienskulptur dar.
Gleiches gilt für den eine - offenbar nach pawlowschen Gesetzen
funktionierenden - Geisteshaltung, die einer Kunst abseits von
Repräsentation und Behübschung a priori negativ gegenübersteht. Schade,
dass es die subversive Unterschriftenaktion "Salzburg bleib frei!" von
Christoph Büchel überhaupt geben muss. In diesen auf pro oder kontra Hubschrauber beschränkten, ebenso rauen
wie einfältigen Kulturkampftönen gehen stimmige, aber weniger spektakuläre
"Kontracom"-Arbeiten leider unter. Auf famose Weise hat etwa die Türkin
Ayse Erkmen drei bunte Kugeln in eine Häuserlücke am Alten Markt gepfercht
und lenkt so den Blick auf einen vielfach übersehenen Spalt zwischen den
Architekturen. Neue Sehweisen werden gefördert, Assoziationen von Billard
bis zu den Mozartkugeln sind erlaubt: klug, spannend, witzig. Eine Irritation im wohl bekannten Barockambiente steuert auch Markus
Schinwald bei, er stiehlt der von Touristen gerne fotografierten
Rathausuhr eine Stunde. Die Arbeit "11" ist mehr als ein bloßer Gag. Ein
simpler Eingriff mit maximalen Interpretationsmöglichkeiten. Ist
Zeitmessung nicht ein Konstrukt? Wie relativ sind Zeitempfindungen? Das
verhinderte "High Noon" gleicht auch einer Schule des Sehens: Nicht alle,
die den Fotoapparat zücken, bemerken das manipulierte Ziffernblatt. Mit träge gewordener Wahrnehmung beschäftigt sich auch Olaf Nicolai,
wenn er Straßenmaler unübliche Motive auf den Asphalt zeichnen lässt. Kein
"Hase" von Dürer, kein Antlitz der Madonna ist hier zu sehen, sondern
Ausschnitte aus Alltag und Nachrichtenwelt: eine
"Olivetti"-Schreibmaschine oder das Antlitz einer HIV-positiven Miss.
Jonathan Meese, Senkrechtstarter aus Deutschland, versieht das Innere des
Siegmundtors mit einem Pandaimonion: Fratzen, Mischwesen und Dämonen
offenbaren sich für kurze Zeit den Verkehrsteilnehmern, ein Spruch mag als
Statement zur Lage dienen: "Habt Ihr Eure Mickrigkeit wieder zum Gesetz
erhoben?" In den Dombögen - wie angekündigt - sucht man den Film "Finally" von
Knut Asdam vergeblich, dafür rangeln zwei Männer und eine Frau auf einer
im Laubengang der Mirabellgartens aufgespannten Leinwand. Die
sozialhistorische Stadterkundung gehört ebenso wie das Spiegel-Raumschiff,
das auf dem Dach der Mirabellgaragen-Kasse gelandet ist (Michael
Sailsdorfer), zu den schwachen Positionen von "Kontracom". Verzerrte
Spiegelbilder gehören zum Standardrepertoire von urbanen Eingriffen, die
nächtlich aktivierten Lichtstrahler zielen auf den Effekt ab. Hans Schabus, der wegen seiner "Demolirer Polka" verbal heftig
attackiert wurde, hätte die Tore seines "Sichtschutzes" lieber geschlossen
gehabt. "Dass die Passanten das Tor auf- und zumachen, war leider nicht
möglich", sagt er. Zufrieden ist er dennoch: "Es ist wild zugegangen, aber
das passt schon." |