Iké Udé: Beyond Decorum

 

 

 

 

Angelika Bartl

 

 

MAK-Galerie
Wien
13.12.2000 - 4.2.2001

 

Wer bis 4. Februar die Gelegenheit hatte, Iké Udés Ausstellung »Beyond Decorum« in der MAK-Galerie zu sehen, fand dort einen Galerieraum vor, der zur Boutique geworden war. Zu einer Boutique, die in ihrem Angebot eine hierzulande vielleicht ungewöhnliche Mischung aus bearbeiteter Secondhand-Kleidung, Lifestyle-Magazinen, Postern und (künstlerischen) Fotografien, einer Sammlung von Titelblättern internationaler Zeitschriften und bedruckten Klodeckeln zeigt. Im New Yorker Stadtteil Williamsbourgh würde diese Mischung jedoch kaum überraschen. Iké Udés Ausstellung vermittelt ein perfektes Bild des Lifestyle der New Yorker »Scene«, in die er selbst eingebunden ist.
Der in Nigeria geborene Künstler lebt seit den frühen achtziger Jahren in New York, wo er, neben seiner Ausbildung in Massenkommunikation am Hunter College, seine künstlerische Karriere ursprünglich als Maler begann, um ab den neunziger Jahren immer mehr mit Kommunikationsmedien wie Fotografie, Film, Video, Fernsehen und Magazinen zu arbeiten. Es ist signifikant, dass Udé nicht nur einfach als »Künstler« tituliert wird, sondern es notwendig erscheint, ihn daneben auch als Model, Designer, Herausgeber und Dandy zu beschreiben. Diese Vielzahl an »Identitäten« spiegeln die gezeigten Arbeiten exakt wider: Iké Udé zunächst als Künstler, wenn man die Fotoserie »Uli« betrachtet, die nigerianische Bemalung auf Man Ray-haft fotografierten Körperteilen zeigt. »Iké Udé« steht aber auch auf den Designerlabels von gebrauchten Schuhen und hübsch gefalteten Secondhand-Hemden (»Beyond Decorum«), die sowohl als reale Objekte in einer Schauvitrine als auch auf der gegenüberliegenden Wand als Werbefotografien zu sehen sind. Iké Udé ist schließlich Model in einer ganzen Reihe von Arbeiten: »He Series« zeigt Udé mit divahaft grell geschminktem Gesicht in unterschiedlichen Posen und (Ver-)Kleidungen. »Be All You Can Be In The Army« steht unter einem großen Plakat, auf dem Udé in Uniform und mit üppigem Makeup salutiert. Die Serie »Cover Girl« zeigt Udé perfekt gestylt als »noble sauvage« auf dem Titelblatt der Zeitschrift »Town & Crown«, als »Man of the Year« am Cover des »Time Magazine«, als Diva mit Boxhandschuhen auf der »Sports Illustrated«, als »shy beauty« auf dem »Cosmopolitan« und so weiter. Darüber hinaus fungiert Udé als Designer von Sakkoinnenfutter und Klodeckeln. Wer ist Iké Udé nun wirklich? Wie sieht er aus, wenn er nicht verkleidet und geschminkt ist? Und in welcher der vielen gezeigten Rollen ist er authentisch? Die Antwort liegt auf der Hand: Es gibt keinen Iké Udé in diesem Sinn; er ist so nicht vorhanden.
Aussehen und Sex scheinen nicht zuletzt von den Massenmedien zu den letzten Refugien hochstilisiert worden zu sein, über die sich das moderne Individuum definieren kann. Diese beiden Bereiche können natürlich nicht abgekoppelt voneinander betrachtet werden. Sie umfassen gemeinsam Begriffe wie Mode, Hautfarbe, Gender und Transgender, Homo- und Heterosexualität und Pornografie: Themen, die in Udés Arbeit einen privilegierten Stellenwert einnehmen. So steht auf dem Cover von »Profil«, das er als Erweiterung seiner »Cover Girl«-Serie für die Wiener Ausstellung angefertigt hat, in großen Lettern: »Sexuelle Belästigung: Haiders Leibwächter sagt gegen seinen Chef aus«, während er selbst, wie ein Bodyguard gekleidet, finster hinter den Wörtern hervorlugt. Die Arbeit »Beyond Decorum« zeigt gebrauchte Hemden und Schuhe, in die anstelle des ursprünglichen Designerlabels sein eigener Name und anstelle der »washing instructions« pornografische Kontaktannoncen eingenäht wurden. Getragene Kleidung, sexuelle Praktiken, ein Designername: fetischisierte Platzhalter für ein abwesendes, wahrscheinlich überhaupt nicht vorhandenes Individuum. Auch wenn man danach suchen würde, jenseits des Dekors ist nichts zu finden. Aber das ist eigentlich schon längst bekannt, und wer begibt sich heute noch auf diese Suche?
Durch das unaufhörliche Wechseln von einer, nach medialen Kriterien perfekten Rolle in die nächste führt Udé diese ad absurdum, legt die Rolle als Schauspiel offen. Denn Mode, Geschlecht und Hautfarbe können Identität nicht mehr festlegen: Dies ist seit Judith Butler wohl allen klar. Allen? Vielleicht. Die Massenmedien kolportieren jedenfalls immer noch hartnäckig das Gegenteil und produzieren fleißig ideologische Stereotypen. Im Spiel mit diesen Klischees begibt sich Udé in immer neue hochglänzende Scheinidentitäten und kann sich gerade im Zelebrieren der Künstlichkeit, des Dandyismus, des Fliehens vor dem Authentischen Raum schaffen für eine Identität der Abwesenheit.
Vergleichbare Strategien existierten bereits Anfang der achtziger Jahre, als sich KünstlerInnen mit ähnlichen Fragestellungen zum Problem der Identität und deren Ökonomisierung in den Massenmedien beschäftigten. Was Udé von diesen Positionen unterscheidet, ist nicht so sehr seine besondere biografische Situation als nigerianischer Einwanderer, der sich, selbst in einer so vielfältigen Weltstadt wie New York, immer wieder auf seine sichtbare Andersartigkeit zurückgeworfen, in ein restriktives Raster der (Selbst-)Identifikation gepresst sehen musste und sich gerade deshalb immer wieder im Mittelpunkt eines Mediums inszeniert, in dem ein Schönheitsideal als Identifikationsgrundlage eingefordert wird, das »blackness« – wenn überhaupt – nur in europäisierter Form zeigt. Diese Strategie allein hätte nämlich ein Festmachen der Identität des Künstlers hinter den Kulissen, in der realen Künstlerbiografie, zum Ziel. Indem er aber eine scheinbar Authentizität stiftende Verbindung der Figur des Künstlers, Dandys, Models und Herausgebers mit seinem Bild herstellt, das seinerseits den maskierten »Künstler« zeigt, vermittelt Udé, dass es kein »hinter den Kulissen« gibt. Mark Bessire formuliert treffend: »What is fascinating about Iké is the undefinable moment when he transforms his persona for the next moment. In an ever increasing battle of reception politics he will be victorious.«[1]


Die Ausstellung war von 17. Februar bis 18. März im OBORO Art Center in Montreal zu sehen und wird im Sommer 2001 in den Harvard University Art Museums, Cambridge, Massachusetts, gezeigt.

 

   

 

1 Mark H. C. Bessire: Foreword, in: Iké Udé. Beyond Decorum – The Photography of Iké Udé. Ausstellungskatalog. Hg. Mark H. C. Bessire und Lauri Fistenberg. Cambridge 2000, S. 9.

 

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